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Ein Mosaik im Immunsystem

Lächelnder Mann mit Brille und dunklem T-Shirt steht vor einem modernen Gebäude.
Prof. Dr. Mike Recher erforscht am Departement Biomedizin der Universität Basel Störungen des Immunsystems, arbeitet als leitender Arzt am Universitären Zentrum für Immunologie des Universitätsspitals Basel und ist Co-Leiter des Zentrums für seltene Krankheiten Basel. (Foto: Universität Basel, Florian Moritz)

Ein Patient mit rätselhaften Symptomen lässt nicht locker: Er möchte wissen, was nicht stimmt. Doch keine bekannte Diagnose passt. Prof. Dr. Mike Recher erklärt, wie sein Team schliesslich die Ursache für die Beschwerden fand. Und warum sich gerade ein neues Feld an Immunstörungen auftut.

11. August 2026 | Angelika Jacobs

Lächelnder Mann mit Brille und dunklem T-Shirt steht vor einem modernen Gebäude.
Prof. Dr. Mike Recher erforscht am Departement Biomedizin der Universität Basel Störungen des Immunsystems, arbeitet als leitender Arzt am Universitären Zentrum für Immunologie des Universitätsspitals Basel und ist Co-Leiter des Zentrums für seltene Krankheiten Basel. (Foto: Universität Basel, Florian Moritz)

Herr Recher, Sie befassen sich in Ihrer Forschung mit seltenen und ungeklärten Störungen des Immunsystems. In einer neuen Veröffentlichung berichten Sie von einem Patienten, der jahrelang nach einer Erklärung für seine Beschwerden suchte. Was war sein Problem?

Der Patient hatte immer wieder Ablösungen in der Mundschleimhaut; so wie Aphthen, einfach grossflächiger. Er litt unter chronischer Müdigkeit und Gelenkschmerzen und hatte häufig Infekte der oberen Atemwege. Ich habe ihn kennengelernt, als ich junger Assistenzarzt auf der Allergologie war.

Warum war die Diagnose so schwierig?

Er passte nicht in gängige Schubladen von Autoimmunerkrankungen oder rheumatologischen Diagnosen. Weder bei seinen Eltern noch in der Familie waren solche Immunstörungen bekannt. Wir hatten also nicht den Verdacht, dass er etwas vererbt bekommen hatte. 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit einem solchen Fall konfrontiert sind?

Bei solchen Patientinnen und Patienten, die anfällig für Infekte und dauerhaft abgeschlagen sind, macht man zuerst einmal ein Blutbild und misst die Antikörper. Weil weder das Blutbild noch die Antikörper bei unserem Patienten auffällig waren, haben wir die Zusammensetzung seiner Immunzellen genauer angeschaut. Wir können heute in einer Blutentnahme die Immunzell-Untergruppen in grosser Detailtreue aufschlüsseln. 

Wann wurde Ihnen klar, dass hier etwas Aussergewöhnliches vorliegen könnte?

Das einzig Auffällige bei ihm war, dass eine ganz spezifische Gruppe von T-Zellen im Verhältnis zu anderen Immunzellen vermehrt war, und das stabil über Jahre. Eine Erklärung für die Vermehrung dieser speziellen Zellen hatten wir nicht. Da war klar, dass wir es mit etwas noch Unbekanntem zu tun hatten. Im Rahmen unserer Forschung haben wir dann eine genetische Analyse dieser speziellen T-Zellen gemacht und sie mit den konventionellen T-Zellen verglichen, die er natürlich auch hat. Wir suchten nach Unterschieden in der Erbgutsequenz.

Was haben Sie gefunden?

Nur in diesen speziellen T-Zellen hatte er eine Mutation in einem Gen, das Zellteilung und -aktivierung reguliert. Die Mutation sorgte dafür, dass diese T-Zellen überaktiviert waren und sich häufiger teilten. So hatten wir die Hypothese: In einer Vorläuferzelle dieser T-Zell-Gruppe entstand zufällig diese Mutation. Und diese überfunktionellen T-Zellen haben dann das Immunsystem so durcheinandergebracht, dass er die besagten Symptome entwickelt hat. 

Was ist das Spezielle an diesem Fall? 

Dass Genveränderungen nicht alle Zellen des Organismus betreffen müssen, ist bekannt. Fachkreise nennen das «Mosaikmutationen», der Körper ist quasi ein Mosaik aus Zellen mit punktuell unterschiedlicher Erbgutsequenz. Bei den meisten Beispielen, die wir heute kennen, betreffen solche Mosaikmutationen beispielsweise alle T- und B-Zellen, oder die Gruppe, zu der rote Blutkörperchen, Blutplättchen und weitere weisse Blutzellen gehören. Eine eingehende immunologische Charakterisierung einer Mosaikmutation, welche nur diese eine Immunzell-Untergruppe betrifft, zeigen wir zum ersten Mal. 

Sie beschreiben die Geschichte eines einzelnen Patienten. Gibt es noch mehr solcher Fälle?

Wir vermuten, dass viele ungeklärte Immunstörungen auf solche Mosaikmutationen zurückgehen könnten. Wir stehen noch am Anfang, das Feld dieser mosaikartigen Immunstörungen zu ergründen. Am Universitären Zentrum für Immunologie haben wir eine Forschungskohorte mit aktuell 670 Patientinnen und Patienten, bei denen wir die Ursache ihrer Immunstörung suchen. Unsere aktuelle Arbeit zeigt, dass mehrere dieser Personen gleichartige chronische Vermehrungen dieser spezifischen T-Zellen aufweisen. Bei ihnen warten wir noch auf die Genanalyse.

Warum wurden solche Erkrankungen lange übersehen?

Das liegt vor allem an den technischen Möglichkeiten der Erbgutsequenzierung. Die sind in den letzten Jahrzehnten deutlich besser, schneller und günstiger geworden. Normale Genanalysen können solche Mosaike jedoch verpassen, weil die Gruppe der betroffenen Zellen anteilsmässig klein ist und in der Blutprobe untergeht. Man kommt nur zur richtigen Diagnose, wenn man die betroffenen Zellen isoliert und sie separat untersucht.

Sie konnten Ihrem Patienten also Antworten liefern. Aber konnten Sie ihm am Ende auch helfen?

Tatsächlich gibt es ein Medikament, das wir dem Patienten anbieten konnten und das er jetzt seit sieben Jahren einnimmt. Es wirkt genau dort, wo der Signalweg in den speziellen T-Zellen überaktiv ist. Seither hat sich der Anteil der betroffenen T-Zellen im Blut des Patienten langsam normalisiert. Gewisse Symptome haben sich dadurch deutlich verbessert, die Ablösungen der Mundschleimhaut und die Infekte gingen stark zurück. Aber nicht alle Beschwerden sind verschwunden. So ist die chronische Müdigkeit geblieben.

Warum hat die Behandlung nicht alle Symptome beseitigt?

Gerade chronische Fatigue ist noch mit vielen Fragen behaftet. Wir können im Fall dieses Patienten nur vermuten, dass sich gewisse biologische Antworten auf die jahrelange Fehlregulation nicht einfach ausradieren lassen, wenn das molekulare Problem behoben ist.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für andere Patientinnen und Patienten mit ungeklärten Entzündungen oder Immunstörungen?

Dieser Fall zeigt, dass eine detaillierte Analyse oft hilft, das zugrunde liegende Problem zu verstehen. Und noch viel wichtiger: Sie hilft, ein passendes Medikament zu wählen. Es gibt Wirkstoffe gegen viele Zielstrukturen, aber welchen man nimmt, hängt sehr davon ab, wo das Problem molekular liegt, und nicht nur davon, welche Symptome vorhanden sind. Es gibt Patientinnen und Patienten, die sehr ähnliche Symptome haben wie dieser Patient, aber einen anderen Krankheitsmechanismus. Bei ihnen würde das gleiche Medikament vielleicht gar nicht helfen. Aus solchen Fällen lernen wir auch viel Neues über das Immunsystem und die Funktion einzelner Typen von Immunzellen.

Wie muss sich die Diagnostik ändern, damit mehr Patientinnen und Patienten mit ungeklärten Symptomen Antworten erhalten?

Unsere Diagnostik steht unter Druck, auch durch die Gesundheitskosten. Unser Ziel ist, die Krankheitsbilder unserer Patientinnen und Patienten zu verstehen und personalisierte Therapien anzuwenden. Ohne moderne Diagnostik werden wir das nicht erreichen. Für Betroffene kann das entscheidend sein: Sie erhalten nicht nur einen Namen für ihre Erkrankung, sondern im besten Fall auch eine Therapie, die zur Ursache passt. Die Ursache zu erkennen und dort anzupacken kann das Gesundheitssystem letztlich weniger kosten als die dauerhafte Behandlung vieler einzelner Symptome. 


Originalpublikation

Benedikt J. Meyer, José Pedro Loureiro et al.
TCR γδ cell-specific STAT5 gain of function induces a druggable chronic human immune-dysregulation
Journal of Human Immunity (2026), doi: 10.70962/jhi.20250175 

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