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Universität Basel

21. Juli 2022

Im Fokus: Carolin Sommer-Trembo fischt nach den Gründen der Artenvielfalt

Carolin Sommer-Trembo blickt in ein Aquarium mit Buntbarschen.
Carolin Sommer-Trembo verbringt viel Zeit damit, Fische zu beobachten (Foto: Eleni Kougionis/Universität Basel).

Wenn Carolin Sommer-Trembo nicht in ihrem Büro sitzt, arbeitet sie dort, wo andere Menschen Urlaub machen: in Sambia. Die Evolutionsbiologin forscht an Buntbarschen, die dort in einer aussergewöhnlichen Artenvielfalt vorkommen. Sie untersucht, wie neugierig die Tiere sind. Für ihre Arbeit als Wissenschaftlerin hat sie auf eine Karriere als Tänzerin verzichtet.

«Wo ist denn der Grosse?» Carolin Sommer-Trembo schaut suchend in das zwei Meter lange Aquarium. Der Grosse, das ist ein Buntbarsch, genauer ein Cyphotilapia frontosa. «Der ist gestorben», antwortet der Laborassistent. Sommer-Trembo blickt traurig ins Aquarium: «Altersschwäche, leider», erklärt sie. Der Fisch mit der schwarzen Rückenflosse und Kopfbeule begleitete sie drei Jahre und war ihr Lieblingsfisch.

Zu den Fischen kam Sommer-Trembo eher zufällig, als sie sich für ihre Doktorarbeit einer Forschungsgruppe anschloss. An den Tieren ist sie hängen geblieben, seit vier Jahren forscht die gebürtige Freiburgerin nun als Postdoc an den Buntbarschen. Sie will wissen, wie neugierig die Tiere sind und welchen Einfluss diese Neugier auf die Entstehung neuer Arten hat. «Buntbarsche sind Meister darin, neue Arten zu bilden», erklärt sie. Im Tanganjikasee, der sich von Sambia über Tansania bis Burundi erstreckt, kommen 240 verschiedene Buntbarsch-Arten vor.

Spannende Tiere, frustrierende Technik

An den Tanganjikasee reist Sommer-Trembo immer wieder für ihre Forschung, das letzte Mal 2020 während der Pandemie. Während mehrerer Wochen taucht sie und sucht nach neuen Exemplaren, führt Verhaltenstests durch und nimmt DNA-Proben. Den Verhaltenstest dokumentiert sie mit einer Kamera, in der Schweiz wertet sie die Daten aus.

Carolin Sommer-Trembo
Seit vier Jahren arbeitet Carolin Sommer-Trembo am Departement Umweltwissenschaften (Foto: Eleni Kougionis/Universität Basel).

Über 800 einzelne Fische untersuchte sie bei ihren Aufenthalten. Dabei kam es auch immer wieder zu frustrierenden Momenten. Schuld daran waren aber nicht die Tiere. «Es ist eigentlich immer die Technik, die anstrengend ist. Wenn wir einen speziellen Fisch in der Tiefe des Sees gefunden haben und ihn langsam nach oben bringen – und dann steigt die Kamera hitzebedingt während des Experiments aus, bin ich extrem frustriert», erzählt Sommer-Trembo.

Mit Malaria infiziert

Sie brennt für ihre Arbeit, schwärmt von den Exkursionen nach Afrika und zeigt begeistert die ausgewerteten Daten, mit denen sie gerade ihr Paper schreibt. Obwohl sie derzeit vor allem vor dem Computer sitzt, ist die quirlige Forscherin motiviert: «Das Schönste an der Wissenschaft ist die Freiheit im Denken.»

Die Forschungsarbeit hat manchmal aber auch Schattenseiten: Bei einer ihrer Exkursionen infizierte sie sich mit Malaria – gleichzeitig mit ihrem Feldassistenten. Sie kämpfte mit extremer Übelkeit und hatte Mühe, die lebenswichtigen Medikamente zu schlucken. Rückblickend sieht sie die Erkrankung eher als Anekdote denn als einschneidendes Erlebnis. «Nach vier Tagen haben wir uns wieder an die Arbeit gemacht. Wir hatten schliesslich einen engen Zeitplan», sagt sie mit einem Schulterzucken.

Kollaboration mit Cambridge

Auch in Basel besteht ein Grossteil ihrer Arbeit in Verhaltenstests, einige Fischexemplare haben Sommer-Trembo und ihre Forschungsgruppe aus Sambia mitgebracht, viele wurden hier gezüchtet. In ihrem Labor am Departement Umweltwissenschaften stehen die Aquarien mit Buntbarschen gleich in mehreren Reihen übereinander. Mal schwimmen die Tiere zu zweit, mal sind 20 Stück von ihnen beisammen, einige nur wenige Zentimeter klein und unscheinbar, andere handflächengross mit auffälligen Mustern.

Die Biologin begleitet die Fische ab dem Schlüpfen zwei Jahre lang und testet immer wieder ihr Verhalten. Mit einigen befasst sie sich sogar übers Lebensende hinaus: «Das letzte halbe Jahr war ich damit beschäftigt, Gehirne aus den Fischen zu präparieren.» Gerade findet eine spannende Kollaboration statt: Gemeinsam mit Forschenden in Cambridge will die Forschungsgruppe um Sommer-Trembo jene DNA-Regionen, die für die Neugier zuständig sind, mittels CRISPR/Cas-Methode modifizieren. So können sie vielleicht bald einen neugierigen Fisch schüchterner machen. Und sie gehen der Frage nach, ob die gleichen Gene auch bei anderen Tiergruppen die Neugier steuern.

Tanz oder Wissenschaft – beides geht nicht

An die Universität Basel kam die Evolutionsbiologin nach ihrer Promotion. Auf einem Kongress lernte sie Prof. Dr. Walter Salzburger kennen und war von seinem Forschungsprojekt angetan. Promoviert wurde sie mit ihrer Forschung zu Persönlichkeitsmerkmalen von Fischen in Frankfurt, davor war sie in Hohenheim und Tübingen stationiert. Dass sie sich intensiv mit Fischen beschäftigt, sei eher ein Zufall gewesen: «Ich bin kein typischer Fisch-Freak, ich erkenne nicht jede Art von blossem Anblick. Es hätte auch passieren können, dass ich zur Artbildung von Wespen forsche», sagt die 33-Jährige.

Buntbarsche in einem Aquarium.
Die Neugier half den Buntbarschen zu einer ausserordentlichen Artenvielfalt (Foto: Eleni Kougionis).

So ist sie aber in Basel gelandet und bei den neugierigen Fischen. Auf ihrer Neugierigkeitsskala, mit der sie ihre Fische bewertet, würde sie sich selbst die volle Punktzahl geben. Sie probiere alles aus: Auch vor einem Bungeejump schrecke sie nicht zurück.

Sport gehört sowieso zu ihren grossen Leidenschaften. Bereits als Kind tanzte sie, schaffte es bis zu den Weltmeisterschaften im Standard- und Lateintanz. «Dann musste ich mich entscheiden: Wissenschaft oder Sport. Bis dahin kam der Schlaf einfach zu kurz», erinnert  sie sich. Sie wählte die Wissenschaft. Bereut hat sie es nicht.

Auch wenn es ein ungewisser Weg ist für sie. Gerade jetzt: Ihr Vertrag lief eigentlich vor zwei Jahren aus, wegen der Pandemie wurde er verlängert, danach konnte sie nochmals Geld einwerben. Wie es im Jahr 2023 weitergeht, weiss sie noch nicht. Aber sie denkt auch noch nicht daran. «Darauf kann ich mich im Moment nicht zu sehr fokussieren. Sonst könnte ich mich nicht auf meine jetzigen Aufgaben konzentrieren, vor allem auf das Publizieren.»

Sommer-Trembos Vater ist Professor für Physik, sie kennt den Weg hin zu einer Professor*innenkarriere. Und weiss, dass es viele nicht so weit schaffen. «Natürlich habe ich mit dem Ziel studiert, eine Professur zu erlangen – wir alle in der Forschungsgruppe haben das.» Dennoch ist sie sich bewusst, dass es für viele nicht reicht. «Zur Not arbeite ich mit meinem Doktortitel halt ein halbes Jahr bei McDonalds. Und vielleicht geht plötzlich eine neue Tür auf.»

Das Wissen an die Leute bringen

Mittlerweile hat sich die Biologin ein zweites Standbein aufgebaut. Auf ihrem Blog schreibt sie über ihre Arbeit und versucht so, die Wissenschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Eine Arbeit, die ihr nicht nur Spass macht, sondern die sie auch wichtig findet. «Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Wissenschaftskommunikation ist», ist sie überzeugt.

Auf ihrem Blog bezeichnet sie sich als «dirty-field-biologist». Das kommt nicht von ungefähr: «Während der Feldforschung zu meiner Doktorarbeit in Mexiko standen wir brusttief mit unseren Kleidern im Fluss auf der Suche nach diesen speziellen Fischen. Dabei kam uns aller mögliche Dreck entgegen geschwommen – auch Fäkalien. Daher der Name.» Von ihrer Forschung lasse sie sich «von so Kleinigkeiten» aber nicht aufhalten.

Im Fokus: die Sommerserie der Universität Basel

Das Format Im Fokus rückt junge Forschende in den Mittelpunkt, die zum internationalen Renommee der Universität beitragen. In den kommenden Wochen stellen wir insgesamt sieben Akademiker*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen vor, die stellvertretend für die über 3000 Doktorierenden und Postdocs der Universität Basel stehen.

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