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Universität Basel

18. März 2021

Von Verstorbenen für die Lebenden lernen

Alexandar Tzankov am Mikroskop
Prof. Dr. Alexandar Tzankov studiert Veränderungen an Geweben und Organen, die eine Covid-19-Erkrankung auslöst. (Foto: Universität Basel, Oliver Hochstrasser)

Covid-19 betrifft zwar vor allem die Lunge, aber nicht nur. Zu Beginn der Pandemie gehörten Basler Forschende zu den Ersten, die Autopsien an verstorbenen Covid-19-Patienten wagten und damit wichtige Beiträge zum Verständnis der neuen Infektionskrankheit lieferten. Prof. Dr. Alexandar Tzankov von der Universität Basel leitet ein Forschungsprojekt, das die Auswirkungen des Virus auf Gewebe beleuchtet.

histologische Gewebefärbung einer Mikrothrombose
Quer- und Längsschnitt einer Mikrothrombose im Herzmuskel eines verstorbenen Covid-19 Patienten. (Bild: A. Tzankov)

Das grössere Problem bei Covid-19, berichteten Tzankov und weitere Pathologen letzten Sommer im «New England Journal of Medicine», sind Mikrogerinnsel in den fein verästelten Blutgefässen der Lungenbläschen. Verglichen mit Influenzaviren löst das neue Coronavirus zehnmal mehr solcher Mikrothrombosen aus.

Zudem scheint der Organismus nicht in der Lage, die verstopften und damit funktionslosen Blutgefässe zu ersetzen. «Zwar wird eine molekulare Kaskade angestossen, um neue Gefässe zu bilden, aber sie versagt und führt nicht zu funktionierenden Gefässen», fasst Tzankov zusammen. Die Folge ist ein mangelhafter Gasaustausch an der Lungenmembran, weil insbesondere Sauerstoff schlechter transportiert wird.

Da der Transport von CO2 weniger betroffen ist, zeigen die Patientinnen und Patienten ein Phänomen namens «happy hypoxia» (übersetzt «glücklicher Sauerstoffmangel»). Der Überschuss an CO2 im Blut löst normalerweise Erstickungsgefühle aus. Da das CO2 aber relativ gut abtransportiert, aber weniger Sauerstoff zugeführt wird, scheinen die Betroffenen das Ersticken nicht zu bemerken.

Kein direkter Schaden am Gehirn

Das Problem geht dabei weit über die Lunge hinaus: Das Virus lässt sich in geringer Menge praktisch in allen Geweben des Körpers nachweisen und kann dort die Mikrozirkulation des Bluts ebenfalls stören. Beispielsweise nimmt Tzankov an, dass Wortfindungsstörungen, Gleichgewichtsstörungen oder die chronische Erschöpfung – zusammengefasst als Post-Covid-19-Syndrom, das noch lange nach der akuten Infektion anhält – ebenfalls vor allem auf Probleme der Mikrozirkulation zurückzuführen sind, und nicht auf eine Schädigung der Nervenzellen durch das Virus, wie zuerst angenommen wurde.

Die Einsicht, dass das Virus den grössten Schaden in den Gefässen anrichtet, gehört zu den grossen Verdiensten der Pathologie während der Pandemie. Sie wies darauf hin, dass der Zustand des Gefässsystems ausschlaggebend dafür sein kann, wie tolerant der menschliche Körper gegenüber SARS-CoV-2 ist und wie eine Infektion verläuft. Und sie zeigte vielversprechende Ansätze wie den Einsatz von Gerinnungshemmern auf, um zumindest bei einigen Patientinnen und Patienten fatale Folgen der Infektion abzuwenden.

«Die Pathologie konnte in dieser globalen Ausnahmesituation zeigen, dass man von Verstorbenen etwas lernen kann, das direkt für die Lebenden anwendbar ist», so Tzankov. Er und sein Team verfolgen weiter die Spuren, die das Virus in den unterschiedlichen Geweben hinterlässt. Dank der Finanzierung durch das BRCCH stehen ihnen dafür neue Ressourcen und Kollaborationen mit einem Netzwerk nationaler und internationaler Forschungsgruppen zur Verfügung.

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