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Ausgabe 02/2026: Süsses Gift?

Diabetes kann auch Menschen ohne Übergewicht treffen.

Interview: Santina Russo

Typ-2-Diabetes betrifft zunehmend auch Kinder. Doch nicht nur Übergewicht und Bewegungsmangel spielen bei der Entstehung eine Rolle. Die Basler Stoffwechselexpertin Eleonora Seelig erklärt, wie sich Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterscheiden, welche Behandlungen es gibt und wie man vorbeugen kann.

Insulinspritzen in kaleidoskop-ähnlichen Facetten
Durch die Zucker-Linse: Insulinsspritzen. (Foto: Adobe Stock, bearbeitet mit ChatGPT-5.6 Sol)

UNI NOVA: Eleonora Seelig, Diabetes gilt als Wohlstandskrankheit. Sehen Sie das auch so?

Eleonora Seelig: Nur zum Teil. Bei Typ-2-Diabetes sind Adipositas und Bewegungsmangel tatsächlich starke Risikofaktoren. Leider sehen wir die Erkrankung immer häufiger schon bei Kindern, und bei ihnen hat das meistens mit starkem Übergewicht zu tun. Aber es gibt weitere Risikofaktoren, etwa das Alter oder eine genetische Veranlagung. Typ-1-Diabetes wird dagegen nicht durch Lifestyle-Faktoren verursacht.

Erinnern Sie uns: Was ist der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2?

Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Betazellen, zerstört. Dadurch wird kaum noch Insulin produziert. Das ist das Hormon, das dafür sorgt, dass der Zucker, den wir mit der Nahrung aufnehmen, aus dem Blut unter anderem in die Muskeln und ins Fettgewebe gelangt und dort verstoffwechselt wird. Fehlt es, steigt der Blutzuckerspiegel unkontrolliert an. Darum müssen Patientinnen und Patienten das Insulin von aussen zuführen.

Das klingt anspruchsvoll.

Das ist es. Die Bauchspeicheldrüse misst laufend, wie viel Zucker im Blut ist und wie viel Insulin sie abgeben muss. Diese Arbeit müssen nun die Patienten selbst übernehmen. Sie lernen, abzuschätzen, wie viel Kohlenhydrate in verschiedenen Nahrungsmitteln enthalten sind und wie viel Insulin dafür nötig ist. Gleichzeitig müssen sie wissen, wie hoch ihr Blutzuckerspiegel vor dem Essen war, etwa abhängig davon, ob sie Sport gemacht haben. Heute gibt es moderne Pumpensysteme, die mit einem Glukosesensor verbunden sind und einen Teil der Insulingabe automatisch übernehmen. Dennoch bleibt es für Betroffene aufwendig, ihren Blutzucker im Griff zu haben.

Werden hier neue Therapieansätze erforscht?

Ja. Eine Idee ist, neue insulinproduzierende Zellen aus Stammzellen zu erzeugen und zu transplantieren. Solche Zellen lassen sich modifizieren, sodass sie vom Immunsystem nicht angegriffen werden. Diese Zelltherapien sind aber noch nicht ausgereift genug, um sie bei Patientinnen und Patienten einzusetzen.

Und wie ist die Situation bei Typ-2-Diabetes?

Bei Typ-2-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse zwar Insulin, aber das Gewebe ist dagegen zunehmend resistent. Im Vergleich zu Typ 1 steigt der Blutzucker langsamer an. Darum treten bei Typ 2 die Symptome wie erhöhtes Durstempfinden, häufiger Harndrang, Gewichtsverlust und Müdigkeit schleichender auf als bei Typ 1. Das kann dazu führen, dass die Krankheit lange unbemerkt bleibt. So können sich über Jahre Folgeschäden entwickeln, etwa eine verminderte Nierenfunktion und Blutgefässverkalkungen oder man verliert das Empfinden in den Füssen. Bei der Behandlung geht es unter anderem darum, den Blutzucker zu senken und die Insulinresistenz des Gewebes zu reduzieren.

Welche Möglichkeiten hat man dafür?

Ein starker Hebel sind Lifestyle-Änderungen, indem übergewichtige Patienten abnehmen und sich mehr bewegen. Zusätzlich helfen Medikamente. Häufig wird Metformin verschrieben, das einerseits die Zuckerproduktion in der Leber bremst und andererseits die Insulinempfindlichkeit des Gewebes verbessert. Weitere wichtige Medikamente sind GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid, die den Blutzucker senken, das Sättigungsgefühl verstärken und häufig zu einer Gewichtsabnahme führen.

Weiss man denn, wie diese Insulinresistenz entsteht?

Es gibt verschiedene Hypothesen. Eine überzeugende Erklärung ist für mich die sogenannte Lipotoxizität: Normalerweise wird überschüssige Energie im Fettgewebe gespeichert, und wenn dieser «gesunde» Speicher ausgeschöpft ist, auch in der Muskulatur und in Organen wie der Leber. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die die Insulinwirkung in den Zellen beeinträchtigen können. Zusätzlich spielen andere Mechanismen wie die Verteilung des Körperfetts, freie Fettsäuren und Entzündungsbotenstoffe eine Rolle. Welche Faktoren dominieren, unterscheidet sich vermutlich von Mensch zu Mensch. Das könnte auch erklären, warum Typ-2-Diabetes bei Menschen ohne Übergewicht auftreten kann: Entscheidend ist nicht nur das Körpergewicht, sondern auch, wo das Fett gespeichert wird und wie gut das Fettgewebe überschüssige Energie aufnehmen kann.

Neben Übergewicht ist ein Risikofaktor auch schlicht das Alter. Wie kann man sich schützen?

Auch hier liegt der Hebel vor allem im Körpergewicht. Wer auf seine Ernährung achtet und sich viel bewegt, reduziert sein Typ-2-Diabetes-Risiko. Sinnvoll ist es auch, seinen Blutzuckerwert ab einem Alter von 35 Jahren etwa alle drei Jahre messen zu lassen, um Diabetes früh zu erkennen und rechtzeitig zu reagieren.

Sie selbst erforschen Steroiddiabetes, jene Form, die nach Einnahme von Steroiden wie Cortison entstehen kann.

Richtig. Wir wissen, dass Cortison die Zuckerproduktion in der Leber steigert und gleichzeitig die Wirkung des Insulins im Gewebe hemmt. In der Medizin wird Cortison allerdings breit eingesetzt, um Entzündungsreaktionen zu bremsen, etwa bei Asthma, Hauterkrankungen oder Gelenkschmerzen. Umso wichtiger ist es, seine Nebenwirkungen aufzufangen. Wir haben Hinweise darauf, dass das erwähnte Diabetes-Medikament Metformin auch das Risiko für Steroiddiabetes senkt. Nun wollen wir in einer klinischen Studie untersuchen, was passiert, wenn Patientinnen zusammen mit dem Cortison präventiv auch Metformin nehmen. Das Medikament ist gut verträglich und meine Hoffnung ist, dass wir damit einen Steroiddiabetes verhindern können.

Wie sind Sie zum Thema Diabetes gekommen?

Ich habe bereits in meiner Doktorarbeit mit Patienten mit Typ-1-Diabetes gearbeitet. Damals habe ich sie in einer klinischen Studie auch über Nacht betreut und durfte sie zu vielem ausfragen. Dabei habe ich unfassbar viel von ihnen gelernt. Das hat mich fasziniert. Auch heute noch lerne ich jeden Tag von meinen Patientinnen.


Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (November 2026).

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