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Universität Basel

21. Oktober 2020

Bronzezeitliche Hirten waren weniger mobil als gedacht

Grasende Tiere auf einer Gebirgsweide im Kaukasus. (Foto: Sabine Reinhold)
Grasende Tiere auf einer Gebirgsweide im Kaukasus. (Foto: Sabine Reinhold)

Viehhalter im heutigen Süden Russlands legten während der Bronzezeit offenbar kleinere Distanzen zurück als bisher angenommen. Die Region gilt als möglicher Ursprungsort der indogermanischen Sprachen. Die Ergebnisse einer Studie werfen neue Fragen auf, wie sich technische und landwirtschaftliche Innovationen nach Europa verbreitet haben. Davon berichtet ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Basel.

Während der Bronzezeit (ca. 3900–1000 v. Chr.) zogen Hirten und ihre Familien mit ihren Schafen, Ziegen und Rindern über die Hänge des Kaukasus und die nördlich anschliessenden Steppen. Die Region gilt als potentieller Ursprungsort der Indogermanenwanderung, mit der sich die indogermanischen Sprachen sowie technische Innovationen wie Wagen, Hauspferde und Metallwaffen in Europa verbreiteten.

Bisher gingen Fachleute davon aus, dass dieser Technologietransfer auf weiträumigen Wanderbewegungen und Handelskontakten der mobilen Hirtengemeinschaften beruhte, und diese Mobilität den Vorderen Orient mit Europa verband. Ob sich diese Gemeinschaften tatsächlich so weiträumig fortbewegten, stellt nun ein internationales Forschungsteam mit Basler Beteiligung mit einer Studie im Fachjournal «Plos One» infrage.

Ernährung verrät geringe Mobilität

Die Forschenden rekonstruierten die Ernährungsweise der damaligen Hirtengesellschaften, um daraus Rückschlüsse auf ihre Wanderbewegung zu ziehen. Basis der Analyse waren Skelettreste aus Grabhügeln und Flachgräberfeldern auf den Hochebenen des Kaukasus und der nördlich angrenzenden Steppen. «Diese menschlichen Knochen und Zähne sind archäologische Schätze», sagt Studienautor Prof. Dr. Kurt Alt, Gastprofessor an der Universität Basel und Professor an der Danube Private University. «Sie sind der Schlüssel für ein tiefgreifendes Verständnis der Wirtschaftsweise, der damit verbundenen Mobilitätsmuster und von sozialen Unterschieden.»

Das Forschungsteam analysierte die Isotopenzusammensetzung von Kohlenstoff und Stickstoff im Knochenkollagen aus Skelettresten von 150 Menschen aus acht Fundplätzen. Die Funde stammen aus einem Zeitraum von etwa 5000 bis ca. 500 v. Chr. Zudem verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Daten mit den Isotopenverhältnissen im Knochenkollagen von 50 Tieren sowie mit der lokalen Vegetation aus jener Zeit. Die Isotopenverhältnisse im Knochenkollagen widerspiegeln die Isotopenverhältnisse in den Hauptnahrungsmitteln.

Wie sich herausstellt, stützten sich diese Gruppen vor allem auf das Nahrungsangebot der Landschaften, in denen auch ihre sterblichen Überreste gefunden wurden. «Die Gemeinschaften blieben offenbar in ihrem jeweiligen Ökogebiet und wechselten nicht zwischen Steppe, Waldsteppe oder höher gelegenen Regionen», erklärt Mitautorin Dr. Sandra Pichler vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. Demnach bildeten Fleisch, Milch und Milchprodukte einen Grossteil der Nahrungsgrundlage, wurde aber ergänzt durch Wildpflanzen. Erst am Ende der Bronzezeit begannen landwirtschaftliche Produkte eine wichtigere Rolle in der Ernährung einzunehmen, vermutlich vor allem Hirse.

Technologietransfer per «Stille Post»

«Die Ergebnisse der Untersuchungen sprechen gegen grossräumige Wanderungen», fasst Dr. Sabine Reinhold vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin zusammen. «Sie legen nahe, dass sich die epochalen technischen Innovationen des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr., wie Wagen oder Waffen aus Metall, auf andere Art und Weise verbreiteten.»

Wenn die Mobilität der damaligen Hirtengemeinschaften auf kleinere Distanzen begrenzt war, könnten Technologien vielmehr von einer Gruppe zur nächsten weitergegeben worden sein – eine Art «Stille Post», welche die Herstellung von Bronze, Metallwaffen und die Pferdedomestikation nach Europa verbreiteten.

Neben der Universität Basel und dem Deutschen Archäologischen Institut in Berlin (DAI) waren an der Studie auch Forschende des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie gGmbH Mannheim, der Denkmalschutzbehörde Nasledie in Stavropol‘ (Russland) sowie der Universitäten in Moskau (Russland) und Krems (Österreich) beteiligt.

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