Kriege, Krisen, Katastrophen.
Text: Christoph DieffenbacherAntike Geschichtsschreiber deuteten schwierige Zeiten ganz anders als wir. Altphilologe Gunther Martin findet den Blick zurück gerade heute lohnend.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Begriff «Krise» hatte in der Antike eine andere Bedeutung als heute.
- Antike Geschichtsschreiber deuteten Kriege und gesellschaftliche Umbrüche auf unterschiedliche Weise.
- Der Blick in die Antike zeigt, dass unser heutiges Verständnis von Krisen nicht selbstverständlich ist.
Im alten Rom gings drunter und drüber: Bürgerkriege, Hungersnöte und Seuchen griffen im 3. Jahrhundert n. Chr. um sich, in weiten Gebieten lagen Wirtschaft und Handel am Boden. Bewaffnete germanische und persische Truppen standen an den Grenzen des Reichs, während sich Provinzen wie Gallien und Syrien selbstständig machten. Soldaten wurden zu Kaisern ausgerufen, wieder abgesetzt oder gleich ermordet. Zudem stellte das Christentum jene alten Götterkulte zunehmend infrage, die im alten Rom jahrhundertelang zelebriert worden waren.
Diese Jahrzehnte von Not und Niedergang in der römischen Kaiserzeit finden sich unter dem Stichwort «Reichskrise» in den Geschichtsbüchern. Doch zum einen betraf sie nicht das ganze Imperium gleichermassen. Und zum andern litten die antiken Gesellschaften auch zuvor und danach regelmässig unter Krisen und Konflikten: «Kriege waren etwas Alltägliches», sagt Gunther Martin, interimistischer Leiter des Fachbereichs Gräzistik am Departement Altertumswissenschaften. Aggression und Gewalt prägten die Erfahrungen der Menschen – und sie gaben den späteren Geschichtsschreibern Anlass, die Vergangenheit zu erklären und einzuordnen.
Was ist eigentlich eine Krise?
Dem Altphilologen fiel zunächst auf, dass in der Antike der heutige Begriff «Krise» eine ganz andere Bedeutung besass: «‹Krisis› bedeutete im Altgriechischen so viel wie ein Entscheid oder ein Wendepunkt.» Zum Beispiel, wenn ein Gericht über ein Urteil beriet oder wenn sich herausstellte, ob ein kranker Patient auf Genesung hoffen konnte oder nicht. Das Wort bezeichnete jedenfalls nicht das, was wir heute mit Krise meinen.
Dagegen werde heute alles Mögliche mit dem Schlagwort «Krise» versehen, sagt Gunther Martin und zählt eine Reihe von Beispielen auf: «Banken, Klima, Corona, Ukraine – eine aktuelle Krise jagt die andere, und alle Krisen sind in unserer Wahrnehmung irgendwie miteinander verbunden.» Die Rede sei von Permakrise und multiplen Krisen, die sich erst noch gegenseitig dauernd hochschaukelten. Das könne so lange gehen, bis man – nun ja: «die Krise kriegt».
Dass gesellschaftliche Umbrüche als Krisen bezeichnet werden, ist in der Sprachgeschichte vergleichsweise neu. Im Deutschen setzte sich diese Bedeutung erst im 18. Jahrhundert durch. Der Basler Kunst- und Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818–1897) befasste sich als einer der Ersten mit Krisen in Staat, Religion und Kultur. Er definierte sie als «beschleunigte Bewegungen des ganzen Weltprozesses». Nicht genau so, aber doch ähnlich werde das Wort heute verstanden, sagt Gunther Martin: «Wir sehen Stabilität als Normalzustand, und wenn etwas die Ruhe stört, sprechen wir von einer Krise.»
Vom Sinn des Leidens
Dagegen hätten die Historiker der Antike die Zeiten von Kriegen und Not ganz unterschiedlich eingeordnet. Sie nahmen die «dunklen Seiten des Daseins» anders wahr als wir, wie der Altphilologe feststellt. Leidvolle Epochen konnten für die Bevölkerung als Bewährungsproben dienen, sie waren manchmal eine Folge vergangener Versäumnisse. Oder sie gingen auf eine ganz bestimmte Ursache zurück – zum Beispiel auf das Versagen eines angeschlagenen Kaisers oder eines inkompetenten Staatsmanns.
Eher abgeklärt sah es der griechische Geschichtsschreiber Thukydides im 5. Jahrhundert v. Chr.: Für ihn war der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta Teil einer höheren Ordnung, die in sich wiederum stabil war. Der Schriftsteller und Politiker Polybios hielt im 2. Jahrhundert v. Chr. mit didaktischer Absicht fest: Wenn die griechische Welt zerbricht, könne im Gegenzug eine neue Kultur entstehen – die römische. Ein Jahrhundert später beschrieb der Historiker Sallust den politischen und moralischen Verfall der römischen Republik unter anderem mit Begriffen, die an eine Krankheit erinnern.
Vor allem die heute in den Medien allgegenwärtig präsenten Krisen regten den Altphilologen dazu an, sich mit dem Begriff eingehender zu beschäftigen. Beeindruckt habe ihn, wie vielfältig die antiken Historiker die vergangenen Kriege und Konflikte gedeutet und interpretiert haben. Und: «Selbst wenn sie über fürchterliche Dinge schrieben, berichteten viele Geschichtsschreiber in erstaunlich sachlichem Ton.»
Die eigene Sicht hinterfragen
Unser Glaube an einen linearen Fortschritt, der dann und wann unterbrochen wird, sei der Antike eher fremd, fügt Gunther Martin hinzu. Ein Blick auf die griechischen und römischen Historiker könne uns davor warnen, unsere eigene Sichtweise als gegeben zu betrachten. Diese sei vielmehr nur eine von mehreren möglichen: nämlich das vorherrschende Narrativ oder die aktuelle Meistererzählung, wie es die Geschichtswissenschaft nennt. Übrigens: Auf die spätrömische «Reichskrise» versuchte der Staat laufend mit Reformen und Notfallmassnahmen zu reagieren – was aber den endgültigen Untergang Roms auch nur um eine gewisse Zeit hinauszögern konnte.
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