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Universität Basel

15. Dezember 2016

Wie weiter in der Behandlung von Angsterkrankungen?

Dominique de Quervain
Prof. Dominique de Quervain erforscht, wie Stress das Gedächtnis beeinflusst.

Bei der medikamentösen Behandlung von Angsterkrankungen gab es in den letzten Jahrzehnten kaum Fortschritte. Mit Beruhigungsmitteln oder Antidepressiva werden nach wie vor nur die Symptome behandelt. Allerdings zeigen neuste Forschungsergebnisse, dass das körpereigene Stresshormon Cortisol grosses Potenzial in der Therapie von Angsterkrankungen aufweist. Der Basler Professor Dominique de Quervain hatte den Effekt des Hormons Ende der 90er-Jahre entdeckt.

Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA vor rund 20 Jahren stellte der Neurowissenschaftler Dominique de Quervain fest, dass das Stresshormon Cortisol den Gedächtnisabruf hemmt. Seine Tierstudie zeigte, dass gestresste Ratten sich schlechter an bereits Gelerntes erinnern konnten. Diese Arbeit, die 1998 in Nature erschien, lieferte unter anderem die Erklärung für das bekannte Phänomen des Blackouts in Prüfungssituation.

Tatsächlich war es genau eine solche Situation, die den Anstoss zu de Quervains Forschung zu Stress und Gedächtnis gab. «Während meines Staatsexamens konnte ich einen Blackout live bei einem Kollegen beobachten, als wir zu viert an einer mündliche Prüfung antreten mussten – mich hat das fasziniert und ich wollte herausfinden, was für das Vergessen unter Stress verantwortlich ist», so de Quervain.

Stresshormon lässt vergessen

Nachdem eine weitere Studie den Effekt von Cortisol auf das Vergessen auch beim Menschen bestätigt hatte, wandte de Quervain sich der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu. Diese Erkrankung ist geprägt durch starke negative Erinnerungen, welche die Patienten in Flashbacks oder Albträumen verfolgen.

«Wir dachten uns, dass wir den Effekt von Cortisol vielleicht positiv nutzen könnten, um damit die Erinnerung an traumatische Ereignisse bei Angstpatienten zu reduzieren.» 2004 testete de Quervain dies erfolgreich. Weitere Studien mit Phobien folgten. Heute, rund zehn Jahre nach den ersten klinischen Untersuchungen, gibt es weltweit zwölf Studien, von denen elf eine signifikante Wirkung von Cortisol zur Prävention oder Therapie von Angsterkrankungen zeigen.

Kombination aus Verhaltenstherapie und Cortisol

Die heute zur Verfügung stehenden medikamentösen Therapiemöglichkeiten bei Angsterkrankungen beschränken sich auf die symptomatische Behandlung der Angst mit Beruhigungsmitteln oder Antidepressiva. Nach Absetzen der Medikamente kehrt die Angst in den meisten Fällen zurück. Das kommt daher, dass diese Medikamente das Furchtgedächtnis nicht zu reduzieren vermögen, welches den Angsterkrankungen zugrunde liegt. Hier setzen de Quervain und seine Forschungsgruppe mit Cortisol an und untersuchen wie die Eigenschaft des Hormons in der Behandlung von Angsterkrankungen zu nutzen ist.

Besonders vielversprechend ist der in Basel entwickelte Ansatz, Cortisol in Kombination mit Verhaltenstherapie anzuwenden, um die Lernprozesse pharmakologisch zu unterstützen, welche durch die Therapie angestossenen werden. Denn Cortisol schwächt nicht nur das Erinnerungsvermögen, es verbessert gleichzeitig das Abspeichern von neuen Erlebnissen. «Der gestresste Studierende kann sich zwar während der Prüfung nicht an das zuvor Gelernte erinnern, hingegen wird er die Stresssituation sehr genau abspeichern und noch seinen Enkeln von diesem Blackout erzählen können», erklärt de Quervain den doppelten Hormoneffekt.

In der Verhaltenstherapie soll der Patient alte Verhaltensmuster loslassen und durch neu gelernte ersetzen. Erhöht man den Cortisolspiegel des Patienten kurz vor der Therapiesitzung, unterstützt das einerseits den Lernprozess, andererseits lässt es den Patienten weniger Angst haben. Erfolgreich getestet haben de Quervain und sein Forschungsteam an der Universität Basel diesen Ansatz mit Patienten, die an Höhenangst leiden.

Wirkungsvollere Medikamente

Für die Zukunft planen die Wissenschaftler der Basler transfakultären Forschungsplattform, die bisher gewonnenen Erkenntnisse auf weitere psychiatrische Erkrankungen wie zum Beispiel Suchterkrankungen zu übertragen. Sie erhoffen sich auch, mithilfe genetischer Methoden, spezifischere und noch wirkungsvollere Medikamente zu entwickeln.


Originalartikel

Dominique de Quervain, Lars Schwabe & Benno Roozendaal
Stress, glucocorticoids and memory: implications for treating fear-related disorders
Nature Reviews Neuroscience (2016), doi:10.1038/nrn.2016.155

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