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Universität Basel

Wofür steht der Islam?

Text: Maurus Reinkowski

Dies fragen sich viele Nichtmuslime angesichts der immer wieder bedenklichen Entwicklungen in der islamischen Welt. Der Versuch einer Antwort.

Moskauer Kathedralmoschee
Prunkvolle Bauten und Gewalttaten. Der Islam ist für viele Nichtmuslime schwer zu fassen. (Bild: Pexels)

Der Islam tritt immer dann besonders ins Bewusstsein von Nichtmuslimen, wenn Extremisten Schlagzeilen machen. Man denke nur an das vorübergehende Erstarken des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien in der Mitte der 2010er-Jahre. Oder an den raschen Fall des während zwei Jahrzehnten mit Milliardengeldern aufgebauten afghanischen Militärs im Sommer 2021 angesichts des Ansturms der Taliban, der «(Religions-)Schüler». Mit dem Islam verbindet sich auch 9/11, das sich im September zum zwanzigsten Mal jährte.

Einige Hinweise sind angebracht: So waren die meisten Opfer des IS, einer letztlich vor allem nihilistischen Organisation, Musliminnen und Muslime im Irak und in Syrien selbst. Die so raschen Erfolge der Taliban verdanken sich einer verfehlten westlichen Aufbaupolitik in Afghanistan seit dem Jahr 2001. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 schworen die USA zwar Rache, aber ihre Politiker, darunter der damalige Präsident George W. Bush, wiesen zugleich darauf hin, dass islamistisch gesinnte Terroristen keineswegs mit dem Islam und den Musliminnen und Muslimen gleichzusetzen seien.

Diese einordnenden Hinweise bedürfen aber selbst wieder der Einordnung: Dass der «Islamische Staat» schon gänzlich Geschichte ist, dürfen wir bezweifeln. Dass die Taliban in Afghanistan Dschihadisten aus aller Welt neues Heimatrecht gewähren werden, ist durchaus möglich. Dass mehrere Attentäter des 9/11 jahrelang unbehelligt zusammen in Hamburg gewohnt hatten, wurde als Aufforderung dazu verstanden, die mit der Überwachung militanter Islamisten betrauten Sicherheitsbehörden in ganz Europa um ein Vielfaches zu verstärken – und nebenbei ein aufmerksames Auge auf eine grosse Zahl von muslimischen Aktivitäten und Institutionen allgemein zu werfen. Denn beriefen sich nicht die Attentäter des 9/11 auf ihre Religion und waren fest davon überzeugt, dass sie als Belohnung für ihre Tat ins Paradies eingehen wurden?

Religion als Identitätsressource

Wofür steht also der Islam? Die eine und einzige klare Antwort findet sich nicht in den vielen Büchern, die in den letzten Jahrzehnten über den Islam und seine politischen Ausdeutungen geschrieben worden sind. Die eine und klare Antwort findet sich auch nicht im Koran. Der Koran ist, wie das Alte Testament, eine grosse Fundgrube, in der sich mühelos zahlreiche Beschwörungen einer friedlichen und einer kriegerischen Gesinnung finden lassen.

Der Islam steht demnach für vieles. Er steht neben Judentum und Christentum für eine der drei «abrahamitischen» Religionen, die alle drei – in ihrer jeweiligen, ihnen eigenen Sicht – auf Abraham als Urvater verweisen. Der Islam steht für einen mittlerweile über eineinhalb Jahrtausende gewachsenen, höchst reichen und äusserst vielseitigen Traditionsvorrat einer religiösen Kultur, die weite Gebiete Asiens, Afrikas und Europas geprägt hat und prägt.

Der Islam steht aber auch für die einzige politische Ressource, die die islamische Welt im Zeitalter der modernen Ideologien selbständig aus sich selbst heraus entwickelt hat – den Islamismus, also jene in den letzten fünfzig Jahren in der islamischen Öffentlichkeit so dominant gewordene Auffassung, dass politisches Handeln sich den Gesetzen der Religion des Islam unterzuordnen habe.

Angesichts so vieler fehlgeschlagener westlicher ideologischer Lehnprodukte wie Liberalismus, Marxismus oder Kapitalismus verstehen viele Muslime den Islamismus als eine unschlagbar mächtige Identitätsressource – und er ist es ja in der Tat auch.

Probleme mit dem Islam, Probleme mit der Migration

Für die westliche Gesellschaft steht wiederum der Islam auch für demografische Ängste. Samuel Huntingtons These vom Clash of Civilizations hatte unter anderem deswegen eine solche starke Wirkung, weil er sie mit Hinweisen auf die demografische Entwicklung verband: Während der Anteil der im Westen lebenden Menschen an der Weltbevölkerung von fast 45 Prozent im Jahre 1900 auf ein Zehntel im Jahr 2025 fallen wird, steigt die Bevölkerung der islamischen Welt im selben Zeitraum von weniger als fünf Prozent auf ein Fünftel.

Diese Zahlen lassen sich leicht in einen Bezug zu den Entwicklungen im eigenen Land setzen: Lag der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung der Schweiz im Jahr 1970 erst bei einem Viertel Prozent, so war er bereits um das Jahr 2000 auf 4,26 Prozent gestiegen, ein Anstieg also um mehr als das Fünfzehnfache.

Auf eine gewisse Weise muss man also sowohl gegenüber den Panikmachern als auch gegenüber den Weichspülern Einspruch erheben. Der allergrösste Teil der Probleme, die die europäischen Gesellschaften mit dem Islam haben, sind Probleme, wie sie alle Migration aufnehmenden Gesellschaften immer wieder erlebt haben. Zugleich aber lässt sich nicht leugnen, dass die islamische Welt eine Phase einer besonders gewalttätigen Selbstfindung durchläuft, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Die Frage nach der eigenen Religiosität

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt der Besorgnis, der selten zu Bewusstsein kommt. Bei unserer Frage «Wofür steht der Islam» haben wir eigentlich ein «für uns» zu ergänzen. Die Frage nach der Bedeutung des Islam bringt nämlich in westlichen Gesellschaften eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Überlegen- und Unterlegenheitskomplexen hervor.

Oft höre ich das Argument, die Muslime müssten erst noch ihr eigenes Zeitalter der «Aufklärung» erleben – als ob die Welt von heute die Zeit hatte, den Film des 17. und 18. Jahrhunderts noch einmal in aller Ruhe abzuspielen. Neben diese Behauptung einer verstandesmässigen Überlegenheit tritt untergründig ein Gefühl der Verunsicherung: Wenn wir nämlich als Nichtmuslime unser Unverständnis über den Islam zeigen, äussern wir letztlich auch ein Befremden über uns selbst. Die in Europa vorherrschend gewordene Ferne zur Religion ist uns vertraut, aber im Verhältnis zur lebendigen Frömmigkeit (zumindest wirkt sie auf die meisten als eine solche) der Musliminnen und Muslime erscheint uns das sonst so selbstverständlich und gerne getragene Kleid unserer Alltagssäkularität auf einmal mausgrau.

Die Frage danach und die Debatte darüber, wofür der Islam steht, wird weitergehen, aber bevor wir immer wieder vergeblich versuchen wollen, den «wahren» Kern «des Islam» ausfindig zu machen, wäre es vielleicht keine schlechte Aufgabe, sich über sich selbst und sein eigenes Verhältnis zur Religion Gedanken zu machen. Eine islamkompensatorische neue Gläubigkeit soll hier nicht beworben werden, aber ein kurzes Innehalten und Nachdenken über sich selbst, Gott, die Welt und dann gerne auch über den Islam mag eine Aufgabe für die ruhige Zeit «zwischen den Jahren» sein.

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