Faktencheck: Wie viel Hirn nutzen wir wirklich?
Text: Georg KellerDer 10-Prozent-Mythos über das Gehirn hält sich hartnäckig. Tatsächlich sind fast alle Hirnareale selbst bei einfachen Tätigkeiten oder im Schlaf aktiv. Reserven besitzt unser Gehirn trotzdem – dank seiner Neuroplastizität.
Die Behauptung, der Mensch nutze lediglich 10 Prozent seiner Gehirnkapazität, ist wissenschaftlich widerlegt. Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie zeigen, dass selbst bei einfachen Tätigkeiten oder im Schlaf fast alle Bereiche des Gehirns aktiv sind. Der Mythos entstand im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Der Psychologe William James schrieb um 1908, dass Menschen nur einen Bruchteil ihrer geistigen und körperlichen Ressourcen nutzen, nannte jedoch nie eine Prozentzahl. Die 10 Prozent wurden ihm später angedichtet.
Wenn die Koordination im Gehirn gestört ist
Bei Störungen der Gehirnfunktion, etwa bei Schizophrenie, kann das Problem in zu viel unkoordinierter Aktivität liegen. Ein Beispiel ist das sogenannte Default Mode Network, ein Netzwerk, das vor allem in Ruhe aktiv ist und bei gesunden Menschen während zielgerichteter Aufgaben herunterreguliert wird. Bei Menschen mit Schizophrenie bleibt es oft aktiv, wodurch sich interne Gedankengänge und externe Informationsverarbeitung überlagern. Ebenso lassen sich akustische Halluzinationen auf unkontrollierte Aktivität in der Hörrinde zurückführen, die das Gehirn fälschlicherweise als äussere Reize interpretiert. Das Problem ist hier nicht mangelnde Aktivität, sondern fehlerhafte Koordination.
Wo die Reserven des Gehirns wirklich liegen
Trotzdem hätte unser Hirn Reserven. Diese liegen aber nicht in ungenutzten Hirnarealen, sondern in der Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, seine mikroskopische Struktur und seine Netzwerke durch Erfahrungen anzupassen. Dieses Potenzial wird nicht durch das Zuschalten ungenutzter Areale erschlossen, sondern durch das kontinuierliche Erlernen komplexer Fähigkeiten.
Wie Sport die Neuroplastizität fördert
Eine der effektivsten Massnahmen, um diesen Prozess zu fördern, ist Sport. Körperliche Aktivität stimuliert die Produktion wichtiger Wachstumsfaktoren. Studien belegen, dass regelmässiges Ausdauertraining die Neubildung von Nervenzellen anregt und das Volumen spezifischer Gehirnareale vergrössert. Auch kurze, intensive Belastungsphasen unmittelbar nach dem Lernen verbessern die Festigung des Gelernten. Dadurch können neue kognitive oder motorische Fähigkeiten schneller und robuster verankert werden.
Georg Keller ist Neurobiologe und Forschungsgruppenleiter am Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research. Er untersucht, wie psychiatrische Behandlungen auf Gehirnnetzwerke wirken.
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