«Die Chancen der Internationalität nutzen»
Nach drei erfolgreichen Jahren im Rahmen von EPICUR-SHAPE-IT wurde die Universität Basel am 19. Februar 2026 offiziell in die Europäische Universitätsallianz EPICUR aufgenommen. Rektorin Prof. Dr. Andrea Schenker-Wicki erläutert die Rolle europäischer Hochschulallianzen im 21. Jahrhundert und die damit verbundenen Perspektiven für die Angehörigen der Universität Basel.
26. Mai 2026
Frau Schenker-Wicki, bisher war die Universität Basel über den Eucor-Verbund indirekt mit EPICUR assoziiert. Was ändert sich durch die direkte Mitgliedschaft konkret – und warum hat es so lange gedauert?
Da die Schweiz kein «Erasmus+»-Programmland ist, waren wir formal von vielen europäischen Initiativen ausgeschlossen. Der Prozess wurde dadurch regulatorisch und politisch etwas langatmiger und anspruchsvoller. Die direkte Partnerschaft in EPICUR ist für uns allerdings eine neue Dimension. Wir sitzen nun mit gleichem Gewicht am Tisch, wenn Lehrformate entwickelt, Forschungsinitiativen gestaltet und Mobilitätsprogramme entworfen werden. Aus einem ‹Dabeisein› wird ein ‹Mitgestalten›. Und genau das entspricht unserem Anspruch.
Was bedeutet EPICUR konkret für Studierende der Universität Basel – was können sie ab nächstem Jahr, was sie heute nicht können?
Das Angebot wird greifbarer und vielfältiger. EPICUR bietet innovative Lehrformate, die speziell für den interuniversitären Campus entwickelt wurden – von rein digitalen Lehrformaten bis hin zur physischen Mobilität in neun Ländern. Eine Studentin der Rechtswissenschaften in Basel kann künftig beispielsweise ein Modul zur europäischen Geopolitik gemeinsam mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Thessaloniki, Poznań und Freiburg belegen – ohne ihr Studium zu unterbrechen oder ein Vollsemester im Ausland zu verbringen. Das ist gerade für Studierende mit Verpflichtungen oder finanziellen Einschränkungen entscheidend. Internationalität darf kein Privileg sein. EPICUR macht sie zugänglich – niederschwellig, flexibel und mit echtem akademischem Mehrwert. Und der persönliche Aspekt ist nicht zu unterschätzen: Wer in einem multinationalen Team an realen Fragestellungen arbeitet, entwickelt Kompetenzen, die kein Lehrbuch vermitteln kann.
Und die Forschenden – profitieren die auch, oder ist EPICUR primär ein Lehrprojekt?
EPICUR hat seinen Ursprung in der Lehre, das stimmt. Aber wer glaubt, Lehre und Forschung liessen sich sauber trennen, hat das Wesen einer forschungsstarken Universität nicht verstanden. Die besten Lehrenden sind forschende Köpfe – und umgekehrt inspirieren interdisziplinäre Lehrkontexte auch die Forschungsagenda. EPICUR finanziert jährlich mehrere Projekte, die genau diese Synergie nutzen. Auch für unsere Forschenden bedeutet die direkte Mitgliedschaft: Zugang zu einem Netzwerk von zehn Universitäten in neun Ländern, neue Anknüpfungspunkte für Drittmittelanträge und nicht zuletzt die Möglichkeit, in europäischen Konsortien sichtbarer zu werden. Gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs – Doktorierende, Postdoktorierende – ist das eine Karrierechance, die wir aktiv fördern wollen.
Sie sprechen viel von Studierenden und Forschenden. Aber wie sieht es mit dem administrativen Personal aus – profitiert auch die Verwaltung von EPICUR?
Ja, denn die Verwaltungsangestellten werden in solchen Diskussionen oft vergessen. Eine international vernetzte Universität braucht ein administratives Rückgrat, das selbst international denkt. EPICUR bietet Austauschprogramme, Staff Weeks und Communities of Practice, bei denen Verwaltungsmitarbeitende an Partneruniversitäten arbeiten, Prozesse vergleichen und voneinander lernen können. Wer einmal gesehen hat, wie Studierendensekretariate in Dänemark, Österreich oder Spanien organisiert sind, kommt mit neuen Ideen zurück.
Die Schweiz ist politisch ein Sonderfall in Europa – immer wieder aussen vor bei EU-Programmen. Macht Sie das als Rektorin manchmal nachdenklich?
Ich habe gelernt, pragmatisch zu sein. Die Schweiz hat eine eigene politische Logik, die ich respektiere. Was mich antreibt, ist die Überzeugung, dass wir trotz oder gerade wegen dieser Sonderrolle kreativ sein müssen. Mit Eucor hat die Universität Basel gemeinsam mit ihren Partneruniversitäten am Oberrhein bereits 1989 ein trinationales Netzwerk lanciert – lange bevor «Europäische Hochschulallianz» ein Förderbegriff in Brüssel wurde. Und jetzt EPICUR! Die Universität Basel liegt mitten in Europa, geografisch und geistig – diese Lage ist unser Privileg und unsere grosse Chance. Denn wir in Basel haben gelernt, mit Grenzen kreativ umzugehen und die Chancen der Internationalität zu nutzen.