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Universität Basel

06. Februar 2020

Literatur im Netz: Leseforschung fast in Echtzeit

Jugendliche lesen – nur nicht unbedingt Bücher, wie wir sie kennen. (Bild: © sabphoto/123RF.com)
Jugendliche lesen – nur nicht unbedingt Bücher, wie wir sie kennen. (Bild: © sabphoto/123RF.com)

Jugendliche nutzen digitale Netzwerke intensiv, um literarische Texte zu lesen, zu schreiben und zu kommentieren. Dabei gibt es im Leseverhalten grosse Unterschiede, je nachdem ob es sich um einen populären Text oder um einen Klassiker handelt, wie eine neue Studie am Beispiel der Leseplattform Wattpad zeigt. Die computergestützte Analyse unter Leitung der Universität Basel ist in der Zeitschrift PLOS ONE erschienen.

Wiederholt wird geklagt, dass Jugendliche nicht mehr ausreichend lesen würden. Besonders das vertiefte Lesen verliere sich. Dabei wird übersehen, dass Jugendliche nicht nur gedruckte Bücher lesen, sondern mehrere Medien zum Lesen und Schreiben von Literatur verwenden. Viele Teenager nutzen Netzwerke wie Goodreads, Büchertreff und Lovelybooks, um Literatur zu lesen, sich darüber mit anderen auszutauschen und auch selbst Literatur zu schreiben. Im Englischen spricht man deshalb auch von «Social Reading».

Wie gross das Phänomen des «Social Reading» ist, verdeutlicht die populäre Plattform Wattpad, auf der weltweit über 80 Millionen überwiegend junge Leute jeden Tag ungefähr 100'000 Geschichten in über 50 Sprachen miteinander teilen. Besonders beliebt ist Fanfiction, also das Weiterschreiben von bekannten Geschichten wie etwa «Harry Potter».

Computergestützte Analysen

Erstmals hat ein Team von Forschenden aus der Schweiz und Italien die Nutzung der digitalen Leseplattform Wattpad näher untersucht. Sie verwendeten dafür computergestützte Verfahren wie Netzwerkanalysen und Sentimentanalysen, um in den Millionen von Datensätzen Muster der Lesepraxis aufzufinden.

Mittels statistischer Verfahren analysierten die Forschenden, welche Bücher Jugendliche weltweit auf Plattformen wie Wattpad lesen, kommentieren und selbst auch schreiben. Ermittelt wurden die Lesevorlieben, die Emotionalität und Intensität der Kommentare zu Büchern, die Vernetzung der jungen Leserinnen und Leser untereinander ebenso wie die möglichen Bildungseffekte.

Leidenschaftliche Lektüre

Dabei zeigte sich, wie intensiv junge Menschen sowohl Jugendliteratur – sogenannte «Teen Fiction» – wie auch klassische Bücher von Jane Austen und Hermann Hesse lesen. Sie kommentieren einzelne Sätze bis zu mehrere hundert Mal und nutzen sie auch zur Vorlage für das eigene Schreiben. Auffallend ist besonders auch, dass die jugendlichen Leserinnen und Leser dabei emotional stark involviert sind.

Doch gibt es deutliche Unterschiede, ob ein Text eher dem populären Lesestoff zuzuordnen ist oder dem klassischen Literaturkanon angehört. So wird «Teen Fiction» auf Wattpad deutlich häufiger gelesen und kommentiert als Klassiker. Zudem beobachteten die Forschenden, dass die Nutzer die Lektüre von klassischen Werken oft nach den ersten Kapiteln abbrechen – «Teen Fiction» dagegen vermag die Leserinnen und Leser über einen weite Strecken der Handlung zu fesseln.

Auch der Austausch unter den Nutzern fällt je nach Genre unterschiedlich aus: Bei der Lektüre von «Teen Fiction» bildeten sich Netzwerke mit einer starken sozialen Bindung, in denen Leserinnen und Leser sehr häufig interagierten. Dagegen fanden die Forschenden bei den Klassikern eher eine kognitiv orientierte Interaktion, mit der sich die Nutzer beim Verständnis und der Interpretation ihrer Lektüre gegenseitig unterstützen.

Neues Verständnis von Kultur

«Zum ersten Mal können wir das Lesen fast in Echtzeit untersuchen», sagt der Studienleiter Prof. Dr. Gerhard Lauer vom Digital Humanities Lab der Universität Basel. «Die sozialen Medien bedeuten daher eine Revolution für unser Verständnis von Kultur. Denn auf Plattformen wie Wattpad, Spotify oder Netflix lässt sich Kultur in einer Dichte und Genauigkeit erfassen, die über die bisherigen Zugänge der Geistes- und Sozialwissenschaften deutlich hinausgeht.»

Die Studie von Forschenden der Università degli Studi di Milano-Bicocca, der Sogang University, der Università degli studi di Verona und der Universität Basel wurde vom Schweizerischen Nationalfonds und dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union unterstützt.

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