Braucht die Schweiz eine Zuckersteuer?
Text: Armando MeierIn über 60 Ländern gibt es bereits Steuern auf zuckerhaltige Getränke oder Lebensmittel. Studien zeigen, dass solche Abgaben den Konsum senken können. In der Schweiz setzt die Politik bisher auf freiwillige Massnahmen. Gesundheitsökonom Armando Meier erklärt, was für eine Zuckersteuer spricht und welche Fragen offen sind.
Das Wichtigste in Kürze
- Studien zeigen, dass der Konsum von Süssgetränken nach Einführung einer Zuckersteuer um 10 bis 33 Prozent sinkt.
- Statt einer Zuckersteuer verfolgt die Schweizer Politik bislang vor allem freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelindustrie zur Reduktion des Zuckergehalts.
- Eine Zuckersteuer könnte sich am Zuckergehalt der Produkte orientieren. Wie hoch sie in der Schweiz sein müsste und welche Lebensmittel betroffen wären, müsste noch untersucht werden.
Wer im Laden zu einem Süssgetränk oder einem Schokoriegel greift, bezahlt dafür an der Kasse nur ein paar Franken. Die Konsequenzen eines hohen Zuckerkonsums können die Allgemeinheit jedoch teuer zu stehen kommen. Denn er kann Langzeitfolgen für die Gesundheit haben. Das Bundesamt für Gesundheit nennt eine unausgewogene Ernährung als zentralen Risikofaktor für nicht übertragbare Krankheiten wie Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Pro Franken der Gesundheitskosten werden in der Schweiz rund 60 Rappen gemeinschaftlich finanziert. Wer viel Zucker konsumiert und davon krank wird, trägt die Kosten also nicht allein. Genau hier setzt die ökonomische Begründung für eine Zuckersteuer an: Menschen, die dann weiterhin viel Zucker konsumieren, leisten via Zuckersteuer einen grösseren Beitrag zu den gesellschaftlichen Kosten.
Süssgetränke als Zuckerquelle
Ein weiteres Argument für eine Zuckersteuer betrifft die Selbstkontrolle. In einer Umfrage bezeichneten 90 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten Zucker als Dickmacher. Dennoch essen und trinken viele Menschen mehr Zucker, als sie eigentlich möchten. So berichten in der Schweiz rund 25 Prozent, dass ihnen Selbstkontrolle schwerfällt, wenn es um gesunde Ernährung geht. Studien zeigen, dass der Konsum von Süssgetränken nach Einführung entsprechender Steuern um 10 bis 33 Prozent sinkt. Höhere Preise für stark zuckerhaltige Produkte motivieren also, den eigenen Zuckerkonsum einzuschränken. Bei den 18- bis 29-Jährigen stammen 20 Prozent des Konsums von zugesetztem Zucker aus Süssgetränken. Damit sind diese in der Schweiz eine der relevantesten Zuckerquellen.
Teurere Produkte könnten allerdings Haushalte mit tieferen Einkommen finanziell stärker belasten. Das wird in den Vereinigten Staaten, wo Süssgetränke auch häufiger in sozial schwächeren Familien konsumiert werden, immer wieder als Gegenargument einer Zuckersteuer ins Feld geführt. In der Schweiz zeigt sich ein anderes Bild: Hier ist der Literkonsum an Süssgetränken in Haushalten mit mehr Einkommen höher. Ökonomisch schwächere Haushalte wären also wahrscheinlich gar nicht so stark benachteiligt.
Die Schweizer Politik setzt bislang vor allem auf freiwillige Branchenvereinbarungen der Lebensmittelindustrie; mit der «Erklärung von Mailand» verpflichten sich Unternehmen, den Zuckergehalt von Joghurt, Cerealien und Süssgetränken zu senken. Auch die Bewerbung von Süssigkeiten für Kinder soll eingeschränkt werden, zumal deren Selbstkontrolle noch tiefer ist als bei Erwachsenen. Die bisherige Bilanz dieser Massnahmen ist gemischt: Bei der Kinderwerbung wurden die Ziele nicht erreicht. Beim zugesetzten Zucker gibt es hingegen Hinweise auf substanzielle Reduktionen. Welche Produkte betroffen sind und welchen Marktanteil sie haben, ist jedoch nicht öffentlich. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass die Industrie sehr systematisch gegen Zuckersteuern lobbyiert und sich dies ein Vermögen kosten lässt.
In der Schweizer Bevölkerung kommt die Idee, den Zuckerkonsum zu regulieren, besser an, als man vermuten könnte: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts gfs.bern konnte sich rund ein Drittel eine Steuer auf ungesunde Nahrungsmittel vorstellen und mehr als zwei Drittel fanden, dass Zucker staatlich eingeschränkt werden müsse. Gleichzeitig glaubten 70 Prozent nicht, dass Steuern Ernährungsgewohnheiten verändern. Möglicherweise wären sie diesbezüglich optimistischer, wenn die klar dokumentierten Konsumeffekte einer Zuckersteuer bekannter wären.
Je süsser, desto teurer
Die Einführung einer Zuckersteuer wäre aufwendig und es wären einige wichtige Fragen zu klären. Zum Beispiel: Welche Lebensmittel sollten besteuert werden? Würden natürlicherweise stark zuckerhaltige Produkte wie Fruchtsäfte oder Honig gleich besteuert wie Produkte mit zugesetztem Zucker wie Süssgetränke? Erfahrungen aus über 60 Ländern bieten aber eine erste Orientierung zur Beantwortung dieser Fragen. Bislang sind Steuern auf Süssgetränke am häufigsten und besten untersucht.
Zu berechnen, wie hoch eine Zuckersteuer sein sollte, ist nicht trivial. Aus volkswirtschaftlicher Sicht sollte sich die Höhe der Steuer am Zuckergehalt orientieren: Je mehr Zucker ein Produkt enthält, desto höher die Abgabe. Mit anderen Worten: Je süsser, desto teurer. Manche Länder arbeiten zusätzlich mit Schwellenwerten; in Grossbritannien gilt die Steuer beispielsweise ab 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Wie hoch eine Steuer hierzulande sein müsste, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwierig verlässlich zu bestimmen. Eine Berechnung als Entscheidungsgrundlage für die Politik ist aufwendig und muss für die Schweiz erst noch umfassend durchgeführt werden. Eine erste grobe Schätzung der ZHAW nennt 0,31 Franken pro Liter Süssgetränk.
Wie auch immer eine Zuckersteuer ausgestaltet wäre, sie würde niemandem das Magenbrot, die Tafel Schokolade oder eine Cola verbieten. Sie würde aber den Preis, den wir dafür zahlen, stärker mit den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen des Konsums verknüpfen. Eine Zuckersteuer ist zwar einschneidend, aber auch eine wissenschaftlich fundierte Option für die Prävention. Solche Optionen gibt es nur wenige. Bedenkt man, dass eine gesunde Ernährung zentral für die gesundheitspolitischen Ziele der Schweiz ist, wäre es an der Zeit, eine Zuckersteuer ernsthaft zu diskutieren.
Armando Meier ist Professor für Gesundheitsökonomie. Dieses Feld verknüpft er in seiner Forschung mit Verhaltens- und Bildungsökonomie sowie mit Public Policy.
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