Unisonar S8|EP2: Lärm, Gesundheit und 5G
Wann wird ein Geräusch zum Gesundheitsrisiko? In der neuen Folge von «Unisonar» erklärt Umwelt-Epidemiologe Martin Röösli, warum Lärm mehr ist als nur störend – und weshalb wir andere Risiken oft überschätzen. Zum Beispiel jene von 5G.
Ob Baustelle, Verkehr oder Gespräche im Tram – Lärm begleitet uns im Alltag fast ständig. Doch was genau ist Lärm? «Rein physikalisch kann man das nicht sagen», erklärt Martin Röösli. Entscheidend sei vielmehr die Wirkung: «Lärm ist entweder schädlich oder unerwünscht.»
Das mache Lärm zu einem subjektiven Phänomen, erklärt der Professor für Umweltepidemiologie am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut. Was für die einen Musik ist, kann für andere belastend sein, je nach Situation, Kontext und persönlicher Wahrnehmung.
Wenn Geräusche zum Stressfaktor werden
Gesundheitlich problematisch wird Lärm vor allem dann, wenn er dauerhaft präsent ist. «Das Ohr schläft nie», sagt Röösli. Auch im Schlaf verarbeite unser Gehirn Geräusche und prüfe ständig, ob Gefahr droht.
Diese permanente Alarmbereitschaft kann Stress auslösen, selbst bei vergleichsweise niedrigen Pegeln. Bereits ab etwa 40 Dezibel zeigen Studien erste Effekte auf den Körper.
Auswirkungen auf Gesundheit und Entwicklung
Langfristig kann Lärm verschiedene gesundheitliche Folgen haben. Neben Schlafstörungen und Stressreaktionen stehen auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen im Zusammenhang mit dauerhafter Lärmbelastung.
Auch die kognitive Entwicklung kann betroffen sein. In einer Studie zeigte sich, «dass sich Jugendliche unter Lärmeinfluss weniger gut entwickelt haben» als ihre Vergleichsgruppe, so Röösli.
Ein unterschätztes Umweltproblem
Trotz dieser Effekte werde Lärm häufig unterschätzt, sagt Röösli. Ein Grund dafür sei die ungleiche Verteilung: «Viele Entscheidungsträger haben das Privileg, ruhig zu wohnen.»
Das mache Lärm auch zu einer gesellschaftlichen Frage. Wer stark betroffen ist, hat oft weniger Einfluss, während andere kaum Einschränkungen in Kauf nehmen wollen. Massnahmen wie Tempo 30 werden so schnell zur politischen Debatte.
Wie viel Risiko ist akzeptabel?
Neben Lärm beschäftigt sich Röösli auch mit Mobilfunk und 5G. Ein Thema, das bei vielen Menschen Sorgen auslöst. Doch im Vergleich zeige sich ein deutlicher Unterschied: «Lärm ist ein etablierter Risikofaktor», so Röösli, während für Mobilfunkstrahlung bislang keine vergleichbaren Gesundheitseffekte nachgewiesen wurden.
Das verdeutliche ein grundlegendes Problem im Umgang mit Risiken: «Es gibt Tausende von Umweltfaktoren. Ein völlig risikofreies Leben ist nicht möglich», sagt der Umweltepidemiologe.
Zwischen Wahrnehmung und Realität
Warum also sorgt 5G für mehr Verunsicherung als Lärm? Für Röösli spielt die Wahrnehmung eine zentrale Rolle. Unsichtbare und schwer greifbare Risiken bieten Raum für Ängste – während alltägliche Belastungen wie Lärm oft verdrängt werden.
Dabei sei gerade Lärm ein relevanter Faktor für die Gesundheit. In der Schweiz trägt er messbar zur Krankheitslast bei, auch wenn er selten als direkte Ursache wahrgenommen werde.
Lärm als Gestaltungsfrage
Für die Zukunft sieht Röösli vor allem eine Chance: Städte könnten so geplant werden, dass Lärm reduziert und Lebensqualität erhöht wird. «Man könnte den dichten Verkehr zu einem grossen Teil aus der Stadt rausnehmen», sagt er.
Ob sich solche Lösungen durchsetzen, hängt jedoch nicht nur von der Technik ab, sondern auch davon, wie viel Veränderung die Gesellschaft bereit ist mitzutragen.