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Universität Basel

Visionen der Endzeit.

Text: Christoph Dieffenbacher

Schreckliche Bilder eines Gottesgerichts am Ende der Welt, wie es das Neue Testament schildert, waren im Mittelalter weit verbreitet. Trotzdem lebte man damals nicht in dauernder Angst vor Bestrafung der Sünden und ewiger Verdammnis.

«Der Tote vor seinem Richter». Illustration im Stundenbuch Grandes Heures de Rohan, Paris um 1430.
«Der Tote vor seinem Richter». Illustration im Stundenbuch Grandes Heures de Rohan, Paris um 1430.

Es war die schlimmste Katastrophe, die sich die Menschen im Mittelalter ausdenken konnten. Besonders dramatisch wird sie in der Offenbarung des Johannes beschrieben: Am Jüngsten Tag lassen Erdbeben die Städte einstürzen, Meere aus Blut beginnen zu brennen, ein Drittel der Menschheit kommt um, und Christus kehrt mit Feuer und Schwefel zur Erde zurück. Der Jüngste Tag ist zugleich Gerichtstag: Die Toten stehen von ihren Gräbern auf und werden vom Richter nach ihren Taten gerichtet. Im Matthäusevangelium trennt Jesus die «Gerechten» von den «Ungerechten» – diesen steht die ewige Höllenstrafe bevor, jenen immerwährendes Leben in himmlischen Gefilden.

Die Vorstellungen eines Endkampfs zwischen Gut und Böse sowie eines strafenden Gottesgerichts am Ende der Geschichte dürften bis auf das Assyrische und das Babylonische Reich und das Alte Ägypten zurückgehen. Doch waren sie wohl in keiner anderen Kultur so populär wie im europäischen Mittelalter.

In den Untergangsszenarien stand der gefürchtete Jüngste Tag nicht in ferner Zukunft bevor, sondern er konnte – nach Vorzeichen wie herabstürzenden Sternen und auferstehenden Toten – jederzeit eintreten. Die Ängste vor einem Weltende nahmen besonders während Pestwellen zu – etwa im 14. Jahrhundert, als Europa einen Drittel der Bevölkerung verlor –, aber auch bei Kriegen. Dann konnte sich der Schrecken eines Weltuntergangs mit der Angst vor dem Fremden verbinden.

Die Verdammten und die Geretteten

«Brutale Gewalt, Krankheit und Tod waren im Mittelalter in der Öffentlichkeit überall präsent», sagt Aden Kumler, seit 2020 Professorin für Ältere Kunstgeschichte an der Universität Basel. Sie befasst sich damit, wie die zeitgenössischen Künstler und Künstlerinnen ihre Darstellungen der Apokalypse einsetzten, um die Gläubigen zu einem gottgefälligen Leben zu motivieren.

Es war keine geringe Herausforderung: Wie sollten Kunstschaffende ein so weltveränderndes Ereignis in Bilder fassen, das noch gar nicht stattgefunden hatte? Wie liess sich das Unbekannte durch Bekanntes darstellen? Die mittelalterliche Darstellung des Jüngsten Gerichts folgte in der Regel einem bestimmten ikonografischen Schema, das sich am Neuen Testament orientierte, resümiert die Kunsthistorikerin: Der göttliche Richter thront umringt von Engeln oder den Symbolen der Evangelisten. Zu seiner Linken fahren die Verdammten hinab, zur Rechten steigen die Geretteten auf.

Dieses bildnerische Grundschema erscheint in unterschiedlichsten Medien: von den monumentalen Skulpturen der Romanik und Gotik über illuminierte Handschriften und Wandgemälde im Hoch- und Spätmittelalter bis zu spätmittelalterlichen Altartafeln. Wie starr waren im Mittelalter die Konventionen, wie der Weltuntergang auszusehen hatte? Neben traditionellen Bildelementen, wie sie sich im Mittelalter herausbildeten, so Kumlers These, hatten die Künstler durchaus Möglichkeiten, zu experimentieren: «Ganz ähnlich wie es im Jazz bestimmte Standards gibt, die Raum für Improvisation lassen.»

Zu sehen sei dies etwa an der Galluspforte des Basler Münsters, aber auch über dem Westportal der Kathedrale Saint-Lazare von Autun (Frankreich), beide aus dem 12. Jahrhundert: Hier stellen sich die Geretteten brav hintereinander an, während sich die Verdammten wirr durcheinanderbewegen.

Beängstigende Szenen

Eine offene Frage ist, wie stark die gelehrten Diskussionen über den Jüngsten Tag die Bevölkerung überhaupt erreichten – es gibt natürlich keine Statistiken dazu. Während des Grossteils des Mittelalters lebten die meisten Menschen auf dem Lande, reisten kaum und konnten oft weder lesen noch schreiben, so die Kunsthistorikerin. Die Angst vor einem Weltende um das Jahr 1000 scheine zum Beispiel nur einige Gelehrte beschäftigt zu haben – ein Grossteil der Bevölkerung wusste nichts davon. Ebenso wenig wussten sie um die Debatten unter Theologen über das himmlische Gericht, dem sich jeder Mensch nach seinem Tod stellen muss, und das grosse Gericht des Weltuntergangs.

Und trotzdem: «Die apokalyptischen Darstellungen über den romanischen Kirchenpforten mussten einen einfachen Bauern ziemlich schockiert haben», vermutet Kumler. Tatsächlich nehmen sich die Szenen oft reichlich drastisch und beängstigend aus: Da packen zwei riesige Hände von oben den Kopf eines Mannes, dort stürzen Menschen reihenweise in eine bodenlose Tiefe. Anderswo werden die Verdammten noch im Fallen von Teufeln und drachenartigen Dämonen gequält. Solche dämonischen Wesen erscheinen bereits in vielen frühromanischen Säulenkapitellen in Stein gebannt.

Gaben, Pilgerreisen, Ablass

Die Angst vor der Katastrophe und dem Ende der Welt beschäftigte die Menschen wahrscheinlich in unterschiedlichem Mass. Niemand konnte sicher sein, im Leben genug Gutes getan zu haben, um die eigene Seele vor Hölle und Fegefeuer zu retten. «Bei allem Schrecken», sagt Kumler, «vermittelten die apokalyptischen Bilder aber auch die Botschaft, dass man sich auf den Jüngsten Tag vorbereiten und das Urteil zu seinen eigenen Gunsten beeinflussen konnte.»

Durch barmherzige Taten, indem man zum Beispiel den Armen Nahrung und Kleider gab, eine Pilgerreise unternahm oder einen Ablass bezahlte, liess sich die Chance auf Errettung und ewiges Leben im Jenseits erhöhen. Manche dieser Lösungen kamen allerdings nur für eine reiche Oberschicht infrage – und Reichtum und Armut galten manchen mittelalterlichen Obrigkeiten wiederum als gottgegeben.

Der dauernde Zustand von angstvoller Erwartung, den die apokalyptischen Bilder mehr oder weniger stark auslösten, hatte damit auch positive Seiten, sagt die Kunsthistorikerin. So verbreiteten sich im Spätmittelalter Schriften zur «Ars moriendi», zur Kunst des Sterbens. Sie lehrten, wie sich Menschen auf ihren Tod einstellen und gut sterben konnten: «Die Angst davor konnte dadurch gewissermassen kultiviert werden.»

Und im Mittelalter war es sogar vorstellbar, dass dereinst alle Menschen gerettet werden und dass sich die Hölle am Ende als leer herausstellt – für jene Zeit eine radikale Vorstellung. Gerne zitiert Kumler die Mystikerin Juliana aus Norwich, die um 1400 festhielt, während einer schweren Krankheit die tröstenden Worte Jesu gehört zu haben: «Alles wird gut sein, und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein.»


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