Keto gegen Depressionen?
Text: Lara UebelhartWer sich ketogen ernährt, verzichtet weitgehend auf Kohlenhydrate. Stattdessen nutzt der Körper vermehrt Fett und Ketonkörper als Energiequelle. Ob diese Ernährungsweise auch Menschen mit Depressionen helfen kann, untersuchen Forschende der Universität Basel.
Das Wichtigste in Kürze
- Forschende untersuchen, ob eine ketogene Ernährung bestehende Depressionstherapien ergänzen kann.
- Ketonkörper dienen als alternative Energiequelle und wirken auch als Signalmoleküle. Ob sie depressive Symptome lindern können, ist noch ungeklärt.
- Erste Beobachtungen sind ermutigend, aber die Studie ist nicht abgeschlossen. Die ketogene Ernährung ist noch keine etablierte Depressionstherapie.
Ein kaltes Glacé im Sommer oder ein warmes Stück Kuchen. Für viele hebt das zumindest für einen Moment die Stimmung. Zucker hat gesundheitlich nicht den besten Ruf, mit Genuss und Wohlbefinden verbinden ihn trotzdem viele.
Wie stark unsere Ernährung die Psyche beeinflusst, erforscht die Wissenschaft seit Jahren. «In der Psychiatrie ist ihr Einfluss nach wie vor unterschätzt», sagt Timur Liwinski. Er glaubt, dass hier noch viel Potenzial liegt: «Wir begreifen die Psyche nach wie vor als etwas vom Körper Getrenntes. Die Möglichkeiten werden noch nicht ausgeschöpft, obwohl wir schon verstehen, wie wichtig die Ernährung für die Gesundheit ist.» Das gelte auch für das Gehirn.
Keto-Diät bei Epilepsie
In Praxis und Fachliteratur findet Liwinski einige Anhaltspunkte, dass ketogene Ernährung die psychische Gesundheit positiv beeinflussen könnte.
Neu ist diese Idee nicht: Bereits seit den 1920er-Jahren kommt sie bei Epilepsie zum Einsatz, um epileptische Anfälle zu reduzieren. Nun prüft Liwinski, ob Keto die Therapie bei Depressionen unterstützen kann. «Depressive Störungen nehmen seit Jahren deutlich zu und sind ein grosses Problem der öffentlichen Gesundheit.»
Es gebe bereits gute Behandlungsmöglichkeiten, aber sie wirken nicht bei allen Menschen und nicht bei allen gleich gut, so der Forscher. Die ketogene Ernährung könnte bestehende Angebote ergänzen. «Das ist das Schöne an der Ernährungstherapie: Sie schliesst andere Behandlungen nicht aus, sondern lässt sich mit diesen kombinieren.»
Wie die Basler Keto-Mood-Studie abläuft
Mit einem Team aus Psychologie, Ernährungsberatung und Medizin untersucht Liwinski, ob eine ketogene Ernährung Menschen mit Depressionen helfen kann. Als Vergleich dient eine gesunde Kontrollernährung. Insgesamt 86 Personen nehmen an der Studie «Keto-Mood» teil, rund ein Viertel hat die Therapie bereits abgeschlossen. In den ersten zwei Wochen stellen die Teilnehmenden ihre Ernährung schrittweise um und halten die Diät anschliessend acht Wochen lang bei. Fachpersonen begleiten sie eng, besonders bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme.
Zu Beginn einer ketogenen Ernährung können vorübergehend Beschwerden auftreten, die oft als «Keto-Grippe» bezeichnet werden. Dazu gehören etwa Schlafstörungen, Muskelschmerzen, Schwäche oder Übelkeit. Um solche Beschwerden und andere Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden, bereiten die Forschenden alle Teilnehmenden theoretisch und praktisch auf die Ernährungsumstellung vor. Sie erhalten Rezepte und regelmässige Beratungsgespräche.
Warum die Umstellung herausfordernd ist
Die starke Reaktion des Körpers hängt unter anderem damit zusammen, dass plötzlich viel weniger Kohlenhydrate zur Verfügung stehen. «Die meisten Menschen wechseln in dieser Umstellung ihre Hauptenergiequelle von Kohlenhydraten zu Fett», so Liwinski. Wer Kohlenhydrate drastisch reduziert, nimmt viel weniger Zucker und Stärke zu sich, die der Körper zu Glukose abbaut. Zwei Monate darauf zu verzichten, fällt schon psychisch gesunden Menschen schwer. Auch die Schweizer Esskultur macht eine kohlenhydratarme Ernährung nicht gerade einfach. Liwinski ist trotzdem überzeugt, dass die Therapie mit entsprechender Betreuung gut zu schaffen ist.
Sogar stark geschwächte Patientinnen und Patienten schaffen die Umstellung bisher, teilweise mit Unterstützung von Angehörigen. Leidensdruck und die Hoffnung auf weitere Behandlungsmöglichkeiten dürften dabei motivieren.
Wie Ketonkörper das Gehirn beeinflussen könnten
Bei der Keto-Ernährung steigt der relative Fettanteil, während die Menge an Kohlenhydraten stark sinkt. Eine mögliche Wirkung auf die Psyche lässt sich aber nicht allein mit Fett oder weniger Zucker erklären. Timur Liwinski erklärt: «Bei sehr wenigen Kohlenhydraten bildet die Leber aus Fett sogenannte Ketone oder Ketonkörper. Sie können dem Körper und dem Gehirn als alternative Energiequelle dienen.»
Das Gehirn nutzt normalerweise vor allem Glukose. Bei Depressionen gibt es Hinweise auf Veränderungen im Energiestoffwechsel. «Ketone wirken auch als Signalmoleküle im Körper», so der Arzt. Damit könnten Beobachtungen aus der Praxis zusammenhängen, etwa besserer Schlaf, mehr Konzentration und Belastbarkeit.
Erste Beobachtungen, aber noch keine gesicherten Ergebnisse
Keto verändert auch den Glukose- und Insulinstoffwechsel. Auch dies könnte die Stimmung günstig beeinflussen. Ebenfalls eine Rolle spielen dürften der bewusstere Umgang mit dem Essen, die enge Betreuung durch Fachpersonen und die Unterstützung durch Angehörige. Um diese Effekte besser einschätzen zu können, vergleicht die Studie Keto mit einer gesunden Kontrolldiät. «Beide Gruppen erhalten dasselbe Mass an Zuwendung», so Liwinski. Eine unabhängige Untersucherin bewertet die depressiven Symptome, ohne die Gruppenzuteilung zu kennen. Nach Angaben des Forschungsteams zeigen sich bislang in beiden Gruppen Verbesserungen.
Der Forschungsleiter sagt: «Bei der ketogenen Ernährung sehen wir im Vergleich bislang einen grösseren Vorteil, für definitive Aussagen müssen wir zuerst die Studie abschliessen.» Diese Diätform ist damit noch keine etablierte Behandlung bei Depressionen. Vor allem Langzeitdaten zu Wirkung und Sicherheit fehlen bisher. Ob der mögliche Nutzen die Risiken überwiegt, muss wie bei allen Therapien individuell und unter fachlicher Begleitung abgewogen werden. Es wird sich also erst noch zeigen, ob Keto Menschen mit Depressionen tatsächlich helfen kann.
Timur Liwinski ist Psychiater an den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel und forscht an der Universität Basel unter anderem zum Einfluss der Ernährung auf psychische Erkrankungen.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (November 2026).
