GIFs als Filmkritik
Selbst praktisch und kreativ zu arbeiten ist im Studium eher selten. Ein medienwissenschaftliches Proseminar über Video-Essays zeigt, welche Medien Studierende wissenschaftlich nutzen können, um fundierte Kritik an Medien zu üben. Denn die Medienwissenschaft weiss, dass nicht nur das alte Medium der Schrift als Methode für Kritik in Frage kommt.
Der surrende Beamer projiziert ein stilles GIF auf die Wand im Seminarraum «Bluebox» im Fachbereich Medienwissenschaften. Die Dozentin Jaël Steiner und die Studierenden blicken interessiert auf den endlosen Loop von Marilyn Monroe, der von einer Studentin zusammengeschnitten wurde. Was sie sehen, ist ein kritischer Kommentar, der den männlichen Blick auf die Schauspielerin thematisiert und eine Übersetzung eines zentralen Aspekts des für die heutige Sitzung gelesenen Texts in ein Video-Format. Damit startet die Gruppe in eine angeregte Diskussion. Die Grundlagentexte und -konzepte der Filmwissenschaft, die in der Runde besprochen werden, ermöglichen den Studierenden, einen eigenen kritischen Blick auf Film zu entwickeln.
Im Proseminar «Schnittstellen des Films. Montage und Video-Essay als Methoden der Filmanalyse und Kritik» entdecken Studierende, wie in der Medienwissenschaft wissenschaftliche Methoden mit künstlerischer Praxis verbunden werden können. Dazu werden über das Semester hinweg eine ganze Reihe an Grundlagen erarbeitet, um den Video-Essay und seine Rolle in der Medienwissenschaft greifen zu können. So lernen die Studierenden auch historische Aspekte des Films kennen und tauchen in die Filmtheorie und die wichtigsten Grundbegriffe ein, um dann selbst praktisch tätig zu werden.
Wissenschaftliches Storytelling
Jannick Stern studiert Medienwissenschaft im sechsten Semester und landete aufgrund seiner bereits bestehenden Interessen an Film und Video-Essays auf YouTube in diesem Proseminar. «Der Mix aus Praxis und Theorie ist perfekt. Und es ist cool, Einblicke in ein komplexeres Schnittprogramm zu bekommen», so der 24-Jährige, der den zweiten Film der «Herr der Ringe»-Trilogie zu seinen Favoriten zählt.
Er und die anderen Studierenden konsumieren in ihrem Alltag zwar ganz unterschiedliche Video-Inhalte, aber Video als wissenschaftliches Werkzeug zu entdecken ist neu und erweitert die eigenen Perspektiven. «Wir haben das GIF als eine Form des Video-Essays angeschaut. Daran habe ich davor noch nie gedacht.» Und da kommt der künstlerische Aspekt dieser Methode zum Tragen. Ob und wie mit Audio, Bild, Ton oder Text gearbeitet wird, steht offen und erlaubt Kreativität. Jannick weiss: «Am Ende soll der Video-Essay ein Thema kritisch reflektieren und eine Story erzählen.»
Praktische Kompetenzen für Berufsperspektiven
Dabei ist auch die Montage in ihrer heutigen digitalen Form zentral. Ihr Potenzial als kritisches Werkzeug dürfen die Studierenden mit eigenen Schnittexperimenten auch praktisch entdecken. Mit dem Editing-Programm DaVinci Resolve haben die Studierenden bereits Mitte Semester in einer Gruppenarbeit ihre ersten eigenen Entwürfe erstellt und sich mit bestehendem Filmmaterial auseinandergesetzt. Dafür wurden Szenen aus einem Film rausgepickt, neu zusammengeschnitten und mit Musik unterlegt. «So haben wir dann versucht, eine neue Story zu erzählen», erklärt Jannick.
Die Stärke des Seminars liege also nicht nur im Spassfaktor, der wohl für viele eine Motivation war, sich einzuschreiben, sondern in der Praxisintegration, so der Student. «Man beschäftigt sich nicht nur mit Texten, sondern verbindet das Gelesene mit der Praxis. So lernt man etwas Konkretes.»
Für Absolvierende der Medienwissenschaft sind diese praktischen Kompetenzen nicht nur für ihr Studium und Forschung nützlich, sondern können auch in weitere Berufsperspektiven übertragen werden. «Ich möchte wahrscheinlich nach dem Studium in Richtung Marketing gehen. Da sind Videoschnitt-Skills vielleicht kein Muss, aber sicher ein Nice-to-have», erklärt Jannick.
Als Leistungsüberprüfung am Ende des Semesters sollen alle Studierende einen eigenen Video-Essay produzieren. Auch dafür setzt die Dozentin Jaël Steiner auf den offenen Werkstattcharakter des Seminars: In Gruppen pitchen sich die Seminarteilnehmenden ihre eigenen Ideen und geben sich gegenseitig Feedback und Input.
Wer Lust hat, sein Studium kreativer zu gestalten, bekommt bei der Medienwissenschaft die Chance. Wissenschaft und künstlerische Praxis schliesst sich gegenseitig nicht aus, was in dieser Lehrveranstaltung deutlich wird. Vielmehr kann genau in der Verschränkung der beiden Welten Erkenntnis entstehen.

