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Universität Basel

29. Januar 2018

«Das Interesse an einer neuen Stadtgeschichte ist gross»

Basel als Ort der internationalen Beziehungen zu nah und fern: Dr. Lina Gafner und Prof. Dr. Patrick Kury von der Projektleitung der neuen Stadtgeschichte. (Bild: Universität Basel, Florian Moritz)
Basel als Ort der internationalen Beziehungen zu nah und fern: Dr. Lina Gafner und Prof. Dr. Patrick Kury von der Projektleitung der neuen Stadtgeschichte. (Bild: Universität Basel, Florian Moritz)

Die neue Basler Stadtgeschichte gehört zu den grösseren Projekten, an denen Forschende der Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Basel beteiligt sind. Im letzten Spätsommer hat die Stiftung ihre Arbeit aufgenommen. Prof. Dr. Patrick Kury und Dr. Lina Gafner von der Projektleitung am Departement Geschichte über Hintergründe und Ziele des Publikationsvorhabens.

Frau Gafner, Herr Kury, jedes Jahr erscheinen unzählige Publikationen über Basel – historische wie auch populärwissenschaftliche. Warum braucht es eine neue Stadtgeschichte?

Patrick Kury: Für eine neue Gesamtdarstellung zu Basels Geschichte ist es heute wieder an der Zeit. Das letzte Werk von Rudolf Wackernagel ist über 100 Jahre alt und endet bereits mit der Reformation. Geschrieben ist jene Darstellung stark als Erfolgsgeschichte des protestantisch-humanistischen Basel, weshalb wichtige Bevölkerungsgruppen fehlen. Seither sind viele Einzelstudien und Forschungsprojekte dazugekommen, wurden Erkenntnisse gewonnen und neue Themen erforscht. Dieses Wissen soll nun in eine Gesamtschau einfliessen. Viele Kantone haben moderne Geschichtswerke, die auf einem aktuellen Stand sind. Zudem scheint uns, dass im Publikum der Wunsch nach einem Werk gross ist, in dem es sich auch wiederfindet. Da tauchen ja ganz andere Fragen auf als vor 100 Jahren.

Welche zum Beispiel?

Lina Gafner: Früher standen die Geschichte der Politik und der grossen Männer im Vordergrund. Heute fragen wir etwa nach der Migrationsgeschichte, der Entwicklung der Wirtschaft, des Handels und der Lebensweisen. Die Bevölkerung hat sich seit 1900 verdoppelt und ist viel stärker durchmischt. Die Stadt ist sehr viel internationaler geworden. Erforscht werden vermehrt die Verflechtungen der Stadt mit dem nahen Umland, aber auch mit fernen Ländern.

Gibt es Forschungslücken? Wo ist besonderer Bedarf?

Gafner: Für jeden Zeitraum gibt es eigene Wissenslücken. So gilt es zum Beispiel zahlreiche archäologische Funde zu verarbeiten, die ein neues Licht auf die Anfänge der Stadt werfen. Für das Mittelalter müssen etwa die Bedeutung der Klöster und das Verhältnis zwischen Bischof und Stadt neu analysiert werden. Zudem können wir heute auch für diese Zeit nicht mehr von einer homogenen Bürgerschaft ausgehen, wie das früher gerne getan wurde. Auch die Geschichte der Basler Mission und der Basler Handelsgesellschaft gilt es neu einzubeziehen.

Kury: Für eine Gesamtdarstellung von zentraler Bedeutung sind auch die Geschichte der Katholiken oder der Juden, deren dritte Gemeinde eine der ältesten im deutschsprachigen Raum ist. Neue Erkenntnisse gibt es auch über die Zeit des Konzils von Basel im 15. Jahrhundert, in deren Folge die Universität gegründet wurde. Allgemein gesagt: Die Geschichte der Stadt soll aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts in ihrem Austausch mit anderen Räumen untersucht werden – die Stadt soll als Ort der internationalen Verflechtung deutlich gemacht werden.

Das letzte Vorhaben für einer Basler Geschichte scheiterte 1992 an einer Referendumsabstimmung. Wie unterscheidet sich das neue Projekt von jenem?

Kury: Das neue Projekt ist von Anfang an breiter abgestützt. Den Initianten ist es dieses Mal gelungen, es politisch und institutionell auf eine grössere Basis zu stellen. Es scheint uns zudem, dass das Interesse in der Bevölkerung an der eigenen Geschichte gross ist. Woher wir kommen, wo wir sind und wohin wir gehen – solche Fragen gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Gafner: Die Geschichtsforschung arbeitet heute mit einer viel grösseren Vielfalt an Fragestellungen als früher: Themen wie Klima und Umwelt, Armut, Geschlechter, Bildung, Ernährung sind heute stärker ins Blickfeld gerückt. Das sind Themen, die den Menschen nahe sind. Methodisch sehen wir uns nicht einem einzelnen Ansatz verpflichtet, sondern möchten multimethodisch vorgehen. Dazu kommt, dass heute etwa in den Archiven viel mehr Material zur Verfügung steht als früher …

Kury: … von dem wir nun einen Teil einfacher online zur Verfügung stellen können. Das war in den 1990er-Jahren so noch nicht möglich.

Wie kann man sich die konkrete Forschungsarbeit vorstellen?

Kury: Für jeden Zeitraum wurde eine verantwortliche Person bestimmt, die sich in der Regel mit der jeweiligen Professur am Departement Geschichte deckt; dazu kommen Experten von aussen. Auch am Vorprojekt waren diese bereits intensiv beteiligt. Nun sichten wir die bestehende Forschung und suchen nach weiteren Wissenslücken, die geschlossen werden sollen. In einem nächsten Schritt werden Recherche-, später Forschungs- und Kapitelaufträge vergeben. Auch die eine oder andere Dissertation über ein spezielles Gebiet wird in die Einzelbände einfliessen. Das Projekt wird auch zusätzliche Personen anstellen.

Die Baselbieter Geschichte von 2001 wurde ebenfalls vom Departement Geschichte mit initiiert – gibt es da Anknüpfungspunkte? Immerhin sind die Kantone erst seit 1833 getrennt.

Kury: Es bestehen persönliche und wissenschaftliche Kontakte, und die Stadtgeschichte kann auf den Arbeiten zum Baselbiet aufbauen. Doch das Geschichtswerk über den Kanton Baselland war stärker auf eine agrarhistorische Perspektive angelegt, sodass wir nun den Blick konzentriert auf die städtische Entwicklung richten können. Dabei werden wir wie gesagt auch das Umfeld Basels erforschen, wozu die Baselbieter Geschichte eine gute Grundlage liefert.

Wann werden die ersten Arbeiten der neuen Stadtgeschichte öffentlich sichtbar?

Gafner: Als Erstes soll noch 2018 das geplante Online-Portal mit Text-, Bild-, Audio- und Videodateien aufgeschaltet werden, das später schrittweise weiterentwickelt und auch nach dem Projekt weiterexistieren wird. Darauf erscheinen neun illustrierte Einzelbände, bis dann etwa 2024/25 ein kompakter Überblick in einem Band veröffentlicht werden soll.

Stadt.Geschichte.Basel

Das Projekt der neuen Basler Stadtgeschichte ist auf acht Jahre angelegt und hat ein Budget von 9,4 Mio. Franken, wovon 4,4 Mio. vom Kanton und 1,6 Mio. vom Swisslos-Fonds kommen. Der Rest von rund einem Drittel wird aus privaten Mitteln beigesteuert.

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