Im Fokus: David Koch will besser vorhersagen, wem eine Wirbelsäulen-Operation hilft
Sein Plan war eigentlich, Sportlehrer zu werden. Als David Koch allerdings eine Seminararbeit wiederholen musste, nutzte er die Wartezeit für ein Forschungspraktikum. Und fand in einer Mischung aus Bewegungswissenschaft und klinischen Fragen sein Themenfeld.
09. Juli 2026 | Angelika Jacobs
«Meine Verteidigung war Anfang Mai», erzählt David Koch. Man hört die Erleichterung mitschwingen bei diesem Treffen rund einen Monat später. Die Anspannung der Abschlussphase im Doktorat ist von ihm abgefallen.
Bevor er an diesem Morgen am Universitätsspital eine Studienvisite begleitet, nimmt sich der frisch promovierte Bewegungswissenschaftler Zeit für ein Gespräch im Bistro des Spitals. Bei einem Kaffee erzählt er entspannt auf Mundart, welches Thema ihn in der Dissertation und auch jetzt noch als Postdoc am Department of Biomedical Engineering beschäftigt: Eine Verengung in der unteren Wirbelsäule, die rund zehn Prozent der Bevölkerung betrifft – vor allem jene über 65. Statistisch leben rund 180'000 Personen in der Schweiz mit den Folgen einer «lumbalen Spinalkanalstenose». Offizielle Diagnosezahlen gibt es nicht, aufgrund der alternden Bevölkerung dürfte diese Zahl jedoch weiter steigen.
Wem hilft eine Operation?
Durch altersbedingten Verschleiss verengt sich der Wirbelkanal und lässt den Nerven zu wenig Platz. Die Folge sind Schmerzen, Kribbeln bis hin zu Taubheit und ein unsicherer Gang. Viele Betroffene können nur noch kurze Strecken gehen und sind – je nach Schweregrad der Verengung – stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.
Wie stark die Beschwerden sind, hängt dabei oft von der Haltung ab. Deshalb meiden Patientinnen und Patienten instinktiv jene Positionen, die Schmerzen verursachen, und nehmen dafür Ausweichhaltungen ein. «Unsere Studien zeigen, dass ein grosser Teil dieser Kompensation im Becken stattfindet», erklärt David Koch. «Daneben laufen viele auch vorgebeugt.» Auf Dauer bleiben solche Fehlhaltungen nicht ohne Konsequenzen für die Muskulatur.
Bei der Mehrheit hilft eine Operation, die den verengten Kanal wieder weitet. «Aber jede vierte Person profitiert nicht messbar von der OP», so Koch. «Wir versuchen durch unsere Studie herauszufinden, wie wir den Erfolg der Behandlung besser vorhersagen können.»
Falsch trainiert als Teenager
Hört man ihn über die klinischen Aspekte seiner Arbeit sprechen, vermutet man, einem Mediziner gegenüberzusitzen. Umso überraschender, dass er an der Universität Basel Sport studiert hat und ursprünglich Lehrer werden wollte.
«Ich fing als Teenager mit Krafttraining an.» Ein bisschen selbstironisch berichtet der heute 31-Jährige, wie er damals die falschen Schwerpunkte setzte. «Wie viele Jugendliche habe ich zum Beispiel nur die Brustmuskeln trainiert, aber den Rücken vernachlässigt.» Daraus folgten irgendwann Probleme mit der Schulter. «Ein Coach hat mir dann geholfen, ganzheitlicher zu trainieren: mit Kettlebells, Langhantel und dem eigenen Körpergewicht.»
Die Hintergründe von solch funktionellem Krafttraining, das nicht einzelne Muskeln, sondern alltagsrelevante Bewegungsabläufe umfasst und so muskuläre Dysbalancen auflösen kann, begannen ihn zu faszinieren. Da lag das Studium in Sportwissenschaften mit Berufsziel Sportlehrer nahe, erinnert er sich.
Kleiner Rückschlag, grosse Wirkung
Dass er heute doch nicht vor einer Schulklasse steht, beruht auf einer vergeigten Seminararbeit und einem glücklichen Zufall. «Ich hatte ein halbes Jahr Wartezeit, bis ich die Arbeit wiederholen konnte, und wollte etwas Sinnvolles damit anfangen», so Koch. Sein damaliger Mitbewohner vermittelte ihm ein Praktikum in der Forschungsgruppe «Funktionelle Biomechanik», wo dieser selbst gerade promovierte. «Es ging um Fragen rund um den Verschleiss von Gelenken und Gelenkknorpel», erzählt Koch.
Er bekam Einblick in Forschung, die Erkenntnisse generiert, um Menschen zu helfen. Das sei der Moment gewesen, wo es ihn gepackt habe. «Die Vorstellung, einen Beitrag zur Verbesserung der Patientenbehandlung leisten zu können, hat mich sehr motiviert und lag mir am Herzen», sagt er mit Nachdruck.
Diese Motivation hat auch familiäre Wurzeln: Seine Mutter arbeitete in der Pflege und auch seine Schwester hat ursprünglich diesen Berufsweg eingeschlagen. Für ihn ist die Bewegungswissenschaft ein Themenfeld, in dem sich sein Wunsch zu helfen mit seinem Faible für Bewegung und Sport vereinen lässt.
Ausgleich in Bewegung
Sport begleitet David Koch wie in den Anfängen seiner Berufswahl auch heute noch in seiner Freizeit. Zum runden Geburtstag im vergangenen Jahr schenkten ihm Freunde und Familie ein Gravelbike, erzählt er mit sichtlicher Freude. Auf dem Sattel findet er Ausgleich zur konzentrierten Forschungsarbeit.
Nach zehn Jahren Pause hat er zudem wieder zum Handball gefunden, einem Sport, den er früher lange gespielt hatte. Ein Ausgleich, der für ihn das Kompetitive, das Spielerische und das Soziale verbindet.
Auf nach Kanada
Das Projekt, in das seine Dissertation eingebettet war, wurde soeben dank neuer Forschungsgelder um drei Jahre verlängert. Auch als Postdoc bleibt er dem Thema treu, aber zuerst steht ein Forschungsaufenthalt in Kanada an. Die nächsten Monate wird er sich dort mit Fehlstellungen des Kniegelenks auseinandersetzen, die ebenfalls durch eine Operation korrigiert werden können. Im Zentrum steht dabei die Druckverteilung im Kniegelenk. Die gemeinsamen Nenner bleiben die Biomechanik und das Ziel, die Behandlung von Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Es liegt ihm am Herzen, dass Erkenntnisse aus seinen verschiedenen Projekten Betroffenen einen Nutzen bringen. Deshalb kann er sich auch vorstellen, künftig in engerem Kontakt zu Betroffenen zu arbeiten.
Als er sich verabschiedet, um zur Studienvisite am Universitätsspital aufzubrechen, blitzt kurz der frühere Berufswunsch hervor. Die Visite übernimmt heute ein Team aus Studierenden, das er begleitet. «Die Arbeit mit ihnen macht mir sehr viel Spass», erzählt er. «Es ist spannend zu sehen, wie sie alle anders an Fragestellungen herangehen und auf ganz verschiedene Arten Probleme lösen.» Ein bisschen Lehrer ist er also doch geworden.
Im Fokus: die Sommerserie der Universität Basel
Das Format Im Fokus rückt junge Forschende in den Mittelpunkt, die zum internationalen Renommee der Universität beitragen. Während mehrerer Wochen stellen wir Akademiker*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen vor, die stellvertretend für die über 3000 Doktorierenden und Postdocs der Universität Basel stehen.

