x
Loading
+ -

«Wir haben oft eine sehr bürgerliche Vorstellung von Weihnachten»

Prof. Dr. Andrea Bieler
Prof. Dr. Andrea Bieler: «Ich wünsche mir, dass sich meine Universität verstärkt für die Lebensträume und für die Bildungsinteressen von geflüchteten Studierenden öffnet.» (Foto: Universität Basel, Oliver Hochstrassser)

Reformierte Kirchgemeinden sind in sich meist sehr homogen, das kann man in vielen Basler Kirchen am Sonntagmorgen studieren. Doch es gibt auch Gemeinden, die ein hohes Mass an Internationalität und Diversität aufweisen. Welche Chancen das mit sich bringt und was die Gesellschaft davon lernen kann, untersucht die Theologin Andrea Bieler.

21. Dezember 2021

Prof. Dr. Andrea Bieler
Prof. Dr. Andrea Bieler: «Ich wünsche mir, dass sich meine Universität verstärkt für die Lebensträume und für die Bildungsinteressen von geflüchteten Studierenden öffnet.» (Foto: Universität Basel, Oliver Hochstrassser)

Frau Bieler, Weihnachten steht vor der Tür, für die meisten ein Familienfest. Viele Migrantinnen und Migranten haben oft keine oder nur einen kleinen Teil ihrer Familie in der Schweiz. Welche Rolle übernehmen multiethnische Kirchen in solchen Momenten?

Das ist eine gute Frage, das haben wir so bis jetzt noch nicht erforscht. Ich vermute, dass die religiöse und die kulturelle Dimension des Fests eine wichtige Rolle spielen kann. Bei Familien, die durch Migration und Flucht auseinandergerissen wurden, kann die Abwesenheit wichtiger Bezugspersonen an Weihnachten sicherlich nochmals besonders schmerzlich sein.

Kann die Kirche in solchen Momenten eine Heimat in der Ferne sein?

Beides ist denkbar: Dass Weihnachten in solchen Gemeinden ein Gefühl von Zusammenhalt stiftet, und zugleich verdichtet sich möglicherweise die Erfahrung, dass man sich eben in der Fremde befindet. Dabei muss man auch bedenken, dass es Mitglieder von superdiversen christlichen Gemeinschaften gibt, die schon hier geboren und aufgewachsen sind und sich in der Schweiz beheimatet haben. Aber für Menschen, die noch nicht lange hier sind, kann Weihnachten auch ein reibender Punkt sein, weil dieses Fest oftmals mit einer vertrauten Umgebung, mit Nähe, Intimität und Familie verbunden wird.

Führt es zu Konflikten, wenn innerhalb von Gemeinden unterschiedliche Vorstellungen bestehen, wie ein Fest gefeiert werden soll?

Ich würde eher von Reibungen sprechen. Dazu ein Beispiel aus unserer Forschung in Italien, wo wir methodistisch-waldensische Kirchen untersuchen. In den Achtzigerjahren sind Methodistinnen und Methodisten aus Ghana nach Italien eingewandert und haben in einem dominant katholischen Umfeld nach einer protestantischen Kirche Ausschau gehalten. Sie fanden die Waldensische Kirche und haben mit ihr einen Kirchenbund geschlossen. Darin stossen jetzt Gruppen aufeinander, die zwar beide protestantisch sind, aber beispielsweise im Hinblick auf Sexualität, auf das Familienleben und auch in Bezug auf die gelebte Religiosität im Gottesdienst sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Mit den Jahren haben sie aber ein sehr starkes Commitment für die gemeinsame Sache entwickelt und sich miteinander arrangiert.

Prof. Dr. Andrea Bieler
Prof. Dr. Andrea Bieler ist Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät. Sie forscht an der Schnittstelle von interkultureller Theologie und praktischer Philosophie. (Foto: Universität Basel, Oliver Hochstrassser)

Haben Sie ein Beispiel, wie solche Differenzen in superdiversen christlichen Gemeinschaften ausgehandelt werden?

Nicht für Weihnachten, aber nehmen wir als Beispiel das Einsammeln der Kollekte. Da haben die aus Ghana stammenden Christinnen und Christen ein ganz bestimmtes Ritual, und zwar wird vor dem Altar ein Korb aufgestellt und die Menschen tanzen in einer Prozession um ihr Geld in den Korb zu werfen. Das ist ein expressiver Akt, in dem freudiges Geben zum Ausdruck gebracht wird. Für den anderen Teil der Gemeinde würde es vermutlich genügen, wenn einfach ein Beutel durch die Reihen gereicht wird und man da schnell etwas reinwirft. Die Gemeinde hat nun aber die ghanaische Variante priorisiert, weil diese Form der Kollekte für die ghanaische Gruppe sehr wichtig ist, und deshalb schliessen sich die anderen Gruppen der Gemeinde an. Sie haben über die Jahre diese Form dann auch schätzen gelernt. Das ist ein Beispiel einer rituellen Aushandlung, in der eine bestimmte Praxis privilegiert wird. Es gibt auch Situationen, in denen man sich abwechselt: Mal predigt der ghanaische Pfarrer, mal die italienische Pfarrerin.

Diese Gemeinden befinden sich also in einem konstanten Aushandlungsprozess?

Genau. Die Gemeinden lassen beispielsweise auch Mehrsprachigkeit zu. In einer Gemeinde hat die italienische Pfarrperson Twi gelernt, eine der ghanaischen Amtssprachen. Ihr war aufgefallen, dass viele ältere Personen die Kirche besuchten, die Probleme hatten, noch Italienisch zu lernen.

Die Kirchen übernehmen also eine wichtige Rolle, um Neuankömmlinge zu integrieren?

Ich würde schon sagen, dass sie das tun, gerade in Italien. Die Waldenserkirche engagiert sich auch schon seit Jahren im Projekt «Mediterranean Hope». Auf Lampedusa haben sie eine Kirche und machen es öffentlich, wenn Menschenrechtsverletzungen verübt werden, zum Beispiel, wenn Flüchtlinge abgewiesen oder Boote nicht an Land gelassen werden. Zusätzlich haben sie Stationen aufgebaut, in denen Geflüchteten geholfen wird, sich im neuen Land zu orientieren. Und sie haben sich auch auf politischer Ebene für humanitäre Visa eingesetzt – zum Teil erfolgreich.

Übernehmen diese Kirchen Aufgaben, die der Staat wahrnehmen sollte?

Leider wissen wir, dass an den europäischen Aussengrenzen das Recht auf Asyl nur völlig unzureichend eingeklagt werden kann und dass dort grobe Menschenrechtsverletzungen auf der Tagesordnung stehen. In solchen Situationen ist es wichtig, dass Organisationen wie zum Beispiel die Waldensische Kirche vor Ort präsent sind und sich engagieren. Und mit Blick auf die Schweiz: Wir sind alle der Staat, oder? Ich denke, dass das Thema der gesellschaftlichen Teilhabe von Migrantinnen und Migranten so gross ist, dass es sowohl staatlich-politisch als auch zivilgesellschaftlich angegangen werden muss. Ich verstehe Kirchgemeinden, aber auch Moscheen, Synagogen und andere religiöse Gruppierungen im politischen Sinne auch als zivilgesellschaftliche Akteurinnen, die sich für das Zusammenleben engagieren sollten.

In Ihrer Forschung nehmen Sie eine empirisch-anthropologische Perspektive ein, verändert das Ihre theologische Sicht auf Weihnachten?

Ja. Ich denke, dass wir oft eine sehr bürgerliche Vorstellung von Weihnachten haben. Vor dem Hintergrund unserer Feldforschung beginne ich zum Beispiel die Evangelien noch einmal neu zu lesen. Wenn man das Matthäusevangelium liest, dann ist die Weihnachtsgeschichte auch eine Fluchtgeschichte. Kurz nach seiner Geburt soll Jesus getötet werden, und Joseph macht sich mit Maria und dem Neugeborenen auf und flieht von Judäa nach Ägypten. Bei Lukas machen sich Maria und Josef auf den Weg, um an einer Volkszählung teilzunehmen und geraten in sehr prekäre Lebensumstände. In Bethlehem haben sie Schwierigkeiten, eine Bleibe zu finden, und landen letztendlich im Stall, in dem Jesus geboren wird. Narrative, die von erzwungener Migration handeln, finden sich auch in vielen Texten des Alten Testaments. Diese Geschichten, in denen die Welt aus den Fugen geraten ist, enthalten oft neue religiöse Sichtweisen, sie werden zum Ort produktiver Weltdeutung.

Was bedeutet das für unser Verständnis der Weihnachtsgeschichte?

Ich glaube, dass die privilegierten Christinnen und Christen in der Schweiz – zu denen ich auch gehöre – oft übersehen, dass die Weihnachtsgeschichte migrantische Erfahrungen widerspiegelt und dass wir uns davon inspirieren lassen sollten. Die Norm ist eben nicht der Status quo, den wir selber repräsentieren. Wir sollten diese uns sehr vertraute Weihnachtsgeschichte auch in dieser Perspektive lesen, dass sie von Flucht und erzwungenem Fortgehen erzählt. Zu dieser Tradition können wir uns ins Verhältnis setzten. Zugleich gibt es hier in der Schweiz viele Christinnen und Christen, die sehr gewaltvolle Fluchterfahrungen gemacht haben. Sie haben zu diesen biblischen Geschichten deshalb auch eine ganz andere Beziehung.

Was innerhalb diverser christlicher Gemeinschaften wiederum zu Reibungen führen kann?

Ja, es ist aber auch eine Chance, in dieser Begegnung die eigene Religiosität und die eigene Weltwahrnehmung zu öffnen.

Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Für mich ist die mystische Deutung der Geburt des Christuskindes wichtig. Im 13. Jahrhundert sagt der Theologe Meister Eckhart mit Blick auf Weihnachten: «Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles …» Die mystische Vorstellung, dass Christus, das Flüchtlingskind, immer wieder in unseren Herzen geboren wird, bewegt für mich die Gottessuche an Weihnachten. Und sie bewegt die Suche nach meiner eigenen Mitmenschlichkeit. Weihnachten hat mit Hoffnung zu tun. Diese hoffnungsvolle Geschichte von der Menschwerdung Gottes im Flüchtlingskind, das gerettet wird, ist zuerst an Menschen gerichtet, die auf der Flucht sind. Und dann an Menschen, die in Sicherheit leben.

Im Kollegienhaus sind Neujahrswünsche von Mitarbeitenden und Studierenden zu sehen. Was wünschen Sie sich für 2022?

Ich wünsche mir, dass sich meine Universität verstärkt für die Lebensträume und für die Bildungsinteressen von geflüchteten Studierenden öffnet und ihnen einen Platz einräumt. Dass wir zuhören und die Chance auch für uns ergreifen, eine diversere Lern- und Forschungsgemeinschaft zu werden.

Multiethnische christliche Gemeinden in Europa

Die Theologieprofessorin Andrea Bieler und ihr Team untersuchen im Projekt Conviviality in Motion christliche Gemeinden in Italien, Deutschland und der Schweiz, die im Hinblick auf ihre Mitglieder und ihre Leitungsstrukturen ein hohes Mass an Internationalität und Diversität aufweisen und die bemüht sind, diese Diversität in ihren religiös-kulturellen Praktiken und Theologien zu reflektieren. Dabei ist von besonderem Interesse, wie ein Gefühl von Zusammengehörigkeit hergestellt wird, Differenzerfahrungen artikuliert und Konflikte ausgehandelt werden. Die Untersuchung zielt darauf ab, einen praktisch-theologischen Beitrag zu leisten, der die Anforderungen sich stetig diversifizierender Gesellschaften in den Blick nimmt. Gleichzeitig versteht sich das Projekt als Beitrag zu einer Diversitätsforschung, in der Integration nicht einfach als Einbahnstrasse gesehen wird, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

nach oben