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Universität Basel

Krebs. (01/2023)

Metastasen bändigen.

Text: Andreas Lorenz-Meyer

Wenn Krebs streut, verschlechtert sich die Prognose. Grundlagenforschung zeigt Wege auf, wie sich dies verhindern liesse.

Mit dem Rasterelektronenmikroskop aufgenommene Krebszelle. (Bild: Universität Basel, Swiss Nanoscience Institute/Biozentrum)
Mit dem Rasterelektronenmikroskop aufgenommene Krebszelle. (Bild: Universität Basel, Swiss Nanoscience Institute/Biozentrum)

Eierstockkrebs verursacht lange keine Schmerzen, weil er im Becken und in der Bauchhöhle viel Raum zum Wuchern hat. So kann er sich still und heimlich ausbreiten – und wird oft sehr spät entdeckt, wenn der Krebs bereits gestreut hat. Das macht Ovarialkarzinome zur tödlichsten Krebsart bei Frauen.

Metastasen verbreiten sich bei Eierstockkrebs relativ schnell, beschränken sich aber meist auf den Bauchraum. Neben den Eileitern können die Tochtergeschwüre das Bauchfell, die Lymphknoten und den Verdauungstrakt befallen.

Zellen im Limbo

Damit Tumore überhaupt streuen können, müssen ihre Zellen wandlungsfähig sein. Ihr Weg durch den Bauch führt sie durch Blutbahn und Lymphsystem – ein ganz anderes Milieu als das Eierstockgewebe, aus dem sie stammen. Die Fähigkeit der Krebszellen, sich daran anzupassen, bezeichnen Fachleute als zelluläre Plastizität. Sie basiert auf einem speziellen Vorgang, einer Art Metamorphose, bei der die Zellen ihre Form und Eigenschaften verändern. Fachkreise nennen diese Metamorphose «Epithelial-Mesenchymale Transition» (EMT), und sie hat anderswo auch ihr Gutes: Den gleichen Vorgang braucht es für die Embryonalentwicklung und Wundheilung. Aber er erlaubt es eben auch Krebszellen, sich vom Primärtumor zu lösen und auszubreiten.

Wie lässt sich diese Kommunikation der Krebszellen unterbinden? Die Lösung könnte im Repertoire der Glykolipide liegen, also der Gesamtheit der verschiedenen Typen dieser Moleküle an der Oberfläche einer Zelle. «Es ist eine Art Fingerabdruck, über den Zellen sich gegenseitig erkennen und miteinander kommunizieren können. Diesen Fingerabdruck wollen wir entschlüsseln, um die Kommunikation zwischen Krebszellen besser zu verstehen und so zielgerichtetere Therapiemöglichkeiten zu eröffnen», führt Francis Jacob aus.

Bisher zielt die Behandlung von Eierstockkrebs nämlich auf bestimmte Proteine, die zwar auf den Tumorzellen vermehrt vorkommen, aber auch an der Oberfläche gesunder Zellen sitzen. Daher sei die Therapie nicht so spezifisch, wie man es sich wünschen würde, so Jacob weiter.

Rückverwandlung erzwingen

Zwei neue Therapieansätze hält der Forscher für möglich. Entweder könnte man die für den Krebs charakteristischen Glykolipide attackieren – analog zu gängigen Krebstherapien, die ein für Tumorzellen mehr oder weniger spezifisches Protein angreifen. Oder man zwingt metastasierende Tumorzellen, ihre Metamorphose rückgängig zu machen und in ihre Ursprungsform zurückzukehren. Dies könnte die Streuung verlangsamen oder gar unterbinden.

Auf der Suche nach einem Wirkstoff, der diese Rückumwandlung ermöglichen könnte, gibt es bereits Anhaltspunkte: Zum Beispiel kann das Toxin des Cholera-Erregers die Metamorphose rückgängig machen und so die Metastasierung verringern. Eine Entdeckung, die auf den US-amerikanischen Wissenschaftler Robert A. Weinberg zurückgeht. Dem Team um Francis Jacob gelang es, sie zu ergänzen: «Wir haben gezeigt, dass bestimmte Glykolipide an dieser Rückumwandlung entscheidend mitwirken – ohne sie würde das nicht so gut funktionieren.»

Nun muss das Forschungsteam nur noch einen Stoff finden, der weniger gefährlich ist als das Cholera-Toxin, aber genauso an den richtigen Typ von Glykolipiden bindet. Damit liesse sich das Kommunikationssystem zwischen den Krebszellen stören. Diese wären nicht mehr in der Lage, sich beim Streuen so flexibel auf neue Umgebungen einzustellen. Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Metastasen.


Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (Mai 2023).

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