Social Media für Junge verbieten, Frau Wolfers?
Text: Lara Wolfers, MedienpsychologinEine Altersgrenze soll Jugendliche vor den Risiken sozialer Medien schützen. Doch was würde man ihnen damit nehmen? Argumente aus der Medienpsychologie.
Das Wichtigste in Kürze
- Studien finden nicht durchgehend negative Auswirkungen sozialer Medien auf das Wohlbefinden oder depressive Symptome. Wie Jugendliche darauf reagieren, ist sehr unterschiedlich.
- Ein Verbot würde Jugendlichen wichtige Räume für Meinungsbildung, Identitätsfindung und sozialen Austausch nehmen. Ausserdem könnte es offene Gespräche über negative Erfahrungen erschweren.
- Lara Wolfers plädiert dafür, Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen – etwa durch strengere Regeln für problematische Inhalte und Funktionen, die eine möglichst lange Nutzung fördern.
Laut Erhebungen der ZHAW nutzten 2024 fast 90 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz soziale Netzwerke zur Unterhaltung. 57 Prozent verwendeten sie auch zur Information. Viele sehen das kritisch: Sozialen Medien wird nachgesagt Depressionen zu begünstigen, Jugendliche zu radikalisieren und das Körperbild zu verschlechtern.
Die Forschung zeichnet ein weniger eindeutiges Bild von der Wirkung von Social Media auf Jugendliche. Zwar gibt es Hinweise auf problematische Effekte, etwa auf das Körperbild. Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden oder Depressionssymptome finden Studien aber oft nicht, auch weil Effekte sehr individuell sind. Zudem ist schwer zu unterscheiden, was Ursache und was Folge ist: Oft sind Nutzungsmuster Ausdruck von Problemen im Offline-Leben. Soziale Medien können diese Probleme verschlimmern oder auch einen Ort bieten, wo Betroffene Zuspruch finden. Kurz gesagt: Es ist kompliziert.
Sollten wir also soziale Medien bis 14 oder 16 verbieten? Dafür spräche, dass Jugendliche dort ungeeigneten Inhalten und unangenehmen Nachrichten begegnen. Bei einigen wäre die Zeit besser mit etwas anderem gefüllt. Ein Problem liegt auch im Geschäftsmodell der Plattformen: Sie haben Gewinnmaximierung und nicht das Wohlergehen ihrer Nutzenden zum Ziel. Das begünstigt extensive Datensammlung und Designs, um die Nutzungsdauer zu maximieren.
Es gibt aber auch gute Gründe gegen ein Verbot. Soziale Medien sind in unseren digitalen Gesellschaften politische Räume geworden, in denen Meinungsbildung stattfindet. Mit einem Verbot würden wir Jugendlichen einen wichtigen Raum für gesellschaftliche Teilhabe nehmen. Soziale Medien können ausserdem die Identitätsfindung unterstützen. Manchmal fehlen im direkten Umfeld Vorbilder, zum Beispiel jemand, der die gleiche sexuelle Orientierung hat. Die Plattformen bieten Einblicke in viele verschiedene Lebensentwürfe, sodass Jugendliche prüfen können, welcher zu ihnen passt.
Ein Verbot kann auch genau jene Gespräche erschweren, die für den Umgang mit negativen Erfahrungen wichtig sind. Wenn Eltern Instagram verboten haben und ihre Tochter es trotzdem nutzt, erzählt sie vielleicht nicht, dass ihr jemand übergriffige Nachrichten geschickt hat. Auch in der Schule ist es schwieriger, sich über Erfahrungen auszutauschen, die nicht «legal» erworben wurden. Forschung zur Medienerziehung hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Jugendliche über Medienerfahrungen sprechen.
Ein Verbot ist also nicht ideal. Aber um einfach so weiterzumachen wie bisher, machen zu viele Jugendliche negative Erfahrungen. Was sind also die Alternativen? Eine Möglichkeit wäre harte Plattformregulation mit Strafen, die sich an den Gewinnen der Anbieter orientieren. Social-Media-Konzerne haben ihre Möglichkeiten, das Wohlbefinden ihrer Nutzenden zu priorisieren, noch längst nicht ausgeschöpft. Wir könnten sie dazu zwingen, problematische Inhalte schnell und zuverlässig zu entfernen und Designelemente, die zu längerer Nutzung führen, standardmässig auszuschalten. Unser Ziel sollte sein, online Räume zu schaffen, in denen Jugendliche am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und sich ausdrücken können. Erst wenn das scheitert, sollten wir ein Verbot diskutieren.
Lara Wolfers ist Assistant Professor of Digital Lives an der Fakultät für Psychologie. Ihr Fokus liegt auf der Medienpsychologie: Sie erforscht den digitalen Alltag und wie digitale Medien das Wohlbefinden und soziale Beziehungen beeinflussen.
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