Odysseus in Süditalien
Mit der Expansion Griechenlands verbreitete sich auch Homers Heldengeschichte im westlichen Mittelmeerraum. Eine Spurensuche in Kalabrien, wo angeblich der Erbauer des Trojanischen Pferdes begraben worden ist und wo Basler Archäologinnen und Archäologen seit vielen Jahren Ausgrabungen durchführen.
29. September 2026 | Béatrice Koch
Am Ende von Christopher Nolans Film «Die Odyssee» verlässt Odysseus seine Heimatstadt Ithaka und segelt mit seiner Frau Penelope «nach Westen». Es ist eine Szene, die in Homers Vorlage nicht vorkommt. Für Martin A. Guggisberg, Professor für Klassische Archäologie an der Universität Basel, ergibt sie dennoch durchaus Sinn.
Zwar werden der Trojanische Krieg und Odysseus’ Irrfahrt ins 13. oder 12. Jahrhundert v. Chr. datiert. Homer erzählt die Geschichte aber aus seiner eigenen Zeit um 700 v. Chr., als Tausende Griechen ihre Heimatstädte verliessen, um auf Sizilien und in Süditalien neue Siedlungen zu gründen.
«Diese Expansion spiegelt sich in der Odyssee», erklärt Guggisberg. «So nimmt man an, dass die Seemonster Skylla und Charybdis auf die Gefahr von Schiffbrüchen in der Meerenge von Messina hindeuten und dass Homer die Grenze zum Hades in den Phlegräischen Feldern bei Neapel ansiedelte.» Für Homer und die griechischen Auswanderer verkörperte Odysseus den Prototyp des listenreichen Seefahrers, der sich in einer fremden Welt voller Gefahren zu behaupten wusste.
Allerdings galten die trojanischen Helden nicht nur für die griechischen Siedler, sondern zunehmend auch für die einheimische Bevölkerung als kulturelle Leitfiguren, auf die man sich berief. Ein Beispiel dafür ist Epeios, der mit der Siedlung von Francavilla Marittima am Golf von Tarent in Verbindung gebracht wird.
Ein Held für Griechen und Einheimische
Epeios ist ein wenig bekannter Held, der jedoch durch eine aussergewöhnliche Tat in Erinnerung blieb: Er war der Zimmermann, der Homer zufolge das Trojanische Pferd erbaute; bei Vergil gehört er zu den Männern, die in das Pferd stiegen. Auf der Rückkehr nach Griechenland gründete er in der Nähe von Francavilla Marittima eine Stadt und weihte im dortigen Heiligtum seine Werkzeuge der Athena.
«Der Mythos ist in der Bevölkerung bis heute sehr präsent», sagt Guggisberg. Er leitet seit 2009 die Ausgrabungen eines Gräberfelds bei Francavilla Marittima, das sich durch reiche Gräber aus der Zeit dieser frühen Kontakte auszeichnet. Funde von Stichel und Meissel zeigen, dass die Holzverarbeitung in Süditalien von besonderer Bedeutung war. Das könnte erklären, weshalb Epeios an diesem Ort verehrt wird.
«Männer wurden mit ihren Waffen oder mit ihren Werkzeugen begraben. Das zeigt uns, dass nicht nur ein militärisch geschickter Mann, sondern auch ein guter Handwerker Anführer sein konnte.» Odysseus war bekanntlich beides: ein listiger Krieger ebenso wie ein geschickter Zimmermann, der sein Floss und sein Ehebett selbst baute.
Spuren kultureller Verflechtung
«Bei den Gräbern der einheimischen Bevölkerung interessiert uns die Frage nach der kulturellen Verflechtung: Wie reagierten die Menschen, die schon dort lebten, auf die Ankunft der griechischen Siedler? Was haben sie von ihnen übernommen, was nicht?»
Ein Beispiel dafür ist ein verziertes Langschwert, das die Basler Archäologinnen und Archäologen in Francavilla entdeckt haben. Der Waffentypus stammte aus Griechenland und wurde gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. von einheimischen Anführern übernommen, als er dort bereits wieder verschwand.
«Das Langschwert war eine Waffe für heroische Zweikämpfe, wie sie bei Homer beschrieben werden. In Süditalien waren sie weiterhin wichtig. In Griechenland hingegen entstanden zu dieser Zeit straff organisierte Formationsheere, für die das Langschwert zu unhandlich war.»
Handel bis nach Athen
Der Austausch bestand auch in der Folgezeit. Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass die indigene Bevölkerung von den griechischen Siedlern unterdrückt und ausgebeutet wurde. Dies konnte nicht zuletzt durch die jüngsten Ausgrabungen revidiert werden. So kam in diesem Sommer ein Grab aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. mit einem reichen Ensemble attisch-schwarzfiguriger Keramik, insbesondere Trinkschalen, zum Vorschein. «Das zeigt, dass eine lokale Oberschicht existierte, die mit Athen Handel trieb und es sich leisten konnte, diese griechischen Gefässe in einem Grab zu deponieren.»
Eine der Schalen zeigt einen Kampf zwischen zwei Männern, hinter denen jeweils eine Frau steht. «Die Darstellung verweist wahrscheinlich ebenfalls auf Homer, wo Helden wie Achilles und Hektor oft von Göttinnen begleitet werden. Der Fund offenbart, dass die trojanische Vergangenheit hier im 6. Jahrhundert immer noch wichtig war.»
Ausgrabungen in Francavilla Marittima
Seit 2009 führt der Fachbereich Klassische Archäologie des Departement Altertumswissenschaften der Universität Basel unter der Leitung von Prof. Dr. Martin A. Guggisberg Ausgrabungen in der Nekropole «Macchiabate» bei Francavilla Marittima (Provinz Cosenza) in Kalabrien durch. Weitere Informationen zu den Grabungskampagnen und Forschungsergebnissen finden sich auf der Projektwebsite.