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Bürgerprojekt erforscht Basel im 19. Jahrhundert

Felicitas Ruch, Verena Fiebig-Ebneter und Marina Zulauf-Semmler gehören zum Bürgerforschungsprojekt Basel-Stadt. (Bild: Universität Basel, Peter Schnetz)
Felicitas Ruch, Verena Fiebig-Ebneter und Marina Zulauf-Semmler gehören zum Bürgerforschungsprojekt Basel-Stadt. (Bild: Universität Basel, Peter Schnetz)

Eine Gruppe von Freiwilligen erhebt Daten zu den gesundheitlichen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Basel zwischen 1840–1870. Von der Erschliessung der historischen Datenquellen kann auch die universitäre Forschung profitieren.

26. September 2017

Felicitas Ruch, Verena Fiebig-Ebneter und Marina Zulauf-Semmler gehören zum Bürgerforschungsprojekt Basel-Stadt. (Bild: Universität Basel, Peter Schnetz)
Felicitas Ruch, Verena Fiebig-Ebneter und Marina Zulauf-Semmler gehören zum Bürgerforschungsprojekt Basel-Stadt. (Bild: Universität Basel, Peter Schnetz)

Der Tod riss Theo mitten aus dem Leben, als er erst dreissigjährig verstarb. Es war ein unauffälliges Leben, das früh geendet hatte. So unauffällig, dass er beinahe vergessen worden wäre. Doch am Ende verhalfen Theo seine Zähne zu weltweiter Berühmtheit. Er hatte leidenschaftlich Pfeife geraucht und dort, wo er sie zwischen die Zähne geklemmt hatte, war ein Loch im Gebiss. Dafür interessierten sich die Anthropologen, als sie 2004, dreissig Jahre nach dessen Ausgrabung und fast zweihundert Jahre nach seinem Tod 1816, sein Skelett untersuchten.

Theo hat nicht so geheissen. Die Forscher benannten das Skelett nach seinem Fundort auf dem Friedhof der Kleinbasler Theodorskirche, wo sein Skelett 1984 ausgegraben wurde. «Doch wir wollten seinen echten Namen kennen», sagt Gerhard Hotz, Anthropologe am Naturhistorischen Museum und Dozent an der Universität Basel. Als Naturwissenschaftler untersuche er die harten Fakten. «Ich interessiere mich aber auch sehr für die Geschichte und wollte herausfinden, wie Theo damals gelebt hat», sagt Hotz. So beginnt das Bürgerforschungsprojekt Basel-Spitalfriedhof BBS, welches an der Universität Basel angegliedert ist.

Notizen in Kurrentschrift

Mit einem Heer von bis zu 50 Freiwilligen macht sich Hotz in seiner Freizeit daran, im Basler Staatsarchiv in verschiedenen Akten nach Spuren von Theo zu suchen. Dank ihrem grossen Einsatz entsteht ein lebendiges Bild von Theos Leben in Kleinbasel des 19. Jahrhunderts, das im Buch «Theo der Pfeifenraucher – Leben in Kleinbasel um 1800» beschrieben wird.

Mit der Veröffentlichung des Buches endet die Arbeit des BBS jedoch nicht. Nur der Fokus ist ein anderer: «Wir möchten die Lebensbedingungen im Basel von damals erfassen, abbilden und Dritten zugänglich machen» so Hotz, der auch das Folgeprojekt leitet.

500 Skelette vom alten Friedhof des Basler Bürgerspitals ruhen im Naturhistorischen Museum. Jedes von ihnen ist namentlich bekannt. «Mit diesen Erkenntnissen setzen wir unsere anthropologischen Untersuchungen dieser Skelette in einen historischen Kontext», erklärt Gerhard Hotz die Ziele des Projekts. Dafür arbeiten aktuell gut 30 Freiwillige daran, im Basler Staatsarchiv aus verschiedenen Quellen Daten über das Leben im vorletzten Jahrhundert zu erheben.

Eine von ihnen ist Vreni Fiebig-Ebneter. Sie hat mit anderen Helfern die Spitaldatenbank und das Basler Kranken- und Pfründenregister erstellt. Dafür haben sie die Akten der Basler Spitäler von 1842 bis 1870 transkribiert. Die Notizen und Vermerke sind alle in Kurrentschrift verfasst. Vreni Fiebig-Ebneter kann diese schwer lesbare Handschrift entziffern, seitdem sie vor einiger Zeit ein Schreibbuch aus dem 19. Jahrhundert für Erstklässler gefunden und sich so Lesen und Schreiben dieser Schrift selbst beigebracht hat.

Heute geht die pensionierte kaufmännische Angestellte jeden Tag ins Staatsarchiv und vergräbt sich für einige Stunden in den alten Dokumenten. Wenn beim Transkribieren medizinische Diagnosen oder pharmazeutische Medikamentionen unklar sind, werfen Ärzte und Apotheker, ebenfalls Freiwillige, einen fachkundigen Blick darauf und schaffen Klarheit. Bei Unklarheiten kann aufgrund der beschriebenen Symptome die Krankheit heute oft festgestellt werden, was früher nicht möglich war. Nach dieser Kontrollschlaufe gehen die korrigierten Datensätze wieder zurück, damit die Erfasserinnen auch von dieser Expertise profitieren.

Citizen Science für die Forschung

Historikerinnen und Historiker der Universität Basel und Freiburg im Breisgau haben Zugriff auf sämtliche Daten des BBS. In Master- oder Bachelorarbeiten interpretieren Studierende diese und machen Aussagen über die hygienischen Bedingungen, Ernährung, Krankheiten und Seuchen oder die sozioökonomischen Lebensbedingungen in der Stadt. Vreni Fiebig-Ebneter freut sich über solche Forschungsergebnisse: «So macht mir die Arbeit Spass und gibt meinem Leben einen Sinn.»

Wichtig ist ihr auch der soziale Aspekt: Die Freiwilligen treffen sich dienstags und freitags im Lesesaal des Staatsarchivs und organisieren vier Treffen pro Jahr, bei denen immer ein kultureller und ein geselliger Teil auf dem Programm stehen. «Wir lassen es uns gut gehen, ohne dabei dem Staat auf der Tasche zu liegen», lacht Hotz. Die Mittel für die Treffen beschaffen die freiwilligen Projektmitarbeiter mit Vortragshonoraren und anderen Entschädigungen selbst.

Die vielen Freiwilligen des BBS verbreitern die Datenbasis laufend. Felicitas Ruch zum Beispiel erfasst die Daten der Volkszählung von 1870, dazu gehören Name, Geschlecht, Geburtstag, Adresse, Haushaltsgrösse, Heimatort und Beruf aller Menschen, die per 1. Dezember 1870 in Basel gelebt haben.

Stammbaum für die Toten

Daten zur Haushaltsgrösse ergeben, kombiniert mit den Informationen aus den Krankenakten, ein eindrückliches Bild: «Es war ein hartes Leben, geprägt von Überbevölkerung, Seuchen und schlechter Bezahlung.» schildert Ruch das Leben im alten Basel.

Die Daten aus der Volkszählung helfen auch der Projektkoordinatorin Marine Zulauf-Semmler bei ihrer genealogischen Forschung: «Wir liefern die Geschichten zu den Daten, das Fleisch am Knochen», beschreibt sie ihre Arbeit. Sie erstellt für jeden der Toten vom Spitalfriedhof einen Stammbaum mit Eltern, Geschwistern und deren und eigenen Kindern. Der gesetzlich gegebene Nachfahrensschutz wird dabei respektiert. Eine mühevolle Kleinstarbeit, die viel Zeit braucht. Mehr als vier Stammbäume schafft sie trotz grossem Engagement nicht in einem Jahr.

Mit den Daten aus dem BBS-Projekt lassen die anthropologischen Untersuchungen der Skelette verifizieren. In einem aktuellen Projekt konnten zum Beispiel mit 3D-Scans von Mittelhandknochen Skelette mit grobmotorischen von solchen von feinmotorischen Berufen unterschieden werden. So können in Zukunft über Skelette unbekannter Herkunft Aussagen zu deren sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund gemacht werden.

Um diese Arbeit zu erleichtern, arbeiten die Macher hinter dem Projekt derzeit mit Hochdruck an einem historischen Informationssystem, in dem ihre Daten jederzeit und von überall her öffentlich zugänglich sind. Die Gespräche mit möglichen Partnern für die Finanzierung des Projekts sind am Laufen und Gerhard Hotz ist zuversichtlich, dass es schon bald leichter wird, den wahren Namen von Theo und anderen Skeletten von Basler Friedhöfen herauszufinden.

Neumitglieder und Interessierte willkommen

Im Bürgerforschungsprojekt Basel-Spitalfriedhof transkribieren oder bereinigen Freiwillige Daten zu den gesundheitlichen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen in Basel zwischen 1840–1870. Das Team arbeitet regelmässig, aber immer dienstags und freitags, im Lesesaal des Basler Staatsarchivs und trifft sich vier Mal pro Jahr zu einem Anlass mit Apéro. Neumitglieder und Interessierte sind jederzeit willkommen, Kenntnisse in der Kurrentschrift erleichtern den Einstieg.

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