Diskreter zur «Pille danach».
Interview: Noëmi KernWer Notfallverhütung braucht, muss in der Apotheke intime Fragen beantworten. Esther Spinatsch hat ein digitales Tool entwickelt, das diese Situation angenehmer machen soll.
Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz wird die «Pille danach» jährlich rund 100'000 Mal abgegeben. Vor der Abgabe in der Apotheke ist ein Beratungsgespräch nötig.
- Mit der Web-Anwendung Eviflow können Frauen intime Fragen bereits vor dem persönlichen Gespräch diskret beantworten.
- Die digitalen Angaben sollen das Apothekenpersonal bei der Beratung unterstützen und mehr Raum für individuelle Fragen schaffen.
UNI NOVA: Frau Spinatsch, wer sind die Frauen, die in der Schweiz eine «Pille danach» benötigen?
Esther Spinatsch: Hierzulande wird die «Pille danach» etwa 100 000 Mal pro Jahr abgegeben, das Durchschnittsalter liegt bei rund 26 Jahren. Es sind also nicht überwiegend Teenager, die unerfahren oder nicht aufgeklärt sind. Die Gründe sind vielfältig. Häufig wurde beim Geschlechtsverkehr nicht verhütet, in anderen Fällen kam es beispielsweise zu einem Verhütungsfehler. Solche Erkenntnisse sind auch für die Prävention wichtig, denn ungeschützter Geschlechtsverkehr kann nicht nur zu einer ungewollten Schwangerschaft führen, sondern birgt auch das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen. Entscheidend ist für mich aber, Frauen in dieser Situation nicht zu stigmatisieren und ihnen keine Vorwürfe zu machen.
Wie niederschwellig ist der Zugang zur Notfallverhütung?
In der Schweiz ist die «Pille danach» seit 25 Jahren ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Vor der Abgabe findet jedoch ein Beratungsgespräch statt. Immer wieder wird diskutiert, ob diese Voraussetzung eine zu hohe Hürde darstellt und der Zugang noch einfacher werden sollte.
Finden Sie das richtig?
Grundsätzlich finde ich einen niederschwelligen Zugang sehr wichtig. Ich arbeite selbst regelmässig in einer Basler Apotheke und führe dort Beratungen zur «Pille danach» durch. Ich halte es aber nicht für sinnvoll, gänzlich auf die Beratung zu verzichten. In der Schweiz gibt es verschiedene Präparate zur hormonellen Notfallverhütung. Welche Option am besten geeignet ist, hängt von der individuellen Situation ab. Ziel des Gesprächs ist deshalb, die Frau bei der Wahl der für sie besten Notfallverhütung zu unterstützen. Viele Frauen schätzen zudem die Möglichkeit, mit einer Fachperson über ihre Situation und weitere Fragen rund um Verhütung und sexuelle Gesundheit zu sprechen.
Weshalb gilt das Beratungsgespräch dennoch als Hürde?
Die Situation, in der eine Frau die «Pille danach» benötigt, kann emotional belastend sein. Eine der grössten Sorgen der Frauen ist mangelnde Diskretion. Gleichzeitig braucht das Fachpersonal für eine seriöse Beratung sehr persönliche Informationen.
Wann war der ungeschützte Geschlechtsverkehr? Wann war die letzte Monatsblutung? Nimmt die Frau Medikamente oder stillt sie? Das hilft bei der Einschätzung, wie wahrscheinlich eine Schwangerschaft ist und welche Notfallverhütung am besten geeignet ist.
Sie haben ein digitales Tool entwickelt, das die Beratungssituation erleichtern soll. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Für mich ist es ein Herzensprojekt. Ich sehe einen konkreten Bedarf, Frauen in dieser Situation besser zu unterstützen und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige Beratung zu ermöglichen. Neben der praktischen Arbeit kenne ich die Notfallverhütung auch aus wissenschaftlicher Perspektive. Vor rund zehn Jahren habe ich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Notfallverhütung in der Schweiz Protokolle von Beratungsgesprächen ausgewertet. Diese waren auf Papier ausgefüllt, was auch heute noch oft der Fall ist. Dabei entstand die Idee einer digitalen Lösung.
Was brauchte es, um aus der Idee ein praxistaugliches Tool zu machen?
2019 hatten wir eine erste Version des Tools. Später wurde die Anwendung technisch grundlegend überarbeitet und im Rahmen eines universitären Forschungsprojekts während gut zwei Jahren in zehn Apotheken im Alltag pilotiert. 2025 haben wir das Startup Qualitheke GmbH als Spin-off der Universität gegründet und seit August ist die Web-Applikation Eviflow verfügbar.
Wie funktioniert Eviflow?
Die Kundin kann wichtige Angaben bereits vor dem persönlichen Gespräch selbstständig digital erfassen und angeben, zu welchen Themen sie weitere Informationen wünscht, beispielsweise zur Wirkweise der «Pille danach» oder zu verschiedenen Verhütungsmethoden.
So kann sie intime Fragen diskret und in Ruhe beantworten. Das schafft mehr Privatsphäre. Das Tool soll die Hürde für die betroffene Frau möglichst niedrig halten und gleichzeitig eine fachlich gute Beratung ermöglichen.
Was bedeutet das konkret?
Für das Apothekenpersonal bieten die Angaben eine strukturierte Grundlage für die Beratung. Wenn die wichtigsten Angaben bereits vorliegen, kann sich die Fachperson im Gespräch stärker auf die individuelle Situation und die Bedürfnisse der Kundin konzentrieren. Gleichzeitig können in der Anwendung aktuelle fachliche Empfehlungen hinterlegt werden, die der beratenden Person bei der Beurteilung helfen und ihr zusätzliche Sicherheit geben. Das kann auch für kleinere Apotheken hilfreich sein, die seltener solche Beratungen machen.
Was passiert mit den Daten, die über Eviflow eingegeben werden?
Eviflow erfasst keine Namen oder Geburtsdaten. Anonymisierte Daten können im Rahmen von Forschungsprojekten wissenschaftlich ausgewertet werden. So können wir beispielsweise mehr darüber erfahren, in welchen Situationen Frauen Notfallverhütung benötigen oder wo Beratungsbedarf besteht. Für mich schliesst sich damit ein Kreis: Aus der Forschung ist ein Werkzeug für die Praxis entstanden. Und die Erfahrungen aus der Praxis können wiederum neue Forschungsfragen und Erkenntnisse hervorbringen.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (November 2026).
