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Universität Basel

08. Mai 2020

Was Corona mit der «Spanischen Grippe» verbindet – und was nicht

Kinder in Spitalbetten mit Krankenschwestern.
Notspital im Schulhaus Grossmatt in Pratteln, 1918. (Foto: Staatsarchiv Basel-Landschaft, PA 6466 03.01.05-02)

In Zeiten von Corona wird oft an die «Spanische Grippe» erinnert, die vor etwas über 100 Jahren allein in der Schweiz mindestens 25'000 Todesopfer forderte. Zwei Historiker der Universität Basel über einige Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den beiden Pandemien.

Die tödliche «Jahrhundertgrippe» suchte die Welt ein Jahr lang heim, und sie traf Gesellschaften wie die Schweiz mitten in einer schweren Krise: Die Krankheit brach im Juli 1918 in der Endphase des Ersten Weltkriegs aus, als im Land soziale Not mit Hunger und Armut herrschte. Es kam zu Konflikten zwischen Regierung und Arbeiterschaft, die im November 1918 zum Landesstreik führten – mitten in der zweiten Grippewelle, der stärksten von dreien.

Geschwächtes Immunsystem

Es war die grösste Pandemie der Neuzeit: In der Schweiz wurde nach Schätzungen rund die Hälfte der Bevölkerung angesteckt. Zunächst ging man von einem Bakterium als Verursacher aus, das sich über Berührung überträgt – die (kleineren) Viren, die unter den damaligen Mikroskopen noch nicht sichtbar waren, wurden erst später identifiziert. Als direkter Erreger gilt heute das Influenzavirus H1N1 vom Typ A, dessen Herkunft und Verbreitung sind aber noch immer ungeklärt

Besonderen Eindruck auf die Zeitgenossen habe damals der rasche Verlauf der Krankheit gemacht, sagt Séveric Yersin, Historiker und Doktorand an der Universität Basel, im Gespräch: «Menschen konnten am Morgen gesund zur Arbeit gehen, und Anfang Nachmittag waren sie tot.» Ebenfalls erschreckend wirkte, dass sich die Haut der Opfer aufgrund einer Reaktion des Immunsystems bläulich verfärbte. Doch nicht alle Menschen waren von der verheerenden Grippe gleichermassen betroffen.

Warum es bei den Opfern vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren traf, sei bis heute nicht geklärt, so Yersin. Offenbar spielte deren geschwächtes Immunsystem eine Rolle. Festzustellen sei jedenfalls ein grosses Mass an sozialer Ungleichheit, welche die tödliche Krankheit begleitete: Nicht in allen Kantonen waren die Opferzahlen gleich, und Quartiere mit grossem Mieteranteil wiesen eine höhere Sterblichkeit auf.

Mit Alkohol gegen den Erreger

Die ersten Fälle traten im Sommer 1918 in der Armee auf, bevor die Zahlen weltweit rasant anstiegen. «Regierung und Gesundheitsbehörden waren schlecht auf die Pandemie vorbereitet», so Prof. Dr. Patrick Kury, Co-Leiter von Stadt.Geschichte.Basel. Die tödliche Gefahr wurde unterschätzt, man wusste schlicht zu wenig. Bereits im Juli 1918 beauftragte der Bundesrat die Kantone, die Krankheit einzudämmen, was diese aber sehr uneinheitlich befolgten. Auch in der Ärzteschaft gab es unterschiedliche Einschätzungen. Überhaupt kursierten die seltsamsten Ratschläge für Heilmethoden, darunter jener, den Erreger mit möglichst viel Alkohol abzutöten.

Die kantonalen Behörden verbreiteten ihre Empfehlungen über Plakatsäulen, Zeitungen und Flugblätter: Versammlungen sollten vermieden sowie Patienten und Patientinnen im Krankenbett gehalten werden. Weite Teile der Bevölkerung hielten solche Massnahmen zugunsten von Ruhe und Ordnung für eine Schikane. Kirchen, Schulen, Theater und Kino blieben geschlossen, Zug und Trams eingeschränkt. «Wer sich vor Ansteckung schützen will, bleibe zu Hause», riet das Basler Sanitätsdepartement. Notspitäler wurden eingerichtet, und das ganze Land war dazu aufgerufen, Bettdecken und Matratzen zu spenden, Autos den Ärzten zur Verfügung zu stellen und freiwillige Hilfe zu leisten.

«Unter enormem Druck stand das Pflegepersonal in Kliniken und Notspitälern und bei Heimbesuchen», führt Kury aus. Denn die meisten Grippekranken wurden zu Hause von – meist weiblichen – Familienangehörigen und Pflegerinnen betreut, was sie in tödliche Gefahr versetzte. Die grössten Opferzahlen der damaligen Grippe wies denn auch die Zivilbevölkerung aus.

Tote Soldaten als Helden

Dagegen blieben im kollektiven Gedächtnis vor allem die toten Soldaten haften, die später als «Helden des Vaterlandes» gefeiert wurden – dabei kamen nur knapp acht Prozent der Todesopfer aus der Armee, wie Kury bemerkt.

Die meisten Krankheitskosten und Lohneinbussen hatten die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen zu tragen. «Die öffentliche Gesundheit hatte noch nicht die Bedeutung von heute», sagt Yersin. So habe die «Spanische Grippe» die Krankenkassen in der Schweiz für viele wesentlich verbessert; diese wurden nun vom Bund stärker unterstützt. Damals wie heute, vermutet der Historiker, könnten es sich aber nicht alle Menschen leisten, eine Grippe längere Zeit im Bett zu kurieren und Hilfe zu beanspruchen.

Für Kury waren die damaligen Verhältnisse während der Pandemie ganz anders und nicht mit der jetzigen Lage zu vergleichen: «Heute bewegen sich medizinisches Wissen, länderübergreifende Zusammenarbeit und koordinierende Massnahmen auf einem völlig anderen Niveau.» Die Grippe von 1918/19 zeige aber, wie wichtig es sei, einer Pandemie mit der notwendigen Konsequenz zu begegnen. Und Yersin konstatiert: «Es sollte uns nicht überraschen, wenn die Coronakrise in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Folgen nach sich zieht, die heute noch gar nicht bekannt sind.»

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