Die Kunst des Vorlesens
Die Literaturwissenschaftlerinnen Moniek Kuijpers und Tina Ternes untersuchen, wie sich gemeinsames Lesen auf das Wohlbefinden von Menschen auswirkt. Anlässlich des Schweizer Vorlesetag am 27. Mai geben sie Einblick in ihre Forschung und berichten von persönlichen Erfahrungen.
26. Mai 2026 | Noëmi Kern
Frau Kuijpers, lesen Sie lieber allein oder gemeinsam mit anderen?
Moniek Kuijpers: Es kommt auf die Situation an. Normalerweise lese ich allein und schätze das auch. Aber durch unsere Forschung habe ich Shared Reading kennengelernt und ich finde, dass etwas beinahe Magisches passiert, wenn man gemeinsam mit anderen liest. Ich lese auch sehr gerne meinen Nichten und Neffen vor
Was ist unter Shared Reading zu verstehen?
Moniek Kuijpers: Bei dieser Art des gemeinsamen Vorlesens lesen kleine Gruppen gemeinsam Literatur – meistens eine Kurzgeschichte und ein Gedicht. Speziell ausgebildete sogenannte Reader Leaders wirken dabei als Vermittler und Moderatorinnen. Sie wählen die Texte aus, lesen daraus vor und machen zwischendurch Pausen, damit sich die Teilnehmenden darüber austauschen können, wie der Text auf sie wirkt. Alle aus der Gruppe dürfen vorlesen, wenn sie das möchten. Man erlebt den Text gemeinsam vor Ort und diskutiert unterschiedliche Interpretationen ohne den Anspruch einer literaturwissenschaftlichen Analyse. Entwickelt wurde diese Praxis von The Reader, eine gemeinnützige Organisation in Liverpool. Das Format ist sehr niederschwellig und inklusiv. Man muss nicht einmal lesen können, um teilzunehmen, sondern kann einfach zuhören. Beim Shared Reading entsteht meist eine sehr unterstützende Atmosphäre. Alles ist freiwillig. Niemand muss laut vorlesen oder etwas sagen, wenn er oder sie sich dabei nicht wohlfühlt. Der Verein Sharing Stories bietet in Basel Shared Reading an.
Frau Ternes, in Ihrer Doktorarbeit befassen Sie sich intensiv mit dieser Art des Vorlesens. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse bisher?
Tina Ternes: Viele unserer Studienteilnehmenden gaben an, dass sie eigentlich gerne lesen würden, ihnen aber die Schule die Freude daran nahm. Das war bei etwa der Hälfte der Fall. Beim Shared Reading erleben sie dagegen, dass es nicht die eine richtige Interpretation gibt und dass man auch sagen darf, wenn einem ein Text nicht gefällt. Gerade dieses Gefühl, nicht bewertet zu werden, scheint für viele sehr befreiend zu sein. Dass viele Teilnehmende wieder Freude am Lesen entwickeln, finde ich besonders schön.
Es ist also wichtig, unterschiedliche Lesarten zuzulassen und gleichwertig zu behandeln.
Moniek Kuijpers: Ja. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist für mich, wie bereichernd unterschiedliche Interpretationen ein und desselben Textes sind. Viele Teilnehmende sagen, dass sie ganz neue Perspektiven auf einen Text bekommen, weil andere Menschen ihn anders verstehen. Gleichzeitig erleben sie, dass sie mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht allein sind, weil andere ähnliche Erfahrungen oder Unsicherheiten haben. Das verbindet. Besonders spannend finde ich auch, dass viele nun Gedichte lesen, obwohl sie vorher Lyrik für schwer zugänglich hielten.
Wer profitiert besonders von Shared Reading?
Moniek Kuijpers: Ich glaube, dass alle von davon profitieren können. Bisher wurde Shared Reading vor allem mit vulnerablen Gruppen erforscht – etwa mit Menschen mit Depressionen, chronischen Schmerzen, Demenz sowie mit Gefängnisinsassen. Dort zeigen sich oft positive Effekte auf das mentale Wohlbefinden. Auch junge Erwachsene sind mit allerlei Herausforderungen konfrontiert. Wir wollten wissen, ob auch sie profitieren, und arbeiteten mit 18- bis 25-Jährigen. Die messbaren Veränderungen waren hier kleiner, weil die Gruppe schon zu Beginn relativ hohe Werte beim Wohlbefinden zeigte. Doch die Rückmeldungen waren sehr positiv.
Tina Ternes: Viele Teilnehmende waren überrascht, wie schnell sie sehr persönliche Dinge mit Menschen teilten, die sie vorher gar nicht kannten. Ich glaube, dass Geschichten es erleichtern, über schwierige Themen zu sprechen. Sie schaffen einen sicheren Raum, in dem man nicht direkt über sich selbst sprechen muss, sondern zuerst über die Geschichte reden kann. Dadurch fällt es leichter sich zu öffnen und über Einsamkeit, Verlust oder ein Trauma zu sprechen. Deshalb gibt es beispielsweise für fast jedes Problem oder schwierige Thema Kinderbücher.
Der Schwerpunkt des Schweizer Vorlesetags 2026 lautet «Vorlesen baut Brücken». Können Sie dem etwas abgewinnen?
Moniek Kuijpers: Dieses Motto passt sehr gut zu unseren Forschungsergebnissen. Es beeindruckt mich, dass manche Shared Reading-Gruppen seit vielen Jahren bestehen und daraus echte Freundschaften entstanden sind – auch zwischen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Ausserdem baut Shared Reading auch Brücken zu Menschen, die selbst Schwierigkeiten mit dem Lesen haben, vielleicht gar nicht lesen können. Sie können trotzdem Literatur erleben und Teil einer Gemeinschaft sein. Der Text bietet einen gemeinsamen Ausgangspunkt und es entstehen Gespräche über Themen, über die man sonst vielleicht nie sprechen würde.
Spielt es eine Rolle, wer vorliest?
Tina Ternes: Vorlesen ist für mich eine eigene Kunstform. Manche Menschen machen das unglaublich gut. Auch bei Hörbüchern merkt man, wie wichtig die Stimme ist. Manchmal lenkt eine bestimmte Art zu sprechen sogar vom Inhalt ab.
Moniek Kuijpers: Beim Shared Reading spielt es insofern eine Rolle, als dass die «Reader Leaders» geschult sind. Gleichzeitig glaube ich aber, dass gemeinsames Lesen grundsätzlich positive Effekte haben kann, unabhängig davon, wer vorliest.
Was macht eine gute Vorleseerfahrung aus?
Moniek Kuijpers: Wenn die «Reader Leaders» Texte auswählen, die sie wirklich mögen, überträgt sich diese Begeisterung oft auf die Gruppe. Auch weil sie Betonungen setzen können und wissen, an welchen Stellen sich eine kurze Pause anbietet. Ein wichtiger Unterschied gegenüber dem stillen Lesen ist auch, dass beim Shared Reading bewusst langsam gelesen wird. Manche finden das beruhigend, andere müssen sich erst daran gewöhnen. Ich selbst habe mit der Zeit verstanden, warum das langsame Lesen wichtig ist. Es hilft dabei, wirklich im Moment zu sein und beim Text zu bleiben.
Tina Ternes: Gerade bei Gedichten macht es einen grossen Unterschied, wie jemand einen Text vorliest. Es kann also vorkommen, dass drei verschiedene Personen dasselbe Gedicht vortragen und die Wirkung eine ganz andere ist, je nach Stimme und Betonung. Das macht erlebbar, dass Literatur und Poesie nicht nur eine einzige richtige Interpretation hat. Auch für einen selbst kann sie sich immer wieder verändern und das ist das Schöne daran.
Hat Ihre Forschung die Art und Weise, wie Sie Geschichten lesen oder hören, verändert?
Tina Ternes: Auch ich prüfe beim Lesen inzwischen oft, ob sich ein Text gut für Shared Reading eignen würde oder welche Stellen ich gerne mit anderen teilen und mich darüber austauschen möchte.
Moniek Kuijpers: Diesen Effekt beobachte ich bei mir auch. Ich tauche dadurch nicht mehr ganz so tief in eine Geschichte ein wie früher. Ausserdem lese ich heute viel mehr Gedichte und Kurzgeschichten als früher. Wenn ich meinen Nichten und Neffen vorlese, merke ich, dass dabei etwas Ähnliches wie Shared Reading entsteht. Ich stelle mehr Fragen zum Text, als dass ich genau das vorlese, was dasteht. Und wir sprechen gemeinsam darüber, was passiert ist oder was als Nächstes passieren könnte. Damit entsteht ein Gespräch über die Geschichte.

