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Universität Basel

Schöne Erholung – Neues aus der Schlafforschung (01/2016)

Die Ästhetik des Widerstands

Text: Prof. Alexander Honold

Mein Buch: Der Literaturwissenschaftler Alexander Honold empfiehlt Peter Weiss’ Epos von Widerstand, Flucht und Zeugenschaft.

Prof. Alexander Honold (Bild: Universität Basel, Andreas Zimmermann)
Prof. Alexander Honold (Bild: Universität Basel, Andreas Zimmermann)

Textblöcke, wie aus dem Stein gehauen: Peter Weiss’ Die Ästhetik des Widerstands. Drei Bände, 1972 bis 1981 erschienen, in denen die Schreibarbeit eines Jahrzehnts und das Geschehen eines halben Jahrhunderts Platz finden.

Seit ich diese Romantrilogie, noch vor Beginn meines Studiums, 1983 für mich entdeckte – als fast 1000-seitige Suhrkamp-Ausgabe in einem Band –, hat mich die Wucht der Anfangspassagen fasziniert. «Ein riesiges Ringen, auftauchend aus der grauen Wand, sich erinnernd an seine Vollendung, zurücksinkend zur Formlosigkeit.»

Gemeint ist die auf dem Berliner Pergamonfries dargestellte «Gigantomachie», bei der die olympischen Götter gegen ein Geschlecht irdischer Rebellen gewaltsam ihre Macht behaupten. Das in Marmor gemeisselte kriegerische Getümmel gewinnt durch die Beschreibungskunst des Autors ungeheure Lebendigkeit. Gesehen wird dies steinerne Meer ringender Leiber aus der Perspektive dreier junger Widerstandskämpfer, die im Hitler-Deutschland des Jahres 1937 konspirative Untergrundarbeit leisten. In mühsamer Kleinarbeit des Schauens und Entzifferns erfahren sie an dem Götterfries die Sperrigkeit der Kunst – die freilich auch den Lesern dieses Romans manche Anstrengung zumutet.

Eigentlich geht es in dem Werk darum, die Marx’sche Devise von der Geschichte als einer Folge von Klassenkämpfen literarisch ernst zu nehmen und in ein Erzählprojekt zu übersetzen. Weiss selbst war mit knapp 20 Jahren der Verfolgung durch die Flucht erst nach England, dann nach Schweden entkommen. Skeptisch betrachtete er aus der Distanz des Exils die bundesdeutsche Verdrängungskultur. Sein Geburtstag vor 100 Jahren, am 8. November 1916 in Babelsberg bei Berlin, deutet auf eine beklemmend näherrückende Grenze der Zeitzeugenschaft hin.

Nur noch Überlebende von 80 Jahren und mehr können heute persönliche Erfahrungen ihrer Flucht vor nazistischem Terror und deutschem Antisemitismus vortragen; mit Stimmen, die in unferner Zeit ganz verstummen werden. Die Ästhetik des Widerstands wird neu aufgelegt. Dem Hauptwerk von Peter Weiss steht eine Wiederentdeckung bevor.

Alexander Honold ist Literaturwissenschaftler; zu seinen Schwerpunkten zählen Erzählforschung, Literatur der Moderne und der Gegenwart. Unlängst erschien sein Buch «Einsatz der Dichtung. Literatur im Zeichen des Ersten Weltkriegs» (Berlin 2015).

 

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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