Aspartam, Xylit und Co.
Text: Yvonne VahlensieckSüssstoffe und Zuckeralkohole können Zucker ersetzen, ohne den Blutzuckerspiegel ähnlich stark zu beeinflussen. Wie Aspartam, Xylit und Erythrit auf Stoffwechsel, Sättigung und Gesundheit wirken, untersuchen Forschende der Universität Basel.
Das Wichtigste in Kürze
- Zuckeralternativen wie Aspartam, Xylit oder Erythrit unterscheiden sich chemisch und können deshalb unterschiedlich auf den Körper wirken.
- Basler Studien zeigen, dass die Zuckeralkohole Xylit und Erythrit die Ausschüttung von Botenstoffen fördern können, die an der Sättigung beteiligt sind.
- Viele Zuckeralternativen schneiden im direkten Vergleich mit Zucker günstig ab; ihre langfristigen gesundheitlichen Wirkungen sind jedoch je nach Substanz noch nicht abschliessend geklärt.
Schokolade macht glücklich: Der darin enthaltene Zucker bewirkt, dass Botenstoffe das Belohnungszentrum im Gehirn stimulieren. Kein Wunder also, dass wir so oft Lust auf Süsses haben.
Doch ein hoher Zuckerkonsum begünstigt Übergewicht und erhöht das Risiko für andere Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Leberverfettung und Krebs. Die WHO empfiehlt Erwachsenen deshalb, täglich höchstens zwölf Teelöffel Zucker zu konsumieren, besser noch höchstens sechs, also 50 beziehungsweise 25 Gramm.
«Am allerbesten wäre es, so wenig zugesetzten beziehungsweise freien Zucker wie möglich zu konsumieren», sagt die Ärztin und Forscherin Bettina Wölnerhanssen von der Universität Basel und der St. Clara Forschung des Claraspitals in Basel. Gemeint sind Haushaltszucker, aber auch Zucker aus Honig, Sirupen und Fruchtsäften, nicht aber der natürlicherweise in ganzen Früchten oder ungesüssten Milchprodukten enthaltene Zucker.
Welche Zuckeralternativen gibt es?
Wer dem süssen Geschmack nicht ganz entsagen kann, hat verschiedene Zuckeralternativen zur Auswahl, die weniger oder keine Kalorien enthalten und den Blutzuckerspiegel kaum bis gar nicht beeinflussen. Dazu gehören synthetisch hergestellte Süssstoffe wie beispielsweise Aspartam, das zweihundertmal süsser schmeckt als Zucker. Oder sogenannte Zuckeralkohole wie Xylit und Erythrit, die auch natürlicherweise etwa in Beeren und Gemüse vorkommen. Ihre Süsskraft entspricht ungefähr der von Zucker.
Wie sicher sind Süssstoffe wie Aspartam?
Viele Zuckeralternativen haben ein schlechtes Image. Sie sollen beispielsweise Heisshungerattacken auslösen und so erst recht zu Übergewicht führen. Auch Bauchweh oder sogar ein erhöhtes Krebsrisiko wird ihnen nachgesagt. Einige dieser Bedenken lassen sich durch die bisherige Forschung allerdings nicht bestätigen oder betreffen vor allem sehr hohe Dosierungen.
Ein Beispiel ist der Süssstoff Aspartam, der in vielen Diätgetränken steckt: Zwar stufte die IARC, eine Agentur der WHO, ihn als «möglicherweise krebserregend für den Menschen» ein. Allerdings hängt das Risiko stark von der Dosis ab. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat eine akzeptable tägliche Aufnahmemenge von 40 Milligramm Aspartam pro Kilo Körpergewicht festgelegt. Ein 70 Kilogramm schwerer Erwachsener müsste demnach an einem Tag mehr als 14 Getränkedosen mit je 200 Milligramm Aspartam konsumieren, um diesen Wert zu überschreiten. Auch für andere Süssstoffe gelten entsprechende Richtwerte.
Die negative Berichterstattung über gesundheitsschädliche Wirkungen beruhe oft auf einer Überinterpretation von Studienergebnissen, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin und Forscherin Anne Christin Meyer-Gerspach von der Universität Basel und der St. Clara Forschung des Claraspitals. «Die Ergebnisse stammen beispielsweise oft aus Tierversuchen und wurden nie in kontrollierten Interventionsstudien mit Menschen bestätigt.»
Was über die langfristige Wirkung noch unbekannt ist
Obwohl bisherige Erkenntnisse keinen Anlass geben, Süssstoffe bei üblichen Verzehrmengen als unsicher einzustufen, sind noch einige Fragen offen: «Jede mögliche Zuckeralternative hat eine andere chemische Struktur und wirkt deswegen auch unterschiedlich auf den Körper», so Meyer-Gerspach. Für einzelne neuere Substanzen gibt es noch wenig Daten.
Einige dieser Wissenslücken konnten die beiden Forscherinnen in den letzten Jahren schliessen. In ihren Studien bekommen Versuchspersonen definierte Mengen an Zuckeralternativen oder Zucker verabreicht. Anschliessend misst und vergleicht das Team die Effekte auf den Stoffwechsel, zum Beispiel auf die Sättigung oder die Insulinausschüttung.
Xylit und Erythrit: Effekte auf Sättigung und Verträglichkeit
Der Fokus der Forscherinnen lag in den letzten Jahren auf den Zuckeralkoholen Xylit und Erythrit. Diese zeigten in mehreren Stoffwechselstudien interessante Eigenschaften. Beispielsweise regen sie genau wie Zucker die Ausschüttung der Botenstoffe an, die das Sättigungszentrum im Gehirn stimulieren. «Das stellt die gängige Hypothese infrage, dass nur kalorienhaltige Nahrung Sättigungsgefühle auslösen kann», so Meyer-Gerspach. Bei künstlichen Süssstoffen wurde ein so starker Sättigungseffekt bislang nicht beobachtet.
Darüber hinaus erwies sich vor allem Erythrit zumindest bei der begrenzten Anzahl an Versuchspersonen selbst in hohen Dosen als gut verträglich. In grösseren Mengen können Zuckeralkohole allerdings bei manchen Menschen abführend wirken.
Erythrit als Zuckerersatz bei Jugendlichen
In einer kürzlich abgeschlossenen, noch nicht publizierten Studie untersuchten die Forscherinnen, ob sich Erythrit auch für Jugendliche als Zuckerersatz eignet. Die Versuchsteilnehmenden nahmen fünf Wochen lang zusätzlich zu ihrer normalen Ernährung täglich entweder 25 Gramm Zucker oder – aufgrund der etwas geringeren Süsskraft – 36 Gramm Erythrit zu sich.
«Schon nach dieser kurzen Zeit zeichneten sich bei der Gruppe, die Zucker bekam, ungünstige Veränderungen einzelner Stoffwechselwerte ab», berichtet Wölnerhanssen. Zum Beispiel stieg der Insulinwert in nüchternem Zustand signifikant an. Langfristig könnten solche Veränderungen das Diabetes-Risiko erhöhen. Dieser Effekt trat bei der Einnahme von Erythrit nicht auf. Diese Gruppe der Jugendlichen nahm im Verlauf der Studie auch insgesamt weniger Kalorien zu sich. Dies werten die Forscherinnen als Zeichen, dass der Zuckeralkohol die Lust auf Süsses befriedigt.
«Die Ergebnisse illustrieren zudem eindrücklich, dass der Stoffwechsel von Jugendlichen besonders empfindlich auf Zucker reagiert», so Wölnerhanssen. Sie rät Teenagern deshalb, ihren Zuckerkonsum entsprechend der WHO-Empfehlung zu reduzieren.
Zuckeralternativen sind nicht alle gleich
Unterm Strich schneiden viele Zuckeralternativen beim direkten Vergleich mit Zucker günstig ab. Wie sich langfristiger und regelmässiger Konsum auf die Gesundheit auswirkt, kann sich jedoch von Substanz zu Substanz unterscheiden und ist noch nicht abschliessend geklärt, betonen die Forscherinnen. Dass langfristig hoher Zuckerkonsum der Gesundheit schadet, ist hingegen in vielen Studien belegt.
Bettina Wölnerhanssen ist Titularprofessorin und forscht am Departement Klinische Forschung der Universität Basel. Sie ist Co-Leiterin der Forschungsgruppe Metabolik/Gastroenterologie der St. Clara Forschung am Claraspital.
Anne Christin Meyer-Gerspach hat eine Titularprofessur an der Universität Basel inne, ist Forschungsgruppenleiterin am Departement Klinische Forschung und Co-Leiterin der Forschungsgruppe Metabolik/Gastroenterologie der St. Clara Forschung am Claraspital.
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