Susanna Zimmermann – Denkerin der komplexen Formen.
Text: Angelika JacobsMathematikerin zu werden, war für Susanna Zimmermann nicht die offensichtliche Wahl. Heute gehört die Basler Professorin zu den führenden Forschenden auf dem Gebiet der birationalen Geometrie. Auf ihrem Weg an die Spitze der Mathematik musste sie auch lernen, Grenzen zu setzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Susanna Zimmermann forscht an der Universität Basel zur birationalen Geometrie. Für ihre Arbeit erhielt sie mehrere internationale Auszeichnungen und 2026 den Schweizer Wissenschaftspreis Latsis.
- Sie untersucht, wie komplexe geometrische Objekte zusammenhängen, und möchte besonders Mädchen und junge Frauen für Mathematik begeistern.
- Nach einem Burnout 2023 hat Zimmermann ihre Arbeitsweise verändert und lernte, Grenzen zu setzen. Dennoch ist und bleibt sie international und national hoch angesehen.
«Es ist ein bisschen wie das Stockholm-Syndrom», antwortet Susanna Zimmermann lachend auf die Frage, warum sie sich für ihr Forschungsthema begeistert. «Wenn man sich lange genug mit etwas beschäftigt, findet man es spannend.» Natürlich steckt mehr hinter ihrer Liebe zur Mathematik. Das wird schnell klar im Gespräch mit der Professorin, die Nachdenklichkeit mit scharfsinnigem Humor verbindet.
In Schweizer Mundart erzählt sie lächelnd von ihrer Kindheit in einem Glarner Bergdorf. «Ich mochte Mathe in der Schule und hatte das Glück, dass mein Umfeld das gut fand und förderte», erinnert sie sich. Trotzdem war ein Mathematikstudium nach der Matura nicht die offensichtliche Wahl. Im Gymnasium hatte sie sich gegen den Schwerpunkt Mathematik entschieden, der sehr von den Buben dominiert war. «Und die waren nicht besonders sozial.» Sie fürchtete, im Studium könnte es ähnlich sein.
Nach dem Schulabschluss arbeitete sie ein Jahr bei einer Bank in Zürich, um die Finanzbranche kennenzulernen. Doch diese überzeugte sie nicht. Der Fachbereich Mathematik in Basel hatte dagegen den Ruf, familiär zu sein. «Ich wollte es mit dem Mathestudium hier versuchen und habe es nicht bereut.»
Von Basel nach Frankreich und zurück
Heute arbeitet die 39-Jährige als Professorin am selben Departement, an dem sie einst studiert hat. «Die Rückkehr nach Basel war ein seltsames Gefühl, aber es ist auch schön, den Fachbereich von einer anderen Seite zu erleben.» Zwischen Studium, der anschliessenden Promotion in Basel und der Professur an ihrer Alma Mater lagen Forschungsjahre in Frankreich, unter anderem in Toulouse und am renommierten Institut de Mathématique d’Orsay der Université Paris-Saclay.
In ihrem Fachgebiet, der birationalen Geometrie, machte sie sich international einen Namen: Sie erhielt die Bronzemedaille des französischen Forschungszentrums CNRS, einen ERC Starting Grant und einen Frontiers of Science Award. Im Sommer 2026 hielt sie einen Vortrag am Internationalen Mathematikkongress, an dem auch die Fields-Medaille vergeben wird. Eine Einladung als Vortragende gilt als besondere internationale Auszeichnung.
Von Donuts und Tassen
Auf ihr heutiges Forschungsthema stiess Susanna Zimmermann schon im Doktorat. «Birationale Geometrie verbindet zwei Bereiche der Mathematik, für die ich schon im Studium ein Faible hatte.» Auf der einen Seite Algebra, in der man mit Variablen und Rechenregeln allgemeine Zusammenhänge beschreibt. Auf der anderen Seite Geometrie, die sich mit Formen, Grössen, Abständen und den räumlichen Beziehungen zwischen Objekten beschäftigt.
Zimmermann erklärt die übergeordnete Idee zunächst mit Knete: Ein Donut und eine Tasse mit Henkel lassen sich ineinander verformen, ohne dass dabei ein Loch entsteht oder verschwindet. Die beiden Formen sehen unterschiedlich aus, besitzen aber eine gemeinsame Struktur. «In meiner Forschung geht es ebenfalls darum, zu erkennen, wann verschieden aussehende geometrische Objekte auf einer tieferen Ebene miteinander verwandt sind», sagt sie.
Die untersuchten Objekte sind allerdings komplexe mathematische Räume, die durch algebraische Gleichungen beschrieben werden. Sie lassen sich mithilfe bestimmter Rechenregeln ineinander überführen. Zimmermann untersucht solche Transformationen und die Strukturen, die sie gemeinsam bilden. «Es ist ein sehr kreativer Prozess, über mathematische Probleme nachzudenken und sich mit anderen darüber auszutauschen», sagt sie.
Auch wenn ihre Forschung für Laien schwer greifbar ist: Ihr liegt viel daran, Berührungsängste gegenüber der Mathematik abzubauen. Besonders Mädchen und junge Frauen möchte sie für das Fach gewinnen. Als Professorin ist sie selbst ein sichtbares Vorbild. Auch weil sie ihre Arbeit mit der Rolle als alleinerziehende Mutter eines einjährigen Sohns verbindet. Wenn sie an Kongresse reist, nimmt sie ihr Kind und eine Begleitperson zur Betreuung mit. «Anders als früher wähle ich heute restriktiver aus, an welche Tagungen ich gehe und welche Angebote ich annehme.»
Auch wenn ihre Forschung für Laien schwer greifbar ist: Ihr liegt viel daran, Berührungsängste gegenüber der Mathematik abzubauen. Besonders Mädchen und junge Frauen möchte sie für das Fach gewinnen. Als Professorin ist sie selbst ein sichtbares Vorbild. Auch weil sie ihre Arbeit mit der Rolle als alleinerziehende Mutter eines einjährigen Sohns verbindet. Wenn sie an Kongresse reist, nimmt sie ihr Kind und eine Begleitperson zur Betreuung mit. «Anders als früher wähle ich heute restriktiver aus, an welche Tagungen ich gehe und welche Angebote ich annehme.»
Eigene Transformation
Ihre Zeit und ihre Kräfte einzuteilen, musste sie aber bereits lernen, bevor sie Mutter wurde. «Man muss wissenschaftlichen Output haben, um Forschungsgelder zu bekommen. Wer normale Arbeitszeiten einhält, produziert weniger Ergebnisse.» Diese Lebensweise forderte ihren Tribut. Nach einem Burnout 2023 musste sie eine eigene Transformation vollziehen, vom Workaholic zu einem gesünderen Mass an Arbeitsbelastung.
Wichtig war für sie die Erfahrung, dass ihre Anerkennung nicht darunter litt, weniger präsent zu sein. «Die Forschungsgemeinschaft hat mich nicht vergessen, nur weil ich nicht mehr an jede Konferenz reiste.» Sie setzt bewusster Grenzen und ist trotzdem für ihre Forschungsbeiträge national und international hoch angesehen. Im September 2026 wurde sie mit dem Schweizer Wissenschaftspreis Latsis ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Nachwuchsforschende in der Schweiz.
So schnell werden ihr die spannenden Fragen nicht ausgehen: «Während man über ein Problem nachdenkt, stösst man immer wieder auf neue interessante Aspekte», sagt sie. Manche müsse sie zunächst beiseitelegen, bis die Zeit gekommen ist, zu ihnen zurückzukehren.
Susanna Zimmermann ist seit Februar 2025 Professorin für Birationale Geometrie am Departement Mathematik und Informatik der Universität Basel. Ihr Fokus liegt darauf, komplexe algebro-geometrische Transformationen und deren Eigenschaften besser zu verstehen. Mit ihrem einjährigen Sohn wohnt sie in Basel.
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