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Universität Basel

Arbeiten auf Durchreise Text: Samuel Schlaefli

Hoch Qualifizierte leben und arbeiten zunehmend an verschiedenen Orten. Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Sontag hat sich mit der Mobilität von Firmengründern befasst und plädiert für einen neuen Begriff von Migration.

Bernd ist Mitte 40 und Chef eines grösseren IT-Betriebs mit Sitz in der Schweiz. In den letzten Jahren hat er mehrere Unternehmen gegründet und in fünf Ländern gelebt. Jeden Freitagabend steigt er ins Flugzeug Richtung Skandinavien, um das Wochenende mit seiner Familie zu verbringen. Montag früh fliegt er wieder zurück in die Schweiz. Dazwischen stehen Businesstrips in die USA und nach Asien an. Rund ein Drittel seiner Arbeitszeit ist Bernd unterwegs. Der Vielflieger gehört zu einer wachsenden Gruppe an hoch qualifizierten und hoch mobilen Gründern, die ihr Arbeits- und Privatleben über mehrere Staaten, teilweise sogar Kontinente verteilt organisieren. Ihre Lebensmittelpunkte sind lediglich temporär – je nach Anforderungen der aktuellen Lebenssituation.

Risikofreude und Freiheitsdrang

Katrin Sontag ist Kulturwissenschaftlerin, und auch sie gestaltet ihr Leben multilokal. Sie hat in Berlin, Reykjavik und Bangalore studiert und in Peking als Unternehmensberaterin gearbeitet, bevor sie in Basel ihre Dissertation begann. Darin setzte sie sich mit den Biografien von hoch mobilen Gründern in der Schweiz auseinander. Die Schweiz hat aufgrund der Gesetzgebung, der Infrastruktur, des Zugangs zu Fachkräften und Investoren sowie der zentralen Lage in Europa eine aktive Gründerszene. Heute haben fast ein Drittel der Gründer keinen Schweizer Pass, viele richten sich auf einen globalen Markt aus, oft mit Ablegern und Personal in anderen Staaten.

Sontag interviewte 14 hoch qualifizierte Gründer aus IT, Bio- und Medizinaltechnologie, Eventmanagement, Bildung und Umweltberatung. Sie sprach auch mit Start-up-Beratern, durchlief ein Coaching, machte Feldforschung in Gründerzentren und besuchte einschlägige Workshops und Messen. Dabei traf sie auf motivierte Menschen zwischen 25 und 60 Jahren, die keine strikte Trennung mehr zwischen Privat- und Arbeitsleben kennen. Menschen mit einem grossen Freiheitsbedürfnis, die sich ihre eigenen Arbeitsstrukturen geben wollen und dafür bereit sind, Risiken einzugehen. Menschen auch auf der Suche nach lebenslangem Lernen und persönlicher Weiterentwicklung. Das Einkommen sei für sie nur noch ein Kriterium unter vielen, sagt Sontag: «Vielen ist bewusst, dass sie als Angestellte sehr viel mehr verdienen könnten. Doch sie gewichten ihre Freiheit höher.» 

Soziale Netzwerke ziehen mit

Die von Sontag interviewten Firmengründer verstehen es, sich die Dynamisierung der Arbeitswelt zunutze zu machen: Durch Internet und Breitbandverbindungen wird der fixe Arbeitsplatz obsolet, die Kosten für Kommunikation und Mobilität sind rasant gesunken und Skype, WhatsApp und EasyJet werden zum Alltag. Grenzüberschreitendes Arbeiten führt auch in den sozialen Beziehungen zu Veränderungen: Geschäftliche und private Netzwerke sind ortsunabhängig und ziehen mit den Menschen mit. Nationalitäten und Grenzen verlieren ihre Bedeutung. «Migration ist für viele keine einmalige Erfahrung mehr», erklärt Sontag, «sondern wird zur biografischen Konstante und findet in verschiedene Richtungen statt.»

Sontag ist überzeugt, dass gängige Konzepte von Migration und die Fokussierung auf nationale Herkunft in solchen Fällen keine grosse Rolle mehr spielen. «Ist die Unterscheidung zwischen Migrierenden und Nichtmigrierenden sinnvoll? Oder sollten wir uns stärker auf die Rollen konzentrieren, die Menschen an verschiedenen Orten und Zeiten einnehmen?», fragt sie rhetorisch. Sontag spricht denn auch lieber von Mobilität und Räumen statt von Migration. Sie bezieht sich dabei auf den Begriff der «Scapes» des Ethnologen Arjun Appadurai, der die Vernetzung von Finanzen, Technologien, Ideen und Menschen in translokalen, globalen und hoch dynamischen Räumen beschreibt. Dazu gehört auch die virtuelle Mobilität, über die sich Ideen und Erfindungen mit zunehmender Geschwindigkeit verbreiten. «Unser Verständnis von Mobilitäten, so wie sie heute gelebt werden, ist noch sehr begrenzt», resümiert die Forscherin.

Katrin Sontag ist Lehrbeauftragte und Postdoktorandin am Fachbereich für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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