Warum wir Risiken so unterschiedlich einschätzen.
Interview: Catherine WeyerWas wir als riskant empfinden, hängt nicht nur von Wahrscheinlichkeiten ab. Auch Erfahrungen, Gefühle und unsere jeweilige Lebensphase beeinflussen unsere Risikobereitschaft. Die Psychologin Loreen Tisdall erklärt, warum wir mit zunehmendem Alter vorsichtiger werden und welche Rolle die Medien spielen.
UNI NOVA: Frau Tisdall, warum kann dieselbe Situation für zwei Menschen ganz unterschiedlich riskant wirken?
Loreen Tisdall: Von Risiko sprechen wir, wenn wir nicht genau wissen, wie eine Situation ausgehen wird. Diese Unsicherheit ist ein zentraler Bestandteil von Risiko. Meistens kommt auch die Möglichkeit hinzu, dass etwas Negatives passiert. Nehmen wir einen Wanderweg: Zwei Menschen können unterschiedlich einschätzen, wie wahrscheinlich ein Unfall ist, wie schwerwiegend die Folgen wären und wie gut sie damit umgehen könnten. Hinzu kommt eine emotionale Komponente: Für die eine Person wirkt der Wanderweg sehr bedrohlich, für die andere kaum beunruhigend.
Wenn die Wahrnehmung so individuell ist, wie gut können wir dann einschätzen, wie riskant eine Situation tatsächlich ist?
Nicht immer besonders gut. Es gibt verschiedene systematische Verzerrungen, die beeinflussen, wie wir Risiken wahrnehmen. Ein Beispiel ist der sogenannte Optimismus-Bias: Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass uns selbst etwas Negatives passiert, häufig geringer ein als bei vergleichbaren anderen Personen. Das haben Metaanalysen beispielsweise in Bezug auf die Folgen des Klimawandels oder zu Covid-19 gezeigt.
Eine weitere Verzerrung ist, dass wir dazu neigen, unsere eigene Kontrolle über Ereignisse zu überschätzen. Das betrifft selbst Situationen, über die wir realistisch gesehen wenig Kontrolle haben, weil vieles vom Zufall abhängt. Auch dieses Kontrollempfinden sorgt dafür, dass wir ein Risiko geringer einschätzen.
Wie wird aus diesen Einschätzungen letztlich eine Entscheidung, ein Risiko einzugehen oder nicht?
Auch hier spielen verschiedene Faktoren zusammen. Nehmen wir wieder die Bergwanderung: Ich kann den Weg als riskant einschätzen und mich trotzdem dafür entscheiden, weil mir das Erlebnis wichtig ist. Ob wir ein Risiko eingehen, hängt also nicht nur davon ab, wie gross wir es einschätzen, sondern auch davon, was wir erreichen wollen.
Kann dieselbe Person in einem Lebensbereich risikofreudig und in einem anderen sehr vorsichtig sein?
Gerade die Motivation kann sich je nach Lebensbereich stark unterscheiden. Eine Person kann bei finanziellen Entscheidungen sehr vorsichtig sein, denn bei einer Investition geht es vielleicht um langfristigen Vermögensaufbau. Bei einer Freizeitaktivität wie der Bergtour geht es hingegen um Spass, Herausforderung oder ein besonderes Erlebnis.
Werden manche Menschen einfach risikofreudiger geboren als andere?
Veranlagung spielt durchaus eine Rolle. Zwillingsstudien zeigen, dass Unterschiede in der Risikobereitschaft teilweise erblich sind. Die Schätzungen liegen je nach Studie und Lebensbereich etwa zwischen 25 und 55 Prozent. Andere Studien deuten darauf hin, dass genetische Unterschiede unter anderem beeinflussen können, wie unser Gehirn auf Belohnungen reagiert, und damit auch, wie attraktiv uns der Ertrag erscheint, wenn wir ein Risiko eingehen. Neben der Veranlagung prägen aber auch unsere Erfahrungen, wie wir mit Risiken umgehen.
Wie lernen wir eigentlich, mit Risiken umzugehen?
Kinder lernen, mit Gefahren umzugehen, indem sie in einem altersgerechten und geschützten Rahmen eigene Erfahrungen mit Risiko und Unsicherheit machen. Auf einem Klettergerüst müssen sie beispielsweise einschätzen: Wie hoch traue ich mich? Was kann ich schon, und wo liegt meine Grenze? Solche Erfahrungen sind auch wichtig für Selbstwirksamkeit und Autonomie: Kinder erleben, dass sie selbst etwas bewirken, Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen ihres Handelns umgehen können. Eltern können diesen Prozess begleiten, ohne dabei jede Unsicherheit aus dem Weg zu räumen.
Und wenn aus Kindern Jugendliche werden?
Im Jugendalter ist die Risikobereitschaft in vielen Bereichen besonders hoch. Eine Erklärung dafür ist, dass das Belohnungssystem in unserem Gehirn besonders stark auf mögliche Anreize reagiert, während sich die Systeme zur kognitiven Kontrolle noch weiterentwickeln. Aber auch hier ist das nur ein Teil der Erklärung. Gleichaltrige spielen in dieser Phase eine wichtige Rolle, ebenso das Ausprobieren und die Entwicklung der eigenen Identität. Auch was uns motiviert, ein bestimmtes Risiko einzugehen, verändert sich also im Laufe des Lebens.
In welchen Lebensbereichen verändert sich die Risikobereitschaft mit dem Alter besonders deutlich?
Besonders robuste Veränderungen sehen wir bei finanziellen Risiken sowie im Bereich Gesundheit und Sicherheit: Hier nimmt die Risikobereitschaft mit zunehmendem Alter tendenziell ab. Im sozialen Bereich sind die Befunde deutlich gemischter.
Warum werden wir gerade bei finanziellen Entscheidungen mit dem Alter vorsichtiger?
Ein wichtiger Faktor ist der Zeithorizont. Einen finanziellen Verlust kann ich mit 30 möglicherweise über viele Jahre wieder ausgleichen, mit 70 ist das schwieriger. Das kann verändern, wie schwer ein möglicher Verlust in einer Entscheidung wiegt. Gleichzeitig verändern sich unsere Ziele mit dem Alter: In jüngeren Jahren geht es stärker um Aufbau und Wachstum, später eher darum, das Erreichte zu erhalten und abzusichern.
Wir haben bisher vor allem über unsere eigenen Erfahrungen gesprochen. Aber auch das, was wir über Risiken hören und sehen, prägt unsere Wahrnehmung. Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Gerade seltene, aber spektakuläre Ereignisse bekommen in den Medien viel Aufmerksamkeit, beispielsweise wenn ein Kind von einem Hund angegriffen wurde. Das kann dazu führen, dass wir solche Ereignisse für wahrscheinlicher halten, als sie sind. Die alltäglichen harmlosen Begegnungen zwischen Kindern und Hunden tauchen nicht in den Medien auf. Wenn uns eigene Erfahrungen fehlen und wir uns vor allem auf Medienberichte stützen, kann das dazu beitragen, dass wir das Risiko überschätzen.
Medien können unsere Wahrnehmung also verzerren. Können sie ein Risiko auch harmloser erscheinen lassen, als es tatsächlich ist?
Absolut, zum Beispiel durch soziale Medien. Wenn ich immer wieder Beiträge sehe, die den Eindruck vermitteln, dass man problemlos in Flip-Flops auf den Alpstein wandern kann, dann kann das auch meine Wahrnehmung beeinflussen. Ich sehe dann vor allem Beispiele, bei denen alles gut gegangen ist, und denke vielleicht weniger darüber nach, was schiefgehen könnte. So kann etwas weniger riskant und leichter machbar erscheinen, als es tatsächlich ist.
Sie untersuchen auch, wann wir uns an einem Ort sicher und wann wir uns unsicher fühlen. Welche Rolle spielen dabei unsere Erwartungen, und welche die Umgebung selbst?
Was wir über einen Ort gehört oder in den Medien gesehen haben, kann unsere Erwartungen prägen. Gleichzeitig orientieren wir uns an ganz konkreten Signalen vor Ort: Wenn ich etwa abends nach Hause laufe, können Grünflächen, saubere Strassen oder eine gute Beleuchtung mein Sicherheitsempfinden beeinflussen. Umgekehrt können Müll, Graffiti oder wenige Menschen auf der Strasse ein Gefühl von Unsicherheit vermitteln. Wie sehr sich solche Einschätzungen im Laufe des Lebens verändern, wissen wir noch nicht. Dazu gibt es bislang kaum Studien.
Wie verändert sich unsere Einschätzung, wenn uns eine Umgebung vertraut ist?
Wenn wir eine Gegend gut kennen, haben wir eigene Erfahrungswerte und können einzelne Signale besser einordnen. In einer unbekannten Umgebung fehlen uns diese Erfahrungswerte. Dann fallen bestimmte Merkmale möglicherweise stärker ins Gewicht und können unsere Einschätzung von Sicherheit oder Risiko stärker beeinflussen. Wie sicher wir uns fühlen, hängt also nicht nur vom Ort selbst ab, sondern auch davon, was wir mit ihm verbinden.

