Wie verändert künstliche Intelligenz die Bildung, Frau Makarova?
Text: Elena Makarova, Bildungswissenschaftlerin
KI-Systeme halten Einzug in die Bildungs- und Berufswelt. Was bedeutet das für Schulen und Universitäten? Einschätzungen aus den Bildungswissenschaften.
Spätestens seit der Lancierung von ChatGPT und der raschen Verbreitung weiterer KI-basierter Anwendungen ist klar: Künstliche Intelligenz ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine tiefgreifende Veränderung, die das Bildungssystem vor neue Herausforderungen stellt.
Mit dem zunehmenden Einsatz von KI im Alltag von Schülerinnen und Schülern rückt die digitale Ungleichheit stärker in den Vordergrund. Dabei geht es nicht nur darum, ob alle Lernenden, aber auch die Lehrpersonen Zugang zu zuverlässigen Geräten, Internet und KI-Tools haben. Entscheidend ist auch, ob der Unterricht so gestaltet wird, dass KI sinnvoll eingesetzt wird und ihre Ergebnisse kritisch hinterfragt werden können. Damit Jugendliche KI kompetent, kreativ und verantwortungsvoll nutzen können, braucht es eine verlässliche Infrastruktur, inklusive Lernumgebungen und die gezielte Förderung digitaler Kompetenzen.
Dazu gehört auch, zu verstehen, wie KI funktioniert. Schülerinnen und Schüler sollten nachvollziehen können, wie algorithmische Systeme Entscheidungen beeinflussen, wie Inhalte entstehen und verbreitet werden und wo Verzerrungen auftreten können. Ebenso wichtig ist, zu erkennen, welche Interessen und Wertvorstellungen in Technologien eingeschrieben sind.
In diesem Zusammenhang ist auch die im Lehrplan 21 verankerte «Berufliche Orientierung» gefordert. Entscheidend ist weniger, welche Berufe durch KI verschwinden oder entstehen. Wichtiger ist, wie sich bestehende Berufe verändern. Studien zeigen, dass Jugendliche ihre Berufswahl auch danach ausrichten, wie stark sie einen Beruf mit KI verbinden. Diese Einschätzung kann sie beim Übergang von der Schule in die Berufswelt verunsichern.
Berufliche Orientierung muss daher den Wandel der Arbeitswelt im Blick behalten und jungen Menschen realistische Einblicke geben. Gleichzeitig gilt es, alle Jugendlichen gleichermassen zu unterstützen und stereotype Vorstellungen zu hinterfragen – etwa dass Jungen technikaffiner seien und besser mit KI umgehen könnten als Mädchen. So lässt sich vermeiden, dass die Jugendlichen ihre Studien- und Berufswahl vorschnell einschränken.
Zugehörigkeit in digitalen und realen Räumen.
Mit der zunehmenden Präsenz von KI verlagern sich zudem Zugehörigkeit, Anerkennung und soziale Orientierung vermehrt in digitale Räume und auf soziale Plattformen. Schulen sind deshalb stärker gefordert, Orte zu schaffen, an denen demokratische Werte, Vielfalt und ein Gefühl der Zugehörigkeit gestärkt werden. Das kann helfen, Fragmentierung, Ausgrenzung und Polarisierung entgegenzuwirken. Ziel ist es, die jungen Menschen zu befähigen, eine informierte, kritische und verantwortungsvolle Rolle in der Gesellschaft einzunehmen.
Nicht zuletzt erfordert der Einsatz von KI eine besondere Aufmerksamkeit, wenn es um die pädagogische Diagnostik geht. Die Beurteilung schulischer Leistungen beeinflusst Bildungswege und Lebenschancen. Wenn KI die Beurteilung (mit-) übernimmt, stellt sich die Frage nach Fairness und Gerechtigkeit. Deshalb braucht es transparente Kriterien, überprüfbare Verfahren und eine klare menschliche Verantwortung bei Entscheidungen. Nur so lässt sich vermeiden, dass bestehende soziale Ungleichheiten noch verstärkt und datenbasiert legitimiert werden.
Abschliessend lässt sich festhalten, dass Bildungsinstitutionen ihren Umgang mit KI bewusst reflektieren und aktiv gestalten müssen – mit besonderem Fokus auf Bildungsgerechtigkeit und Inklusion. Gefordert sind alle Beteiligten im Bildungswesen; besonders wichtig ist jedoch die gezielte Professionalisierung von Lehrpersonen im Umgang mit KI.
Elena Makarova ist Professorin für Bildungswissenschaften an der Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Akkulturation und Adaptation im Kontext der Migration, Berufsorientierung und Gender sowie Wertebildung und Wertetransmission.
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