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Universität Basel

13. November 2017

Gesündere Schulkinder in den Townships Südafrikas

Uwe Pühse, Port Elizabeth, Townships
Prof. Uwe Pühse engagiert sich in Port Elizabeth (Südafrika) für benachteiligte Kinder in den Townships.

Bessere Lebensbedingungen für Schulkinder in benachteiligten Regionen Südafrikas – dafür engagiert sich die Universität Basel zusammen mit der Nelson Mandela Universität seit 2014. An der DASH-Studie (Disease, Activity and Schoolchildren‘s Health) haben mittlerweile über 1000 Kinder an acht Schulen in Port Elizabeth teilgenommen. Die Forschenden haben in verschiedenen Teilstudien den Gesundheitszustand der Kinder untersucht und konkrete Interventionen getestet.

Nach dem erfolgreichen Abschluss von DASH (2014-2017) geht die Arbeit in Südafrika aber weiter, denn das Nachfolgeprojekt «Kazi Bantu» (Healthy Schools for Healthy Communities) steht bereits in den Startlöchern. Ein Interview mit Prof. Uwe Pühse vom Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit, Leiter der DASH-Studie sowie des Kazi-Bantu-Projekts.

Herr Pühse, Sie haben viel Zeit in Südafrika verbracht, welches Bild hat sich Ihnen gezeigt?

Uwe Pühse: Südafrika ist auch ein Vierteljahrhundert nach Ende des Apartheitsregimes ein Land der «Haves» und der «Have Nots». Einem kleinen Anteil der zumeist weissen Bevölkerung stehen qualitativ hochstehende Schulen mit sehr guter Infrastruktur zur Verfügung. Für den anderen Teil sieht es leider ganz anders aus. Die unterprivilegierten Schulen liegen im Hinterland und in den Townships. Diese Schulen sind sehr schlecht ausgestattet, es gibt keine Sportanlagen und Klassengrössen von bis zu 70 Kindern in viel zu engen Schulräumen. Die Toiletten sind in katastrophalem Zustand und den Lehrpersonen steht kaum Material wie Stifte oder Papier zur Verfügung. Hier wird mit bescheidenen Mitteln versucht, vernachlässigte Kinder zu erziehen.

Welche Herausforderungen hat Südafrikas Gesundheits- und Bildungssystem zu meistern?

In Südafrika stellen wir einen «double burden», eine Doppelbelastung fest. Die Gesellschaft leidet sowohl an übertragbaren Krankheiten wie HIV als auch an nichtübertragbaren Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes. Die nichtübertragbaren Krankheiten gehen auf einen immer westlicheren Lebensstil zurück, während Infektionskrankheiten typisch für Entwicklungsländer sind. Diese Entwicklung ist für Südafrika neu und bringt grosse gesundheitliche Herausforderungen mit sich.

Unter welchen gesundheitlichen Problemen leiden die Kinder in den Townships?

Bezüglich der Infektionskrankheiten haben wir ein besonderes Augenmerk auf Wurminfektionen gelegt und mit dem Swiss TPH und seinem Direktor, Prof. Jürg Utzinger, den perfekten Partner an unserer Seite. Es stellte sich heraus, dass in gewissen Regionen etwa 70 Prozent der Kinder Würmer haben. Diese nehmen ihnen sprichwörtlich die Nahrung weg, sodass die Kinder ein verkümmertes Wachstum zeigen. Mache bleiben bis zu 20 cm kleiner als ihre Altersgenossen ohne Würmer und sind nachweislich körperlich wie akademisch weniger leistungsfähig. Aber auch was die Ernährung betrifft, gibt es einiges zu tun. Die meisten Kinder kommen morgens mit leerem Bauch und ein paar Rand in die Schule. Davon kaufen sie sich dann am Eingang zur Schule einen zuckersüssen Lutscher oder billige Chips zum Frühstück. Die Kinder erhalten ihre einzige warme Mahlzeit mittags in der Schule. Aber was da auf dem Teller landet, ist oft zu wenig und auch nicht gerade nahrhaft.

Wie gestaltete sich die Arbeit mit den Kindern?

Für uns als Forscher ist es enorm bereichernd, akademische Tätigkeit mit wirksamem sozialen Engagement zu verbinden. Die Kinder reagieren begeistert, denn sie spüren, dass hier etwas Positives für sie geschieht. Unsere Arbeit war jedoch auch stark von der jeweiligen Region abhängig. Da gibt es relativ sichere Schulen und dann solche in hochgefährlichen Gegenden. Am schlimmsten sind Hillcrest und Helenvale in den sogenannten «northern areas». Hier regieren die rivalisierenden Drogengangs, die mit schweren Waffen um ihre Absatzmärkte kämpfen. Die Schulen sind mit hohen Zäunen und Stacheldraht gesichert. Oft kommt es in unmittelbarer Nähe zu Schiessereien, mittlerweile auch tagsüber. Die Kinder verschanzen sich dann unter den Tischen und der Schulbetrieb erlahmt völlig. Das ist dort die traurige Realität, in der diese Kinder aufwachsen. Doch gerade für sie gilt das Wort Nelson Mandelas: «Education is the most powerful weapon that can be used to change the world.»

Welche konkreten Interventionen wurden eingeführt?

Ich nenne mal das Beispiel der Hygieneintervention. Wir haben festgestellt, dass die hohe Rate an Wurminfektionen stark auch mit dem katastrophalen Zustand der Schultoiletten zusammenhängt. Auf manchen Toiletten konnte man kaum atmen, die Abflüsse sind oft verstopft und verdreckt. Die Kinder haben auch nicht gelernt, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen. Zuerst mussten wir also die Toiletten sanieren. Mindestens so wichtig ist es aber ihnen auch beizubringen, wie und warum man sich die Hände wäscht. Deshalb haben wir Bildungselemente zur Gesundheits- und Hygieneerziehung in das Curriculum integriert. An den Schulen, die in das Forschungsprojekt involviert waren, ist Händewaschen jetzt zum Standard geworden.

Wie stellt man sicher, dass die Toiletten in einem Jahr nicht wieder genau gleich aussehen? 

Nachhaltigkeit ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man muss die Interventionen fest ins Curriculum integrieren und die Lehrpersonen ausbilden und unterstützen. Oft sind die Lehrpersonen einfach überfordert. Kein Wunder bei diesen Arbeitsbedingungen. Wir mussten sie also ganz konkret motivieren, unser Programm durchzuführen. Und das konnten wir nur, indem wir ihnen pfannenfertiges Schulmaterial geliefert haben. So hatten sie das Gefühl, dass das Programm ihnen keine zusätzliche Arbeit aufbrummt, sondern ihnen sogar Arbeit abnimmt. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Nachhaltigkeit ist es, diese Lerninhalte auf nationaler Ebene zu verankern. Deshalb haben wir auch im Oktober ein grosses Symposium durchgeführt, mit der Botschafterin der Schweiz, der UNESCO, der Novartis Foundation, führenden Vertretern der Universitäten aus Basel und Port Elizabeth sowie den südafrikanischen Bildungs- und Gesundheitsdepartementen. Leider ist es in Südafrika oft so, dass gerade diese beiden Departemente bislang zu wenig miteinander kooperieren, obwohl sie ähnliche Fragen und Probleme haben.

Nun steht das neue Projekt Kazi Bantu in den Startlöchern, wie knüpft es an DASH an?

DASH war ein vom SNF gefördertes Forschungsprojekt. Damit haben wir die wissenschaftlichen Grundlagen gelegt und erkannt, was die Kinder brauchen, wie ihr Gesundheitszustand ist und welche Interventionen wirken. Das neue Projekt Kazi Bantu ist ein Bildungsprojekt. Aufbauend auf unseren Erkenntnissen, soll das Model weiter ausgearbeitet und auf mehr Schulen in Südafrika verbreitet werden, sodass in Zukunft hoffentlich viel mehr Kinder und auch andere afrikanische Staaten davon profitieren können. Für eine solche Aufgabe braucht es starke Partner, die bereit sind, mit uns diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Mit der Novartis Foundation und der UNESCO haben wir diese Partner gefunden. Sie sichern unserem Projekt die notwendige Nachhaltigkeit, und darüber sind wir und unsere Partner von der Nelson Mandela Universität in Port Elizabeth natürlich sehr glücklich.

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