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Universität Basel

Im Fokus: Thomas Betschart forschte auf dem Velo zur Infrastruktur in Äthiopien

Thomas Betschart in seinem Basler Büro.
In seiner Dissertation am Fachbereich Urban Studies verbindet Thomas Betschart Feldforschung im Süden Äthiopiens und Datenanalyse in Basel. (Foto: Universität Basel, Eleni Kougionis)

Äthiopien ist bekannt für seinen Kaffee, gerät aber auch immer wieder wegen Armut und Gewalt in die Schlagzeilen. Für sein Dissertationsprojekt hat der Geograf Thomas Betschart untersucht, wie sich der Ausbau der Infrastruktur im Land auf das Alltagsleben auswirkt. Mit der Bevölkerung ins Gespräch und dadurch an Informationen zu kommen, verlangte dem Forscher einiges ab.

18. August 2022

Thomas Betschart in seinem Basler Büro.
In seiner Dissertation am Fachbereich Urban Studies verbindet Thomas Betschart Feldforschung im Süden Äthiopiens und Datenanalyse in Basel. (Foto: Universität Basel, Eleni Kougionis)

Thomas Betschart hat seinen Traumjob gefunden. Einen, für den er lange kämpfen musste. Dutzende Bewerbungen für eine Doktorandenstelle hat er geschrieben, erinnert er sich. Geklappt hat es schliesslich bei den Urban Studies an der Universität Basel. Da war Betschart 38 Jahre alt und hatte nach der pädagogischen Ausbildung mehrere Jahre am Gymnasium seine Studienfächer Geografie, Geschichte und Englisch unterrichtet, bei der FHNW und beim Bundesamt für Umwelt gearbeitet.

Das Lehrerdiplom und das Unterrichten war für den heute 42-Jährigen immer der Plan B. Kein schlechter, wie er sagt. Aber eben: Forschen sei das, was er wirklich wolle. Als die Zusage kam, hatte er eine Stelle als Gymnasiallehrer in Aussicht – in Hamburg. «Als dann die Zusage für das Doktorat kam, habe ich da natürlich noch so gern abgesagt.»

Mit dem Fahrrad den Tieren ausweichen

Statt nach Norddeutschland reiste er nach Afrika. In seinem Dissertationsprojekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird, untersucht er die Infrastruktur in Äthiopien und wie sich deren Ausbau auf das Leben der Bevölkerung auswirkt.

«Top-down geplant, werden dort ganze Städte aus dem Boden gestampft und Strassen neu oder ausgebaut», beschreibt Betschart. So etwa die Verbindungsstrasse zwischen den beiden Hauptstädten Addis Abeba und Nairobi: Früher dauerte die Fahrt vier bis fünf Tage, seit 2020 sind es noch etwa 24 Stunden. Eine Erleichterung für die Bevölkerung, könnte man meinen. Aber: «In der Theorie sind Strassen wie diese für alle, in der Praxis können sich grosse Teile der Bevölkerung die Mobilität gar nicht leisten.» Trotzdem gelte die Verbesserung der Infrastruktur als Heilsversprechen der Regierung.

Betschart breitet eine Landkarte aus, um besser zeigen zu können wie das Land aufgebaut ist. 84 Ethnien leben in Äthiopien, nicht alle haben die gleichen Chancen im Leben. Das sorgt immer wieder für soziale und politische Spannungen, die auch Betscharts Feldforschung betrafen. «Ich wusste nie, wann als nächstes irgendwo ein Konflikt auftritt, der auch für mich gefährlich hätte werden können», erinnert er sich zurück an seinen Aufenthalt 2021.

«Das Gefährlichste in Äthiopien ist aber der Verkehr. Der lässt sich kaum antizipieren.» Er war meist mit dem Fahrrad unterwegs, manchmal auch mit dem Motorrad. «Die Leute sind mit einer wahnsinnigen Radikalität unterwegs. Es gibt sehr viele tödliche Unfälle. Und dann hat es noch Tiere wie Esel, Kühe und Ziegen auf der Strasse, die man berücksichtigen muss.» Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, wenn er von seinen Eindrücken aus der Feldforschung erzählt, und lassen keinen Zweifel an seiner Begeisterung für das, was er tut.

Jugend in prekärer Armut

Seine erste Reise nach Äthiopien machte Betschart 2019. «Es ist ein wunderschönes Land, mit sehr vielseitiger Natur und Kultur. Emotional und mental war die Zeit vor Ort aber schon heavy.» Die Gewalt auf den Strassen, die Armut und Chancenlosigkeit der Menschen vor Ort schockierten ihn.

Karte von Äthiopien
Äthiopien ist mehr als 26 Mal so gross wie die Schweiz. Eine gute Verkehrsinfrastruktur ist für das Land von grosser Bedeutung, doch nicht alle Teile der Bevölkerung können von einem Ausbau der Strassen gleichermassen profitieren. (Foto: Universität Basel, Eleni Kougionis)

Der Wissenschaftler bewegte sich vorwiegend in der Gegend um die Stadt Hawassa, südlich der Hauptstadt Addis Abeba. Dort ist in den letzten Jahren ein Industriepark entstanden mit den Fabriken grosser Bekleidungsmarken. Die Menschen, die dort arbeiten, verdienen umgerechnet etwa 20 Franken im Monat, zu wenig um wirklich davon leben zu können. «Das Resultat ist eine prekäre Arbeiterklasse. Für uns hier ist das unvorstellbar», sagt der im aargauischen Magden aufgewachsene Wahlbasler.

Das Land hat eine sehr junge Bevölkerung, die aber oft nur wenig Perspektiven hat: viel Korruption, wenig Bildung, grassierende Arbeitslosigkeit und je nach ethnischer Zugehörigkeit unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen, kaum Rechte und viele hungernde Strassenkinder. «Die jungen Leute sind oft am Handy und sehen in den sozialen Medien einen anderen Lebensstandard, den sie in den Städten zu finden hoffen. Die Auswirkungen von Klimawandel und Landknappheit machen die Städte für die Leute noch attraktiver.» Die daraus folgende Urbanisierung wir durch die neuen Strassen begünstigt und das Heilsversprechen der Industrialisierung begünstigt.

Flexibilität als wichtigstes Werkzeug

Die Arbeit im Feld verlangte von Thomas Betschart und dem Übersetzer, den er für die gesamte Zeit engagiert hatte, viel Flexibilität. Planung wäre müssig gewesen. «Wir mussten Tag für Tag nehmen und wussten am Morgen jeweils nicht, wo wir am Abend landen. Wir gingen einfach den Pfaden nach, die wir entdeckten.» Das bedeutete zum Beispiel, dass ein Gesprächspartner an jemanden weiterwies, der zum Thema auch noch etwas zu sagen haben könnte. Betschart bezeichnet das als «stop and go»-Forschung – «immer der Nase nach».

Er besuchte die Menschen jeweils unangekündigt und musste teilweise aufpassen, dass er kein Aufsehen erregte. «Ich sagte, dass ich mir anschaue, wie sich die Stadt entwickelt. Konkrete Fragen zur Infrastruktur und deren Politisierung stellte ich dann eher beiläufig.» Aufzeichnen konnte er die Gespräche nicht, doch wenn er eine Vertrauensbasis wahrnahm, zückte er sein Notizbuch. Am Abend schrieb er nieder, was er über den Tag so erfahren hatte. «Mir war es wichtig, den Leuten vor Ort eine Stimme zu geben, das wurde sehr geschätzt.»

Es kam aber auch vor, dass die lokale Behörden unruhig wurden und zu den Telefonen griffen, wenn er in einem sensiblen Kontext auftauchte. Dann sammelte Betschart die relevanten Daten und suchte danach das Weite. Oft war es danach nicht ratsam zurückzukehren. Die Behörden waren nicht sehr angetan von seiner Arbeit und zeigten sich entsprechend unkooperativ. Die meisten Informationen sammelte er dementsprechend im Feld mit einer Vielzahl Gesprächspartnern und konnte so unterschiedlichste Menschen in ihrem Alltag porträtieren.

So setzte er setzte auch auf teilnehmende Beobachtung: Er arbeitete einen Tag in einer Mühle und war mit illegalen Seifenhändlern unterwegs, begleitete Bauingenieure und verbrachte viel Zeit in den neuen, von Armut geprägten Stadtvierteln, die um die Textilfabriken herum entstanden sind. «Ich wollte möglichst nah rankommen und erleben, wie die Menschen leben, welche Schwierigkeiten und Chancen sie haben.» Die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt fasziniert ihn. «Den Link zu machen zwischen Humangeografie und physischer Geografie finde ich wichtig.» In seinem Projekt lasse sich das hervorragend verbinden.

Thomas Betschart
Thomas Betschart. (Foto: Universität Basel, Eleni Kougionis)

Die Gitarre als Ausgleich

Seit Dezember 2021 ist Betschart wieder in Basel. Er sei «etwas reisemüde» und geniesst das Joggen und das Chillen am Rhein in seiner Wahlheimat. Die Stadt hat für ihn eine grosse Lebensqualität. Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt die Musik. Rockmusik, um genau zu sein. Er spielt Gitarre und Bass, singt, komponiert und produziert selber, im Moment arbeitet er an einem neuen Album. «Wenn ich Musik mache, bin ich im Zen», sagt er. Die Gitarre hatte er in Äthiopien zwar dabei, hatte sie aber «nur etwa dreimal in der Hand». Schlicht zu müde sei er abends gewesen.

Die Sommertage 2022 verbringt Betschart vor dem Computer, wo er die gesammelten Daten auswertet und sie in einem grösseren Kontext analysieren will. Er will nicht nur die eigenen Daten zusammentragen, sondern auch einen theoretischen Beitrag leisten zur Frage, wie Infrastruktur im Kontext der Urbanisierung zu verstehen ist und was sie bewirken kann. «Ich konnte wahnsinnig in die Tiefe und in die Breite gehen. Das war nur durch Flexibiltät möglich und ich bin schon auch stolz auf mich, dass mir das so gut gelungen ist», sagt er.

Geld für den Endspurt

Weil er infolge der Coronapandemie nicht reisen konnte und so seine Feldarbeit zwischenzeitlich auf Eis legen musste, hat sich sein Projekt um ein Jahr verzögert. «Ich habe jedoch einiges wieder aufholen können und gehe davon aus, dass ich die Diss bis im Februar abschliessen kann.» Einzig an Geld mangelt es durch die Verzögerung, da die Finanzierung nicht verlängert wurde und so muss Betschart noch einen Beendigungszuschuss einwerben.

Nach der Diss wäre er gerne weiterhin wissenschaftlich tätig. «Es ist ein Privileg, wenn man sich so auf ein Thema einfuchsen kann», findet er. Solange er mit Forschung seinen Lebensunterhalt verdienen kann, will er voll auf diese Karte setzen. Auch das Ausland ist eine Option. Als Plan B bleibt ihm weiterhin der Lehrerberuf.

Im Fokus: die Sommerserie der Universität Basel

Das Format Im Fokus rückt junge Forschende in den Mittelpunkt, die zum internationalen Renommee der Universität beitragen. In den kommenden Wochen stellen wir insgesamt sieben Akademiker*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen vor, die stellvertretend für die über 3000 Doktorierenden und Postdocs der Universität Basel stehen.

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