40 Jahre nach dem Brand von Schweizerhalle: Wie steht es um unsere Umwelt, Patricia Holm?
Der Brand von Schweizerhalle löste vor 40 Jahren ein massives Fischsterben im Rhein aus und prägte den Umweltschutz weit über die Schweiz hinaus. Die emeritierte Professorin Patricia Holm erinnert sich an die Katastrophe und erklärt, welche Umweltgefahren uns heute beschäftigen.
30. Oktober 2026 | Catherine Weyer
Am 1. November 1986 brach kurz nach Mitternacht in einer der Lagerhallen von Sandoz in Schweizerhalle ein Brand aus. In der Halle lagerten zahlreiche Chemikalien und Farbstoffe; welche Stoffe und in welchen Mengen, war zum Zeitpunkt des Feuers nicht bekannt. Bei den Löscharbeiten floss das Löschwasser mit den darin gelösten Chemikalien, sowie ihren Verbrennungs- und Reaktionsprodukten direkt in den Rhein.
Patricia Holm, woran denken Sie als erstes, wenn Sie an die Brandkatastrophe von Schweizerhalle denken?
Ich denke sofort an all die toten Fische, vor allem an die Aale, die überall im Rhein getrieben sind.
Wie haben Sie diesen Vorfall erlebt?
Ich war damals Doktorandin am Zoologischen Institut der Universität Heidelberg. In meiner Dissertation untersuchte ich, wie sich verschiedene Umweltfaktoren auf Fische auswirken. Wir hatten damals viele Versuche durchgeführt, bei denen wir Fische unter anderem Chemikalien aussetzten. Als ich am Morgen in den Nachrichten vom Brand bei Sandoz hörte, war mir sofort klar: Das ist ein Realexperiment. Ich bin damals sofort nach Mannheim gefahren, um mir ein Bild vom Rhein machen zu können.
Wie war die Situation in Mannheim?
Der Brand war kurz nach Mitternacht ausgebrochen. Als ich am Morgen davon erfuhr, waren in Mannheim die meisten Fische bereits tot. Für uns Forschende war es damals besonders dringlich, noch lebende Tiere für unsere Untersuchungen zu bekommen. Wir wollten die Zellstruktur unmittelbar nach der Belastung untersuchen, bevor der normale Zersetzungsprozess einsetzt. Und tatsächlich konnten wir noch fünf lebende Aale aus dem Rhein fischen – mit unseren blossen Händen.
Wie haben Sie sich in diesem Moment gefühlt?
Das war eine Extremsituation, in der ich unter Schock stand. Ich habe einfach nur funktioniert: Habe überlegt, wie ich am schnellsten nach Mannheim komme, welche anderen Leute ich aufbieten muss, welche Experimente es braucht.
Was haben Ihre Untersuchungen ergeben?
Wir fanden Schädigungen in allen Organen, die wir untersuchten. Dann ging es daran, diese zu interpretieren. Aale gelten eigentlich als robuste Fische, aber in diesem Fall waren sie am stärksten betroffen. Die grosse Frage war: Wieso sind bei diesem Unglück alle Aale bis zur Mündung des Rheins gestorben?
Besonders herausfordernd war, dass wir damals keinen Überblick darüber hatten, welche Chemikalien in den Rhein gelangt waren. Erst nach und nach erhielten wir diese Information. Wir wählten bestimmte Stoffe aus und untersuchten im Experiment, ob sie die beobachteten Schädigungen auslösen konnten. Schliesslich zeigte sich, dass vor allem Disulfoton, ein Organophosphat-Insektizid, für das Fischsterben verantwortlich war.
Schweizerhalle gilt als Wendepunkt für die Schweizer Umweltpolitik. Was hat sich verändert?
Die 1950 gegründete Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) war vor dem Unglück nicht besonders aktiv gewesen. Das änderte sich nach dem Brand. Die Anrainerstaaten des Rheins richteten eine Überwachungskette ein, die Messdaten in Echtzeit lieferte, um alle beteiligten Staaten zu informieren.
Schweizerhalle hat auch zu Veränderungen an der Universität Basel geführt: Hier wurde das Programm Mensch-Gesellschaft-Umwelt (MGU) ins Leben gerufen. Was hat man sich davon erhofft?
Das war eine direkte Folge des Brandfalls. Der Kanton Basel-Land stiftete 10 Mio Franken zur Gründung der Stiftung Mensch-Gesellschaft-Umwelt.. Die Stiftung sollte akademische Forschungs- und Lehrprogramme einrichten, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch um mehr Bewusstsein für Herausforderungen des Umweltschutzes zu schaffen. Was als interdisziplinäres Programm begann, habe ich ab 2003 ausgebaut und gemeinsam mit Kolleg:Innen aus den Sozial-und Wirtschaftswissenschaften in den Masterstudiengang «Sustainable Development» überführt. Auch in der Forschung haben wir viel unternommen.
Was sind rückblickend die wichtigsten Erfolge dieses Programms?
Die wichtigste Errungenschaft ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Viele Herausforderungen im Bereich Umweltschutz brauchen die Perspektive unterschiedlicher Fachrichtungen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse allein reichen nicht. Wir müssen auch verstehen, weshalb Menschen ihr Verhalten ändern oder eben nicht. Wenn die Menschen denken, dass sie das nichts angeht, oder wenn sie andere Sorgen haben, kommen wir nicht weiter.
Welche Herausforderungen stehen weiterhin an?
Wenn wir bei der Gewässerqualität und beim Gewässerschutz bleiben, ist unser Wissen über chronische Belastungen nach wie vor unvollständig. Dazu gehören komplexe Chemikaliengemische und ihre langfristigen Auswirkungen. Es braucht Langzeituntersuchungen, die den Einfluss solcher Chemikaliencocktails betrachten. Hinzu kommen steigende Wassertemperaturen durch den Klimawandel und die Ausbreitung gebietsfremder Arten. Gerade hier müssen wir interdisziplinär arbeiten und lösungsorientierte Handlungsoptionen entwickeln.
Hat die Schweiz aus der Umweltkatastrophe Schweizerhalle gelernt?
Mit der sogenannten Störfallverordnung wurden wesentliche Verbesserungen eingeführt. Heute gibt es genaue Dokumentationen darüber, welche Stoffe in welchen Hallen und in welchen Mengen gelagert werden. Das war ein entscheidender Schritt zu einer besseren Überwachung. Ein weiteres Beispiel ist die Rheinüberwachungsstation bei Weil am Rhein, die uns kontinuierlich Messdaten liefert.
Gibt es etwas, das wir bis heute nicht beherzigt haben?
Wo es noch Handlungsbedarf gibt, ist der Umgang mit schleichenden Umweltbelastungen. Dabei geht es um niedrige Konzentrationen von Schadstoffen, um Zwischenprodukte, die beim Abbau von Chemikalien in der Umwelt entstehen, und um die Auswirkungen auf besonders empfindliche Arten. Das ist eine grosse Herausforderung.
Vor 40 Jahren war es ein Industrieunglück. Wo sehen Sie heute die grossen Gefahren für unsere Umwelt?
Eine grosse Gefahr sehe ich in Chemikalien, die wir noch nicht gut kennen oder von denen wir wissen, dass sie unter normalen Umweltbedingungen nicht abgebaut werden. Dazu kommen ihre Abbau- und Zwischenprodukte sowie die Auswirkungen, wenn sie mit anderen Chemikalien zusammentreffen.
Ein weiteres grosses Thema ist Mikroplastik, mit dem ich mich in den vergangenen 14 Jahren intensiv beschäftigt habe. Plastik wird in der Umwelt zunehmend zu immer kleineren Partikeln zersetzt, die sich besonders gut verteilen können, auch über die Luft. Besonders problematisch sind Nanoplastikpartikel. Sie kommen in der Umwelt, in Tieren und Pflanzen und auch im Menschen vor. Sie können Zellbarrieren überwinden und in Zellen eindringen. Die Folgen der inzwischen weltweiten Verbreitung von Mikro-und Nanoplastik, bis hin in entlegene Ökosysteme wie die Antarktis und die Atmosphäre erfordern noch viele Untersuchungen und die Entwicklung von praktikablen Lösungsvorschlägen.
Glauben Sie, ein Fall wie Schweizerhalle könnte heute noch geschehen?
Hierzulande ist ein solches Ereignis heute unwahrscheinlicher, weil wir entsprechende Verordnungen haben, die auch umgesetzt werden. Allerdings kann technisches und menschliches Versagen selbst bei uns nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Prof. Dr. em. Patricia Holm war bis 2025 Professorin für Ökologie im Department Umweltwissenschaften und leitete die Forschungsgruppe Mensch-Gesellschaft-Umwelt. Sie hat die Schweiz als Expertin und Delegierte in der wissenschaftlichen beratenden Kommission der UNEP zu «Marine litter and microplastics» vertreten und forschte zum Thema Mikroplastik und invasive Arten.
