Was Tropfsteine über das Klima verraten
Dominik Fleitmann liest in Stalagmiten, wie sich Klima und Umwelt über Tausende bis Millionen von Jahren verändert haben. Die Archive aus der Höhle zeigen auch, wie Klimaveränderungen menschliche Lebensräume geprägt haben. Und welche Folgen der heutige Klimawandel haben könnte.
24. September 2026 | Catherine Weyer
Dominik Fleitmann, wie kamen Sie dazu, Klima anhand von Stalagmiten zu erforschen?
Das war eher ein Zufall durch meine damalige Doktorarbeit. Stalagmiten als Klimaarchive sind ein eher junger Forschungszweig. Wir kannten das vorher eher von Eisbohrkernen, Baumringen oder See-Sedimenten. Aber auch die Stalagmiten geben uns einen sehr präzisen Blick in die Vergangenheit.
Was war der früheste Zeitpunkt, auf den Sie zurückblicken konnten?
Wir haben einen Stalagmit aus Saudi-Arabien untersucht, der 8 Millionen Jahre alt war. Als wir den Tropfstein entdeckten, schafften es unsere Messinstrumente noch gar nicht, ihn so weit zurückzudatieren. Das kam erst später.
Was sehen Sie in einem Tropfstein?
Enorm viel. Einerseits können wir das Alter auf bis zu zehn Jahre genau bestimmen. Dazu benutzen wir radioaktive Elemente: Uran wird beim Wachstum in den Stalagmiten eingebaut und zerfällt mit der Zeit zu Thorium. Das können wir messen und für die genaue Altersbestimmung verwenden.
Ausserdem können wir Sauerstoff- und Kohlenstoff-Isotope messen, die uns Auskunft geben über Klima, Temperatur, Niederschlagsmenge und Vegetation. Wir können auch noch kleinste Mengen an Wasser extrahieren, das vor eingeschlossen wurde als der Stalagmit wuchs.
Wie kommen Sie zu diesen Stalagmiten?
Wir suchen nach geeigneten Höhlen und holen auch das Wissen anderer Forschender ein. Wir gehen mit einem Team vor Ort, um Proben zu nehmen. Das bedeutet entweder, eine Probe herauszubohren oder mit dem Hammer gleich den ganzen Tropfstein herauszuholen. Dafür holen wir natürlich die jeweils nötigen Genehmigungen ein. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass alles reibungslos abläuft.
Dank dem Stalagmiten-Klimaarchiv wissen Sie auch, dass die Wüste in früheren Zeiten immer wieder grün war. Wie lange ist das nun schon her?
Die letzte Grünphase in Nordafrika und Arabien dauerte von 10.000 bis 6000 Jahre vor heute. Wir sehen aber bis heute Zeichen dafür: Wir finden beispielsweise Flusspferd- oder Krokodilknochen zwischen den heutigen Dünen. Die Zeit reichte aus, dass sich Ökosysteme festsetzen konnten.
Wieso ist es wichtig, wann die Wüste grün war?
Die grüne Wüste war die Möglichkeit für Homo sapiens, sich gen Norden auszubreiten. Damals brachte der indische Monsun mehr Regen, der auch weiter im Norden fiel. Die heutigen Wüsten wurde zu einer Savanne, die ein ideales Habitat für unsere Vorfahren war und es Ihnen so ermöglichte sich von Afrika nach Asien und Europa auszubreiten. Und als der grüne Gürtel verschwand, gab es eine natürliche Grenze. Die Menschen, die durch die Savanne durchgewandert sind, breiteten sich in Europa und Asien aus, die anderen blieben in Afrika.
Finden Sie manchmal Überraschungen in einem Tropfstein?
Ein Stalagmit hat eigentlich immer Überraschungen parat. Wir haben bei einem Tropfstein aus der Türkei beispielsweise kleine Holzreste gefunden. Die stammten von Menschen, die in der Höhle waren und Fackeln benutzen. Wir haben auch Knochenreste gefunden von Menschen, die dort vergraben wurden. Der Tropfstein war 6000 Jahre alt.
Sehen Sie auch Naturereignisse in den Steinen?
Ja, wir können beispielsweise Überflutungsereignisse rekonstruieren. Wenn die Flut viel Sediment in die Höhle schwemmt, bleibt davon auch etwas am Stalagmiten hängen. Auch Vulkaneruptionen oder Erdbeben können ihre Spuren hinterlassen.
Sie beschäftigen sich tagtäglich mit dem Klima und seinen Veränderungen. Blicken Sie mit Sorge in die Zukunft?
Ich habe ziemliche Bedenken. Und zwar nicht nur wegen den direkten Folgen durch höhere Temperaturen, beispielsweise in der Schweiz. Ich habe Angst vor den Kaskadeneffekten, die folgen werden: Wir haben auch in der Vergangenheit gesehen, dass das Klima Wanderungsbewegungen in Gang setzen kann, die wir nicht mehr kontrollieren können. Auch Revolutionen entstanden aufgrund von Nahrungsknappheit und Wassermangel. Diese Verteilkämpfe, die wegen des Klimawandels entstehen könnten, machen mir grosse Sorgen.
Gab es in der Geschichte der Erde schon einmal ein Klima, das dem ähnelt, auf das wir uns zubewegen?
Wir haben erdgeschichtlich Zeiträume, die ähnlich warm oder sogar noch heisser waren. Da gab es aber keine Menschen. Und das ist auch unser grosses Problem mit dem Klimawandel: Ob unsere heutige Gesellschaft so weiterbestehen kann, wenn ihr natürliches Ökosystem unwiederbringlich zerstört ist, ist fraglich. In der Erdgeschichte sind mehrmals bis zu 90 Prozent aller Arten ausgestorben. Die Erde bestand danach weiter. Aber es wird eine ganz andere sein, im extremen Fall vielleicht auch ohne den Menschen.
Dieses Gespräch wurde für die Veröffentlichung redigiert und gekürzt. Hören Sie das vollständige Gespräch bei «Unisonar» und abonnieren Sie den Podcast auf Ihrer bevorzugten Plattform.