Unisonar S8|EP1: Ernährung, Gewicht und Abnehmen
Warum ist es so schwierig, sich «richtig» zu ernähren? In der neuen Folge von «Unisonar» spricht Ernährungsspezialistin Eleonora Seelig darüber, warum Gewicht nicht nur eine Frage von Disziplin ist – und weshalb viele Ernährungstipps zu kurz greifen.
Zucker ist schlecht, Kohlenhydrate machen dick, Proteine sind die Lösung – rund ums Essen kursieren unzählige Regeln. Diese beeinflussen nicht nur, was wir essen, sondern auch, wie wir unseren Körper wahrnehmen.
Für Eleonora Seelig, stellvertretende Chefärztin Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus am Universitätsspital Basel, ist klar: Die Realität ist komplexer. Ernährung sei nicht einfach eine Frage von richtig oder falsch, sondern eng mit biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren verknüpft.
Übergewicht ist keine reine Willenssache
«Das Gewicht ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil wirklich genetisch festgelegt», sagt Seelig. Viele Menschen hätten ein biologisch vorgegebenes «Sollgewicht», gegen das anzukämpfen extrem schwierig sei.
Das widerspricht einer weit verbreiteten Annahme: dass Übergewicht vor allem mit mangelnder Disziplin zu tun habe. «Das ist eine komplett falsche Ansicht», betont Seelig. Stattdessen zeige die Forschung, dass hormonelle und neurologische Prozesse eine zentrale Rolle spielen.
Wenn der Körper gegen uns arbeitet
Ein Grund dafür liegt in unserer Evolution. «Wir sind gar nicht darauf vorbereitet, uns gegen das Übergewicht zu schützen», erklärt Seelig. Der menschliche Körper sei darauf ausgelegt, Energie zu speichern – nicht, sie im Überfluss wieder loszuwerden.
Diese Mechanismen werden besonders beim sogenannten Jo-Jo-Effekt sichtbar. Wer Gewicht verliert, reduziert oft auch den Energieverbrauch des Körpers. «Der Körper denkt: Mir geht Energie verloren – und reduziert die Verbrennung», sagt Seelig. Das mache es langfristig schwierig, ein tieferes Gewicht zu halten.
Abnehmen ist mehr als eine Diät
In der Adipositassprechstunde zeige sich, wie komplex Gewichtsreduktion ist. Viele Patientinnen und Patienten hätten bereits zahlreiche Diäten ausprobiert – oft mit kurzfristigem Erfolg. «Diese Menschen haben meistens schon viel versucht», so Seelig, «und häufig ist auch eine gewisse Verzweiflung da.»
Neben Ernährungsberatung und Bewegung spielen heute auch Medikamente eine Rolle. Die sogenannten «Abnehmspritzen» können das Sättigungsgefühl beeinflussen und den Appetit reduzieren. «Das sind keine Lifestyleprodukte, sondern Medikamente mit klarer Indikation», betont Seelig.
Zwischen Hoffnung und Hype
Trotz ihrer Wirksamkeit sind diese Medikamente kein Wundermittel. Sie greifen in komplexe hormonelle Prozesse ein und können Nebenwirkungen haben. Gleichzeitig verändern sie die Debatte rund ums Abnehmen – weg von moralischen Urteilen hin zu einer medizinischen Perspektive.
«Wir müssen wegkommen von der Stigmatisierung», sagt Seelig. Übergewicht sei eine chronische Erkrankung, keine persönliche Schwäche.
Was eine gesunde Ernährung wirklich ausmacht
Doch was bedeutet eigentlich «gesund essen»? Für Seelig ist die Antwort weniger spektakulär als viele Trends: «Eine gesunde Ernährung ist eine ausgewogene Ernährung.» Proteine seien wichtig, genauso wie Kohlenhydrate und Fette. Entscheidend sei das Zusammenspiel.
Reine Kalorienzählerei greife oft zu kurz. «Restriktive Diäten funktionieren nur für eine gewisse Zeit», sagt Seelig. Nachhaltig sei eine Ernährung, die sich in den Alltag integrieren lässt.
Zwischen Selbstbild und gesellschaftlichem Druck
Neben biologischen Faktoren spielt auch die Psyche eine wichtige Rolle. Übergewicht kann sowohl Ursache als auch Folge psychischer Belastungen sein. Hinzu kommt gesellschaftlicher Druck: «Was gewisse Patienten erleben, ist erschreckend», sagt Seelig mit Blick auf Stigmatisierung und Vorurteile.
Gleichzeitig sieht sie auch positive Entwicklungen, etwa die Body-Positivity-Bewegung. Entscheidend sei jedoch, gesundheitliche Risiken nicht aus dem Blick zu verlieren.
Gesundheit ist mehr als eine Zahl
Am Ende plädiert Seelig für einen differenzierten Blick. «Man muss nicht um jeden Preis ein Normalgewicht erreichen», sagt sie. Wichtiger sei, ein Gewicht zu finden, das langfristig gesund ist.
Und ein einfacher Massstab bleibe: «Wenn Sie sich wohlfühlen, ist das eine super Ausgangslage.»