Süsser Segen – warum Honig und Süssigkeiten zum Judentum gehören.
Text: Michelle IslerBei vielen jüdischen Festen spielen Honig und andere süsse Speisen eine besondere Rolle. Sie können für Segen, Freude, Wohlstand oder Befreiung stehen und verbinden körperlichen Genuss mit spiritueller Bedeutung.
Das Wichtigste in Kürze
- Süsse Speisen spielen bei zahlreichen jüdischen Festen eine Rolle und können Segen, Freude oder Wohlstand symbolisieren.
- Honig hat eine besondere religiöse Bedeutung und ist unter anderem eng mit Rosch ha-Schana und dem Wunsch nach einem guten und süssen neuen Jahr verbunden.
- Auch an Pessach und anderen Festen verbinden sich süsse Speisen mit Erinnerung, Befreiung, Genuss und spiritueller Bedeutung.
Eine bekannte Schokoladenmarke wirbt mit dem Slogan «die zarteste Versuchung». Wer beim Dessert zuschlägt, beichtet später: «Ich habe gesündigt.» Umgangssprachlich sind Sünde und Süssigkeiten eng verknüpft. Beispiele aus dem Judentum zeigen: Das geht auch ganz anders.
«Praktisch an jedem jüdischen Fest spielt Süsses eine Rolle», sagt Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel. Bei Hochzeiten etwa wurden schon in der Spätantike Nüsse oder Süssigkeiten auf das Brautpaar geworfen, beim Freudenfest Simchat Tora fangen Kinder in der Synagoge Bonbons auf, die die Erwachsenen von der Empore herabwerfen. Das Geworfene werde dabei als Zeichen eines guten Lebens als Segen oder Freude verstanden, so Bodenheimer.
Noch älter und theologisch bedeutsamer ist Honig, auf Hebräisch D’wasch. Das Wort taucht in der Tora mehrfach auf, wobei es meist für Dattelhonig steht. So etwa, wenn in der Tora die sieben Früchte Israels aufgelistet sind: Weizen, Gerste, Trauben, Feigen, Granatapfel, Oliven – und Honig. An anderer Stelle verheisst Gott den Israeliten in der ägyptischen Wüste das Land Israel als «ein Land, in dem Milch und Honig fliessen».
Honig an Rosch ha-Schana: Ein süsses neues Jahr
Dass Honig Wohlstand und Gottes Zugewandtheit symbolisiert, zeigt sich aber nicht nur in diesen Textstellen, sondern auch praktisch am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana: Normalerweise streuen Jüdinnen und Juden beim Brotsegen am Schabbat Salz aufs Brot. «Am Neujahrsfest tunkt man es in Honig», sagt Bodenheimer. Dieser Brauch sei schon vor über tausend Jahren beim in Babylon (heute: Irak) lebenden Religionsführer Hai Gaon (939–1038) belegt.
«Später entstand im europäischen Raum der Brauch, dass vor dem Essen Apfelschnitze verteilt werden, jeder seinen Schnitz in Honig taucht und einen Segensspruch spricht, mit dem er Gott um ein gutes und süsses Jahr bittet.» Heute stehe dieser Spruch in allen Gebetsbüchern, «aber auch bis weit ins säkulare Judentum ist Honig verknüpft mit dem Beginn des neuen Jahres».
Pessach: Süsse Befreiung aus bitterer Sklaverei
Am jüdischen Pessachfest zur Feier der Befreiung aus Ägypten haben je nach Region Äpfel, Nüsse oder Datteln eine symbolische Bedeutung: Sie werden zu einem süssen Mus verarbeitet, das man zusammen mit etwas Bitterem wie Chicorée oder Lattich isst. Das bräunliche Mus solle einerseits an den Lehm erinnern, den die Israeliten als Sklaven in Ägypten verarbeiten mussten. Als süsse Zutat des rituellen Essens «symbolisiert das Mus aber auch die Befreiung aus der bitteren Sklaverei», sagt Bodenheimer.
Von Chanukka bis Schawuot: Genuss und Spiritualität
Und natürlich gebe es viele andere jüdische Feste, bei denen Süssigkeiten heute fester Bestandteil sind, ohne dass der Zuckergehalt eine theologische Bedeutung habe – von berlinerähnlichen Sufganiyot an Chanukka bis Käsekuchen am Wochenfest Schawuot. «Körperliche Genüsse und spirituelle Erhöhung haben generell eine sehr enge Verbindung im Judentum», resümiert Alfred Bodenheimer. Es gelte zwar das Gebot, dem eigenen Körper Sorge zu tragen. «Solange er nicht überbordet, hat der Genuss von Süssem aber überhaupt keinen negativen Aspekt.»
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