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Universität Basel

20. September 2017

Altnordische Mythen heute: Neue Auftritte für Odin, Thor und Co.

In Ländern wie den USA und Deutschland sind zunehmend Bewegungen entstanden, die sich der altnordischen Mythologie verschrieben haben. Die Problematik und die politischen Dimensionen solcher Trends in Literatur, Populärkultur und neuen Religionen wurden kürzlich an einer Tagung in Augst bei Basel diskutiert.

«Altnordische Mythen und völkische Ideologie» lautete der Titel der internationalen Konferenz, die Dr. Lukas Rösli vom Fachbereich Nordistik der Universität Basel und der Lausanner Religionswissenschaftler Dr. Nicolas Meylan organisiert haben. Thema war der seit rund 20 Jahren erneut zu beobachtende Trend bei Gruppen in westlichen Gesellschaften, einen Zugang zur altnordischen Kultur, Weltanschauung und damit auch deren sozialen Strukturen und Mentalität wiederherzustellen.

Altgermanische Mythologie wiederbelebt: Titelillustration von «Das Hohelied von Allvater» (1918) von Adolf Kroll.
Altgermanische Mythologie wiederbelebt: Titelillustration von «Das Hohelied von Allvater» (1918) von Adolf Kroll.

Zur Sprache kamen zeitgenössische Beispiele, wie altnordische Mythen wiederbelebt und politisch vereinnahmt werden. So wenn sich in den USA rassistisch-nationalistische Männergruppen auf nordische Quellen berufen. Oder wenn sich altnordische Elemente in Rockmusik, Film und TV-Serien wiederfinden, aber auch in Computerspielen, wie sie etwa der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik nachweislich kannte. Vor demselben Hintergrund treten auch neue religiöse Bewegungen auf, die sich zum Beispiel «germanische Neuheiden» nennen.

Bilder, Fantasien, Projektionen

Dabei ist bis heute nahezu unbekannt, wie die Welt der Nordgermanen wirklich aussah: «Was wir unter altnordischer Kultur verstehen, kennen wir fast nur aus isländischen Texten ab dem 13. und 14. Jahrhundert, so die Eddas und die Sagas», sagt Rösli, «und diese wurden erst noch von Christen verfasst». So werde ein bestimmtes Bild der vergangenen Zeit mit Fantasien und Projektionen aufgeladen, die wissenschaftlich längst überholt seien.

In Universitäten der USA findet das Studienfach Nordistik derzeit grosses Interesse, erzählt Rösli: «Das Wiederaufleben der altnordischen Götter und Helden scheint mit einem Trend zum Einfachen zusammenhängen.» Dies führe manchmal auch zu grotesken Vereinfachungen: Die vermeintlich strengen Geschlechterrollen etwa, wie sie die altnordischen Helden der Comics und Spielfilme verkörpern, seien in den Quellen viel differenzierter dargestellt. Da muss sich Thor auch einmal als Frau verkleiden, um seinen gestohlenen Hammer zu holen.

Den Nazis nahestehend

Problematisiert wurde an der Tagung auch der Begriff «völkisch», der aus der Sicht der Romantiker bis zu den Nationalsozialisten im positiven Sinn verwendet wurde. Doch eine rassistische Nebenbedeutung hatte dieser Begriff bereits im 19. Jahrhundert –  und er wird von rechtspopulistischen Bewegungen heute bewusst wieder in Umlauf gebracht.

«Die Tagung sollte auch eine Anregung bilden, mit der Geschichte der Nordistik und der Religionswissenschaft kritisch umzugehen», so Rösli. Die Fächer seien noch stark von Gelehrten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Jan de Vries und Otto Höfler geprägt, die ideologisch den Nazis nahestanden. So lehrte in Basel der Altgermanist Andreas Heusler (1865–1940), der eine seiner Publikationen handschriftlich Hitler widmete – erst nach seinem erzwungenen Rücktritt von der Universität soll er sich 1936 vom Führer distanziert haben. Monografien, Wörterbücher und Grammatiken zahlreicher weiterer Nordistik-Forscher mit brauner Vergangenheit sind Standardwerke und bis heute in Gebrauch.

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