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Universität Basel

Gewichtige Fragen.

Text: Santina Russo

Immer mehr Menschen sind stark übergewichtig. Die Forscherin und Medizinerin Katharina Timper hilft: Sie berät und behandelt Betroffene in der Adipositas-Sprechstunde. Dabei muss sie manche Irrtümer richtigstellen.

Waage mit Massband
(Foto: Pixabay)

Noch vor knapp 50 Jahren hatten weltweit nur etwas mehr als drei Prozent der Menschen Adipositas, also starkes Übergewicht, definiert als Body Mass Index (BMI) über 30 kg/m2. Heute sind es bereits 13 Prozent. In der Schweiz hat sich der Anteil von Menschen mit Adipositas innert 25 Jahren mehr als verdoppelt – rund jede zehnte Person ist mittlerweile betroffen. Das starke Übergewicht ist ein Hochrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Krebs und sogar Demenz. Aber wie entsteht Adipositas und wie lasst sie sich behandeln? Fünf Fragen und Antworten.

Ist Adipositas ein Lebensstil oder eine Krankheit?

Adipositas ist eine Krankheit, bei der erbliche und erworbene Faktoren eine Rolle spielen. Sie entsteht unter anderem durch fehlerhafte Prozesse im Gehirn – genauer gesagt im Hypothalamus, einer der wichtigsten Schaltstellen für die Regulation des Energiegleichgewichts und der Nahrungsaufnahme. Dort verarbeiten spezialisierte Nervenzellen Signale aus dem Körper und senden diese an nachgeschaltete Nervenzellen in anderen Gehirnregionen. So regulieren sie in fein abgestimmten Prozessen den Zuckerstoffwechsel oder das Sättigungsgefühl. Da an diesen Vorgängen unzählige Zellen, Rezeptoren und Botenstoffe beteiligt sind, gibt es auch unendlich viele Möglichkeiten für Fehler. Wenn sich etwa gewisse Nervenverbindungen nicht richtig ausbilden oder bestimmte Rezeptoren defekt sind, führt das zu Adipositas. Solche Fehler können entweder einen genetischen, also angeborenen Ursprung haben oder einen erworbenen, also durch die Umwelt und die Lebensumstände verursachten. Dabei ist wichtig, dass sich auch genetische Ausprägungen durch Umwelteinflüsse verändern können.

Wie stark bestimmen die Prozesse im Gehirn unser Essverhalten?

Sehr stark. Das zeigen Versuche mit Mäusen anschaulich. Bestimmte Nervenzellen im Mäusegehirn lassen sich genetisch so verändern, dass man sie mit Laserlicht aktivieren kann. Wenn dann der Laser eingeschaltet wird, frisst die Maus. Wenn er ausgeschaltet wird, hört sie auf. Wenn er wieder an ist, frisst sie. Diesem Befehl aus dem Gehirn kann sich der Organismus nicht entziehen. 

Ähnlich ist es bei uns Menschen: Wann und was wir essen «wollen», wird von diesen Prozessen im Gehirn gesteuert, auf die wir nur sehr bedingt Einfluss haben. Auch darum sind Vorurteile gegenüber adipösen Menschen, insbesondere von Gesundheitsfachpersonen, nicht zielführend und sogar extrem schädlich. Denn die Stigmatisierung von Patienten mit Adipositas ist nicht nur Folge, sondern auch eine wichtige Ursache der Gewichtszunahme. Die wiederholte Abwertung von aussen mündet in Selbstabwertung, was wiederum emotionales Essverhalten fordert und dazu führen kann, dass sich Betroffene sozial isolieren. Darum ist es wichtig, dass wir umdenken und die biologischen Grundlagen dieser Erkrankung anerkennen.

Wie stark ist Adipositas genetisch bedingt?

Vererbte Faktoren spielen sicher eine grosse Rolle. Wir kennen einige wenige Gene, die, wenn sie bestimmte Mutationen enthalten, zu einer Adipositas führen. Daneben gibt es unzählige weitere genetische Einflüsse, die noch völlig unbekannt oder erst ansatzweise beschrieben sind. Auch sogenannte epigenetische Faktoren sind entscheidend. Auf diese Weise bestimmt etwa die Ernährung von Muttern während der Schwangerschaft und Stillzeit das spätere Essverhalten des Kindes wesentlich mit.

Wie lässt sich Adipositas behandeln?

Wir unterstützen die Patientinnen und Patienten dabei, ihren Lebensstil zu ändern, sodass ein Gewichtsverlust möglich wird. Teil der Therapie ist immer eine Ernährungsberatung und ein individueller Trainingsplan. Bei depressiven Patienten oder solchen mit emotionalem Essverhalten kann ein Coaching durch unsere Kollegen in der Psychosomatik sinnvoll sein.

Bei Betroffenen, die angeben, ohnehin schon sehr wenig zu essen, hilft häufig eine Messung des Energie-Grundumsatzes. Denn viele Adipositas-Patienten und -Patientinnen haben einen extrem tiefen Grundumsatz von kaum über 1000 Kilokalorien pro Tag. Durch die Messung wird offensichtlich, warum das Abnehmen für sie so schwierig ist. Dieser Grundumsatz lässt sich zwar nicht ändern, aber man kann mit körperlicher Aktivität zusätzliche Kalorien verbrauchen.

Dazu bieten wir eine Palette verschiedener Bewegungsarten an, von Walken über Schwimmen bis zu Trampolinspringen und Klettern. Es hilft, dass die Betroffenen in Gruppen mit anderen Adipositas-Patienten trainieren können und nicht im Fitnessstudio neben schlanken, trainierten Leuten. Wichtig bei alledem ist: Wir behandeln die Patientinnen und Patienten nicht, um sie äusserlich zu verändern. Es geht einzig darum, Risikofaktoren zu minimieren und Folgeerkrankungen zu verhindern.

Wann sind Medikamente oder chirurgische Massnahmen wie ein Magenbypass sinnvoll?

Diese Massnahmen können die Änderung des Lebensstils unterstützen. Wir verschreiben häufig ein Medikament namens Saxenda®, das einem körpereigenen Hormon nachempfunden ist und das Sättigungsgefühl erhöht. Nützlich ist es vor allem für Patienten, die fast andauernd ein Hungergefühl verspüren oder mit emotionalem Essverhalten oder Binge-Eating kämpfen, also exzessivem, übermässigem Essen. Viele können damit zum ersten Mal entspannt abnehmen, ohne dass ihre Gedanken stets um das nächste Essen kreisen. Chirurgische Massnahmen sind vor allem bei Patienten sinnvoll, die schon viele Begleiterkrankungen haben, etwa Bluthochdruck, Schlafapnoe, Typ-2-Diabetes. Wichtig ist, sie zuvor gut auf die Operation und ihr Leben danach vorzubereiten und sie auch nach dem Eingriff engmaschig zu begleiten.

Zucker fürs Gehirn

Kürzlich hat Katharina Timper gezeigt, dass nicht nur Nervenzellen, sondern auch eine andere Art von Gehirnzellen, die Astrozyten, eine Rolle bei der Steuerung des Energiehaushalts spielen. Auch diese Zellen besitzen nämlich einen Rezeptor für das körpereigene Hormon GLP1, das als Vorlage für das Adipositas-Medikament Saxenda diente. In Versuchen mit Mäusen konnte Timper nachweisen, dass ein Ausschalten dieses GLP1-Rezeptors in den Astrozyten zu einer Veränderung des zellulären Stoffwechsels führte. Dies hatte einen positiven Einfluss auf den gesamten Organismus: Die Mäuse konnten nicht nur Zucker besser verwerten, sondern zeigten in Tests auch eine bessere Lernfähigkeit als Kontrollmäuse. «Damit haben wir eine Schnittstelle gefunden zwischen dem Zuckerstoffwechsel und der Gehirnleistung», sagt Timper. Diesen Zusammenhang will die Forscherin mit ihrem Forschungsteam am Departement Biomedizin der Universität Basel künftig genauer untersuchen.


Katharina Timper ist seit September 2021 Professorin und Forschungsgruppenleiterin am Departement Biomedizin sowie leitende Ärztin des Departements für Endokrinologie. Neben ihrer Forschung zu neuen Therapieansätzen berät sie als Leiterin der Adipositas-Sprechstunde des Universitätsspitals Basel Betroffene.


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