Arche Noah für die Superreichen.
Text: Samuel SchlaefliExklusive Safari-Lodges in Namibia, Luxusresorts in der Antarktis oder Smart Cities auf Mauritius: Globale Eliten schaffen sich Rückzugsorte für eine Welt im Klimawandel. Ein Forschungsprojekt der Universität Basel untersucht, wie diese entstehen und welche Folgen sie für die lokale Bevölkerung haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Wohlhabende Investoren schaffen exklusive Rückzugsorte, etwa in Naturschutzgebieten, Luxusresorts oder Smart Cities. Forschende der Universität Basel untersuchen diese Entwicklung.
- In Namibia und Mauritius kann die Umnutzung von Land dazu führen, dass bisherige Bewohnerinnen und Bewohner verdrängt werden oder Landrechte verlieren.
- Das Forschungsprojekt untersucht, wie Gebiete als unbewohnbar oder unbrauchbar dargestellt werden und wer von ihrer Umgestaltung profitiert.
In der Klimakrise wird es auch für die Reichen und Privilegierten keine Rettungsboote mehr geben. So argumentierte der indische Historiker Dipesh Chakrabarty 2009 in einem viel beachteten Artikel. Luregn Lenggenhager, selbst Historiker und Assistenzprofessor am Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel, hält dagegen: «Unsere These ist, dass sich die reiche Elite wohl noch sehr lange retten kann, weil sie in der Lage ist, sich sprichwörtlich eine Arche Noah zu bauen.»
In einem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekt untersucht Lenggenhager seit September 2025 gemeinsam mit seinem Team solche «Rettungsboote». Diese präsentieren sich in unterschiedlichen Formen: Beispiele sind exklusive Safari-Lodges zum Schutz von Wildtieren in Namibia, wohltemperierte und durchgestylte Wohlfühlkapseln in der Antarktis oder «Smart Cities» auf Mauritius.
Abwertung als Basis für Aneignung
Am Anfang von solchen Klima-Zufluchtsorten stünden meist «Unbewohnbarkeitsdebatten», die von Eliten bewusst lanciert würden, erzählt Lenggenhager und macht ein Beispiel aus seiner eigenen langjährigen Forschung zu Landfragen in Namibia. «Dort kaufen internationale Investoren riesige Ländereien und erschaffen darauf private Naturschutzgebiete.» Immer mehr kommerzielles Farmland gerate dabei in die Hände globaler Eliten, anstatt dass dieses im Rahmen dringend nötiger Landrechtreformen der lokalen Bevölkerung zugutekomme. Ein zentrales Argument für die Aneignung und Umnutzung des Landes sei, dass dieses unbewohnt, untergenutzt und für die Landwirtschaft bald sowieso unbrauchbar sei.
Lenggenhager hat diese Dynamik gemeinsam mit seinem Kollegen Bernard C. Moore, der heute als Postdoc bei ihm im Projekt mitarbeitet, in einem Buch ausführlich beschrieben. Am Beispiel eines Naturschutzprojekts entlang des !Garib/Orange River in Südnamibia zeigen die beiden Historiker, wie lokale Familien, die das Land seit Generationen bewohnen und für Viehhaltung genutzt haben, durch die milliardenschweren neuen Landbesitzer systematisch verdrängt werden. «Wir haben damals gemerkt, dass dies kein Einzelfall ist und andernorts ähnliche Prozesse ablaufen», sagt Lenggenhager. «In Mauritius zum Beispiel fördert die Regierung seit Jahren private Landbesitzer, die ihr ‹unbrauchbares› Land, auf dem früher Zuckerrohr angebaut wurde, an globale Investoren verkaufen oder verpachten.»
Mit Bulldozern werden Felder plattgemacht, um darauf «Smart Cities» und Ökoresorts zu bauen. Im November wird Lenggenhager auf die ehemalige «Zuckerinsel» reisen, um gemeinsam mit Forschenden an der Universität Mauritius mit Archivmaterial zu arbeiten, Menschen vor Ort über ihre Lebensgeschichten zu befragen und Aktivistinnen und Aktivisten zu treffen, die sich für Landrechte engagieren.
Es geht nicht um Prepper
Zentrale Begriffe des Forschungsprojekts sind die Vernachlässigung und der Verfall von Land, die gezielte Aufwertung und Kuratierung desselben sowie die Schaffung von Zufluchts- und Rückzugsorten. Damit grenzen die Forschenden ihr wissenschaftliches Interesse klar von Prepperbewegungen ab und von der Idee, dass sich dereinst alle, die es sich leisten können, in autarken Bunkern vor der Klimaapokalypse retten werden. «Die Projekte, die uns interessieren, schaffen spezifische soziale und ökologische Systeme, in denen Eliten ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Position aufrechterhalten können», erklärt Lenggenhager.
Geografisch liegt der Fokus des Projekts auf dem südlichen Afrika und dem ökonomischen und kulturellen Einzugsraum Südafrikas. Lenggenhager will die dort gewonnenen Erkenntnisse aber auch für Forschung in der Schweiz einsetzen und hiesige Entwicklungen durch eine südafrikanisch geprägte Perspektive analysieren. «In der Schweiz gibt es spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg Debatten zur Unbewohnbarkeit von Alpentälern.» Als das ETH Studio Basel im Jahr 2005 die Idee der «alpinen Brache» präsentierte, erhielt eine bereits seit Längerem laufende Diskussion über Instandhaltung und Rückzug aus alpinen Lebensräumen neue Brisanz. Jüngst wurden die Rückzugsdebatten durch das verheerende Unwetter im Maggiatal von 2024 und den Bergsturz in Blatten im vergangenen Jahr neu befeuert.
«Stets stellt sich die Frage: Wer bestimmt darüber, wer wo und bis wann leben darf ?» Solche Fragen kennt der Historiker aus seiner Beschäftigung mit Siedlerkolonialismus und Apartheid im südlichen Afrika bestens. Dort war es eine weisse Elite, die darüber befand, wo die Schwarze Bevölkerung lebt. Es sei dieser wissenschaftliche Hintergrund, der ihn dazu bringe, neue Fragen an die Schweizer Debatten zu stellen. Nicht zuletzt, wer darüber bestimmen sollte, welche Räume erhalten und welche aufgegeben werden.
Erdölgewinne für den Naturschutz
Egal, ob in den Alpen oder im südlichen Afrika: Als Historiker findet es Lenggenhager wichtig, die Biografien zentraler Akteurinnen und Akteure ebenso wie die Geschichte und die Vernetzungen von beteiligten Unternehmen zu durchleuchten. Dies sei die Basis, um Motivationen und Dynamiken besser zu verstehen. «Zum Beispiel zeigt sich, dass viele, die heute in Naturschutz in Afrika investieren, ihr Geld ursprünglich mit Öl oder Bergbau verdienten.»
Weiter will der Forscher die Geschichte, die Erinnerungen und die Zukunftsvorstellungen der Menschen, die in den aufgegebenen und verfallenden Landschaften oder in den neu geschaffenen Rückzugsorten leben, besser verstehen. Die Erkenntnisse aus den verschiedenen Teilprojekten und Regionen sollen bis zum Abschluss im Jahr 2030 in einer Monografie mit mehreren Fallbeispielen zusammengeführt werden.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (November 2026).
