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Ausgabe 02/2026: Süsses Gift?

Faktencheck: Wie viel Hirn nutzen wir wirklich?

Text: Georg Keller

Der 10-Prozent-Mythos über das Gehirn hält sich hartnäckig. Tatsächlich sind fast alle Hirnareale selbst bei einfachen Tätigkeiten oder im Schlaf aktiv. Reserven besitzt unser Gehirn trotzdem – dank seiner Neuroplastizität.

Illustration einer Frau auf einer Leiter, die ein grosses Bild eines Gehirns malt
(Illustration: Kathrin Bänziger)

Die Behauptung, der Mensch nutze lediglich 10 Prozent seiner Gehirnkapazität, ist wissenschaftlich widerlegt. Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie zeigen, dass selbst bei einfachen Tätigkeiten oder im Schlaf fast alle Bereiche des Gehirns aktiv sind. Der Mythos entstand im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Der Psychologe William James schrieb um 1908, dass Menschen nur einen Bruchteil ihrer geistigen und körperlichen Ressourcen nutzen, nannte jedoch nie eine Prozentzahl. Die 10 Prozent wurden ihm später angedichtet.

Wenn die Koordination im Gehirn gestört ist

Bei Störungen der Gehirnfunktion, etwa bei Schizophrenie, kann das Problem in zu viel unkoordinierter Aktivität liegen. Ein Beispiel ist das sogenannte Default Mode Network, ein Netzwerk, das vor allem in Ruhe aktiv ist und bei gesunden Menschen während zielgerichteter Aufgaben herunterreguliert wird. Bei Menschen mit Schizophrenie bleibt es oft aktiv, wodurch sich interne Gedankengänge und externe Informationsverarbeitung überlagern. Ebenso lassen sich akustische Halluzinationen auf unkontrollierte Aktivität in der Hörrinde zurückführen, die das Gehirn fälschlicherweise als äussere Reize interpretiert. Das Problem ist hier nicht mangelnde Aktivität, sondern fehlerhafte Koordination.


Quelle erschienen in

Annual Review of Neuroscience (2024), doi: 10.1146/annurev-neuro-100223-121214

Georg Keller ist Neurobiologe und Forschungsgruppenleiter am Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research. Er untersucht, wie psychiatrische Behandlungen auf Gehirnnetzwerke wirken.


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