Social Media für Junge verbieten, Frau Gradl-Dietsch?
Text: Gertraud Gradl-Dietsch, Kinder- und JugendpsychiaterinEine Altersgrenze soll Jugendliche vor den Risiken sozialer Medien schützen. Doch was würde man ihnen damit nehmen? Einschätzungen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Das Wichtigste in Kürze
- Cybermobbing, unrealistische Körperideale und problematische Inhalte können Jugendliche psychisch belasten. Besonders gefährdet sind junge Menschen, die bereits psychisch vulnerabel sind.
- Statt eines pauschalen Verbots sind altersgerechte Grenzen, Gespräche und die Förderung der Medienkompetenz wichtig. Dabei sollte auch die Privatsphäre der Jugendlichen respektiert werden.
- Empfehlungsalgorithmen können Jugendliche immer wieder mit schädlichen Inhalten konfrontieren. Die Plattformen müssen ihre Angebote stärker auf den Entwicklungsstand junger Menschen ausrichten.
Die Sorge um die Auswirkungen sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche ist aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht berechtigt. Sozialer Vergleich, Cybermobbing, unrealistische Körperideale, Schlafmangel oder Inhalte zu Selbstverletzung, Suizidalität und Essstörungen können psychische Belastungen verstärken. Besonders gilt dies für vulnerable Jugendliche. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, soziale Medien grundsätzlich als Ursache psychischer Erkrankungen zu betrachten. Ihre Wirkung hängt von Entwicklungsphase, persönlichen Voraussetzungen sowie den Inhalten und Mechanismen ab.
Ein generelles Verbot erscheint daher wenig überzeugend. Soziale Medien sind Teil der Lebenswelt Jugendlicher: Hier finden Beziehungen statt, werden Informationen gesucht und Interessen geteilt.
Aus der Perspektive der Kinder- und Jugendpsychiatrie scheint deshalb die Qualität der Begleitung wichtiger als die Frage eines pauschalen Verbots. Dabei geht es besonders darum, Belastungen früh zu erkennen und vulnerable Jugendliche zu schützen. Gerade bei Jüngeren tragen Eltern eine besondere Verantwortung. Dazu gehört, altersangemessene Grenzen zu setzen, Interesse an der digitalen Lebenswelt ihrer Kinder zu zeigen und darüber im Gespräch zu bleiben. Dabei gilt es jedoch auch, das Bedürfnis der Jugendlichen nach Privatsphäre zu respektieren.
Mit zunehmender Autonomie könnte sich die Medienkompetenz der Jugendlichen entfalten. Dazu gehört mehr als der Umgang mit Bildschirmzeit. Sie sollten lernen, dass ihr Feed kein neutrales Abbild der Wirklichkeit ist und weshalb emotionalisierende, extreme oder stark körperbezogene Inhalte viel Aufmerksamkeit erhalten.
Die Verantwortung kann allerdings nicht allein bei Jugendlichen und Eltern liegen. Plattformen gestalten die digitale Umgebung und damit deren Risiken. Besonders kritisch sind Empfehlungsalgorithmen, die aus einzelnen Interaktionen zunehmend homogene Feeds erzeugen und vulnerable Jugendliche wiederholt mit potenziell schädlichen Inhalten konfrontieren. Fachgesellschaften fordern, dass Technologie Jugendliche nicht gezielt zu Inhalten etwa über Selbstverletzung, Suizidalität oder gestörtes Essverhalten hinführt und Plattformfunktionen stärker an den Entwicklungsstand junger Nutzerinnen und Nutzer angepasst werden.
Entscheidend ist also weniger, ob Jugendliche soziale Medien nutzen dürfen, sondern unter welchen Bedingungen. Sie brauchen Schutz und zugleich die Möglichkeit, einen kompetenten und zunehmend selbstständigen Umgang mit der digitalen Welt zu entwickeln. Dafür braucht es Eltern und Bezugspersonen, die Grenzen setzen und zugleich im Gespräch bleiben – und Plattformen, die ihrer Verantwortung für die digitale Umgebung junger Menschen gerecht werden.
Gertraud Gradl-Dietsch ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie forscht insbesondere zu den neurobiologischen Mechanismen von Magersucht. Weitere Interessen betreffen die Sportpsychiatrie und die Behandlungserwartung bei depressiven Störungen.
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