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Universität Basel

Hoch Qualifizierte zwischen Afrika und der Schweiz

Text: Pascal Schmid

Diplomaten, Wissenschaftler, Fachkräfte: viele gut ausgebildete Menschen leben in andern Kontinenten und fremden Kulturen. Wie sie sich selber sehen und ihr Leben gestalten, untersucht die Doktorandin Khadeeja «Haddy» Sarr – am Beispiel von hoch qualifizierten Migranten aus Westafrika in der Schweiz und von Schweizern in Westafrika.

Die Politik befasst sich mit Massnahmen gegen «Masseneinwanderung», Medien berichten über «Flüchtlingsströme» und die öffentliche Debatte dreht sich um die Folgen der Migration für die Sicherheit und den Sozialstaat. Hoch qualifizierte Einwanderer aus Afrika sind kaum ein öffentliches Thema. «Wenn die Menschen hier über Migration sprechen, geht es meistens um Flüchtlinge, Grenzkontrollen und Kriminalität. Die Debatte ist von Ereignissen wie den Attentaten in Paris oder den Übergriffen am letzten Silvester in Köln geprägt», sagt Khadeeja «Haddy» Sarr. Die Doktorandin untersucht Biografien von Akademikern und Fachkräften, die zwischen Senegal, Gambia und der Schweiz leben. Afrikanische Einwanderer würden auf Flüchtlinge mit wenig Bildung und hohem kriminellem Potenzial reduziert – auch in der Wissenschaft. Dieses verzerrte Bild möchte sie korrigieren.

«In der Migrationsforschung geht es im Zusammenhang mit Afrika oft um Einwanderungspolitik», meint Sarr. Wichtig sei daher, dabei auch andere Aspekte zu thematisieren. Hoch Qualifizierte erfahren zwar zunehmend Beachtung. Aber die Diskussion fokussiere rasch auf «Brain Drain» oder «Brain Gain», den Verlust oder Zugewinn von Wissen und Kompetenzen durch die Abwanderung von gut Ausgebildeten, sowie auf deren Folgen für die afrikanischen Gesellschaften. Bei Sarr geht es dagegen um die Migranten selber: Sie will wissen, wie sich ihre spezifischen Erfahrungen auf ihre Identität und auf ihr Handeln auswirken.

Identität und Globalisierung

Das Thema Migration beschäftigt Sarr schon lange, auch wegen ihrer eigenen Biografie. Ihre Eltern stammen aus Gambia, ihr Vater studierte in den USA und liess sich in Schweden nieder, wo er in einer Grossbank als Rechnungsprüfer arbeitete. Sie selber, in Schweden geboren und aufgewachsen, studierte in den USA sowie in England und arbeitete danach in Senegal. «Ich wuchs in der schwedischen Gesellschaft auf, die gambische Kultur war aber ein wichtiger Teil meiner Erziehung. So habe ich mich als Kind weder als Schwedin noch als Gambierin gefühlt. Erst im Gymnasium lernte ich andere Kinder von Einwanderern aus den unterschiedlichsten Weltgegenden kennen. Mit ihnen teilte ich ähnliche Erfahrungen und das Gefühl, nirgendwohin zu gehören», erzählt sie.

Die kulturelle Identität von Migranten der zweiten Generation machte Sarr später zum Thema ihrer Masterarbeit. Und auch für ihre Dissertation suchte sie ein ähnliches Thema. Nach Basel sei sie gekommen, weil ihr das Zentrum für Afrikastudien den Rahmen für ihr Vorhaben biete, über das Verhältnis Afrikas zur Welt und zur Globalisierung zu arbeiten. Hier konnte sie sich an einem Nationalfondsprojekt über die Migrations- und Lebensgeschichten hoch qualifizierter Migranten beteiligen, das zusammen mit dem Fachbereich für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie durchgeführt wird.

Sarr befasst sich mit einer von zwei Fallstudien des Projekts. Dabei stützt sie sich nicht nur auf Biografien hoch qualifizierter Senegalesen und Gambier in der Schweiz. Genauso Gegenstand ihrer Arbeit Studie sind Schweizer, die in den beiden westafrikanischen Staaten leben. «Zwei Gruppen zu vergleichen, ist methodisch interessant und bietet einen Mehrwert durch eine zusätzliche Perspektive auf die Forschungsfragen», sagt Sarr. «Zudem ist die Nord-Süd-Migration ein wichtiges, aber von der Forschung vernachlässigtes Thema. Es dürfte in Zeiten der Globalisierung wohl an Bedeutung gewinnen.» In der zweiten Fallstudie untersucht die Doktorandin Hélène Oberlé israelische Hoch Qualifizierte in der Schweiz und Schweizer in Israel.

Migrierende oder Expats?

Die Lebensgeschichten, die als Grundlage von Sarrs Forschung dienen, beruhen auf Interviews. «Ich spreche mit meinen Gesprächspartnern über ihre Erfahrungen und ihre Strategien. Wichtig ist, dass ihre Narrative sowie ihre Art und Weise, über ihr Leben zu reden, zum Tragen kommen.» So sollen die Befragten ihre eigenen Begriffe und Erklärungen verwenden. 

Als Beispiel nennt Sarr die Bezeichnung Expat: «Die meisten Schweizer Migranten und Migrantinnen sehen sich als Expats, nur einer bezeichnete sich als hoch qualifizierter Migrant. Er lebt seit mehr als 15 Jahren in Westafrika und hat sein eigenes Geschäft aufgebaut. Ich vermute, er identifiziert sich nicht mit dem Begriff Expat und grenzt sich so von den Migranten ab, die mit befristeten Verträgen nur kurz an einem Ort bleiben.» Umgekehrt habe sich nur einer der interviewten Afrikaner als Expat bezeichnet, so Sarr: «Ein senegalesischer Diplomat in Genf bestand sogar darauf, Expat genannt zu werden und nicht Migrant, auch nicht hoch qualifizierter Migrant. Für ihn scheint der Begriff Migrant einen negativen Beigeschmack zu haben, während er den Begriff Expat mit einer privilegierteren und mächtigeren Position assoziierte.»

Bisher hat Sarr Interviews mit elf Senegalesen und Gambiern in der Schweiz und mit neun Schweizern in den westafrikanischen Staaten geführt; einige werden noch dazukommen. Bei den Afrikanern in der Schweiz sind es vor allem Diplomaten, Wissenschaftler und Fachleute im Finanz- und Bankensektor, bei den Schweizern Diplomaten, Mitarbeitende von NGOs und internationalen Organisationen, Forschende, Ärzte sowie Unternehmer. Analysiert werden dabei ihre Strategien in Bereichen wie Karriereplanung, Geldflüsse und Familie.

Geldflüsse und Karriereplanung

Wie erwartet, sagt Sarr, seien einige Bereiche für die eine Gruppe wichtig und für die andere kaum oder gar nicht. Bei den westafrikanischen Migranten seien etwa die «Remittances» – Geldüberweisungen in die Heimat – ein zentrales Thema. Dabei gehe es nicht etwa nur um Geld, sondern auch um Identität und Moral. «Man kann kaum über afrikanische Migranten sprechen, ohne sich mit den ‹Remittances› zu befassen. Die meisten Interviewpartner schicken regelmässig Geld an ihre Familien: Schulgeld für die Nichten und Neffen, Renovationsarbeiten am Haus der Eltern, jemand ist krank, eine Hochzeit oder eine Beerdigung steht an – ob und wie viel Geld an wen geschickt wird, ist meist ein kollektiver Entscheid auf der Grundlage von Familienstrategien.»

Auch stehe bei Migranten aus Senegal und Gambia, die einen guten Job haben, der Aufenthaltsstatus stärker im Vordergrund: «Sie streben in der Regel einen langfristigen Aufenthaltsstatus oder gar die Staatsbürgerschaft an. Oft stellen sie sich vor, bis zur Pensionierung in der Schweiz zu bleiben.» Gleichzeitig sei es eben oft auch ein kollektiver Entscheid: «Die ‹Remittances› spielen auch hier eine wichtige Rolle, ebenso auch die Möglichkeit, Verwandten zu helfen, eine Ausbildung in Europa zu absolvieren.» Die Schweizer in Senegal und Gambia dagegen seien mehr «on the move». Ihnen gehe es eher darum, Arbeitserfahrung in einem anderen Land zu sammeln und ihre Karriere voranzutreiben, während der Aufenthalt im Gastland temporär sei: «Die meisten wissen bereits, wann sie in die Schweiz zurückkehren oder in ein anderes Land weiterziehen.»

Doch die Forscherin stellt auch Ähnlichkeiten zwischen den hoch qualifizierten Migranten aus der Schweiz und aus Westafrika fest. Beide Gruppen seien zahlenmässig zwar eher klein, in der Gastgesellschaft aber sehr schnell unterscheidbar wegen ihrer Hautfarbe, teilweise aber auch wegen ihrer Religion – die Mehrheit der Senegalesen und Gambier sind Muslime. Sie würden deutlich wahrgenommen, auch wenn sie zahlenmässig nur wenige seien. Und beide Gruppen sähen sich mit Ressentiments konfrontiert und fühlten sich benachteiligt, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise: «Einige meiner Schweizer Gesprächspartner begegneten dem Vorurteil, die Europäer in Afrika täten so, als ob sie alles besser könnten. Das positive Bild der erfolgreichen Europäer richtete sich gegen sie. In der Schweiz haben die Senegalesen und Gambier das Gefühl, sie müssten sich doppelt anstrengen – aber diesmal, um das schlechte Image afrikanischer Einwanderer loszuwerden.» Auch wenn Sarr Aspekte aufzeigt, die ein solches negatives Bild korrigieren, wird es in ihrer Forschungsarbeit eine wichtige Rolle spielen.

Khadeeja Sarr ist als Tochter von Migranten in Schweden aufgewachsen und studierte in den USA und in England. Zurzeit ist Khadeeja «Haddy» Sarr Doktorandin am Fachbereich Kulturanthropologie der Universität Basel und am Zentrum für Afrikastudien Basel.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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