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Ausgabe 02/2026: Süsses Gift?

Ein Brief mit Wirkung: Viermal häufiger zum Generikum.

Text: Tobias von Rohr

Einen gezielten Hinweis der Krankenkasse, mehr braucht es nicht, damit viele Menschen auf ein Generikum umsteigen. Diesen Effekt hat eine Studie bewiesen, die sogar das Parlament aktiv werden liess.

Bunte Tabletten und Kapseln liegen verstreut neben einer umgekippten weissen Medikamentendose auf mintgrünem Hintergrund.
Originalmedikament oder Generikum? Wenn es gelingt, Menschen von Letzterem zu überzeugen, lässt sich viel Geld sparen. (Bild: Adobe Stock)

Das Wichtigste in Kürze

  • Versicherte, die von ihrer Krankenkasse persönlich auf günstigere Generika hingewiesen wurden, wechselten das Medikament rund viermal häufiger als Versicherte ohne einen solchen Brief.
  • Die Studie der Universität Basel trug dazu bei, dass der Bundesrat solche Informationsschreiben im Juli 2026 wieder erlaubte. 
  • Personalisierte Hinweise könnten auch bei der Prävention helfen, etwa indem Krankenkassen an Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen erinnern.
     

Medikamente gehören für viele chronisch kranke Menschen in der Schweiz zum Alltag. Beispielsweise regulieren sie den Blutdruck, lindern Schmerzen oder stabilisieren den Gesundheitszustand. Gleichzeitig verursachen sie hohe Kosten, für die Betroffenen und die Krankenkassen. Mit Generika, also den Nachahmerpräparaten des Originalmedikaments, liesse sich heute eigentlich viel Geld einsparen. Aber genau dies ist vielen Patientinnen und Patienten nicht bewusst.

Vor einigen Jahren hat die CSS-Versicherung deshalb angefangen, ihre Versicherten jeweils auf günstigere Generika hinzuweisen. Ob das auch den erwünschten finanziellen Effekt erzielt, wusste allerdings lange niemand. Bis Wirtschaftswissenschaftler Nicolas Schreiner von der Universität Basel dieser Frage am CSS Institut für empirische Gesundheitsökonomie nachging. Zusammen mit einem Team wertete er die Daten der Versicherung zu 60 000 Informationsschreiben mit insgesamt 540 000 Medikamentenkäufen aus. Und stellte eine Wirkung fest, die ihn selbst überraschte: Wer den Brief erhalten hatte, wechselte anschliessend deutlich häufiger zum Generikum. Die Wahrscheinlichkeit lag rund viermal höher als bei Versicherten, die den Brief noch nicht bekommen hatten. «In der Ökonomie sehen wir normalerweise nicht so ausgeprägte Effekte», erklärt Nicolas Schreiner.

Wie die Studie die Politik beeinflusste

Die Ergebnisse fanden auch in der Politik Beachtung. 2022 hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Krankenversicherern untersagt, Versicherte gezielt auf passende Generika hinzuweisen. Das BAG begründete dies damals so, dass die Rolle der Beratung primär bei den medizinischen Leistungserbringern wie Ärztinnen und Ärzten oder bei Apotheken liege und dass die Verwendung von Leistungsdaten zu zielgerichteten Informationszwecken in der Grundversicherung nicht erlaubt ist. Im Juli 2026 erlaubte der Bundesrat diese Praxis jedoch wieder.

Auch die Ergebnisse der Studie von Schreiner und seinen Kolleginnen und Kollegen spielten für diesen Entscheid eine Rolle. Der Ökonom freut sich sichtlich darüber: «Die Gesetzesrevision wurde sogar noch vor der Begutachtung und der finalen Veröffentlichung der Studie angestossen. Es ist schön, etwas zu leisten, das tagtäglich das gesamte Land betrifft.»

Vom Generikum zur Prävention

Der personalisierte Brief beinhaltet einen deutlichen Unterschied zu einer allgemeinen Gesundheitskampagne, betont Schreiner: Eine Information, die für alle gleichzeitig ausgespielt wird, sei schnell wieder vergessen. Ein persönlich adressierter Hinweis könne hingegen viel mehr bewirken. «Die Innovation des Mailings liegt deshalb vielleicht weniger darin, dass es über Generika informiert, sondern darin, dass es die Information konkret, persönlich und zum richtigen Zeitpunkt vermittelt», ordnet Schreiner ein.

Die Studie zeigt, dass ein Generika-Mailing nur der Anfang sein könnte. Krankenkassen könnten beispielsweise auch Kosten senken, indem sie ihre Versicherten an Präventionsmassnahmen erinnern, wenn sie gerade anstehen: eine Impfung, eine Vorsorgeuntersuchung oder eine andere medizinisch empfohlene Leistung. Dennoch müsse über die Grenzen diskutiert werden, sagt Schreiner: Welche Empfehlungen dürfen die Krankenkassen ihren Versicherten mitteilen? Und wie stark dürfen sie versuchen, die Entscheidungen ihrer Kundinnen und Kunden zu beeinflussen? Er hält deshalb das aktuelle Opt-out-Modell für sinnvoll: Jeder und jede hat die Möglichkeit, solche auf einer individuellen Situation basierenden Informationen abzulehnen.

Entscheidend sei am Ende, dass die Informationen tatsächlich im Interesse der Patientinnen und Patienten lägen. Darin liegt aber auch eine Herausforderung: «Wer entscheidet, wann eine Information hilfreich ist?»

Gesundheitskosten sparen – auch ohne eigenen Vorteil

Die Studie zeigt eine Möglichkeit, im Gesundheitssystem Kosten zu sparen. Darüber hinaus stellt sie eine grundsätzliche Frage: Wie gut können Menschen Entscheidungen im Gesundheitswesen treffen, wenn sie ihre Optionen gar nicht kennen? Finanzielle Anreize können ihre Wirkung erst entfalten, wenn Patientinnen und Patienten wissen, welche Optionen sie wirklich haben.

Besonders interessant fand Nicolas Schreiner, dass Menschen auch ohne persönliche finanzielle Vorteile auf diesen Brief reagierten und auf ein Generikum wechselten. Viele Patientinnen und Patienten, die regelmässig Medikamente nehmen müssen, haben die Franchise schnell aufgebraucht und profitieren kaum noch von dem Wechsel auf eine günstigere Alternative. «Das ist ein spannender Effekt: Man hilft gesellschaftlich, wenn man insgesamt Gesundheitskosten einspart, auch wenn man selbst nicht direkt davon profitiert», sagt Schreiner.

In der Schweiz seien noch sehr viele Effekte im Gesundheitswesen unerforscht und man greife erst langsam auf die modernen empirischen Methoden der Mikroökonomie zurück. Für Schreiner eröffnet der grosse Datensatz des CSS Instituts die Möglichkeit, weitere Forschungsfragen anzugehen. Beispielsweise, wie Versicherte sich entscheiden, wenn die Hausärztin oder der Hausarzt in den Ferien ist: Gehen sie mit ihrem Anliegen eher auf den Notfall oder warten sie eher ab und beziehen letztlich weniger ärztliche Leistungen? «Wir können am Morgen eine Frage stellen und haben am Mittag schon eine erste Ahnung von der Antwort.»

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