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Geld. (01/2026)

Mitbestimmen bis zum Schluss.

Text: Yvonne Vahlensieck

Können ältere Menschen noch ihren Alltag gestalten und etwas selbst entscheiden, wenn sie auf Pflege angewiesen sind? Zu dieser Frage forscht ein Team der Universität Basel.

Ältere Damen in einem Pflegeheim versorgen Pflanzen in einem Hochbeet
Ein selbstbestimmtes Leben, so weit es irgendwie geht: Das wünschen sich ältere Menschen in der Langzeitpflege. (Foto: AdobeStock)

Acht Uhr morgens auf der Station eines modernen Pflegeheims in Basel: Nach und nach macht das Pflegepersonal die Bewohnenden parat für den neuen Tag: waschen, anziehen, kämmen. Wer fertig ist, wird an den grossen Tisch im Essbereich gebracht, meist im Rollstuhl. Eine Aktivierungsfachfrau bereitet für jeden das Frühstück vor und weiss, wer eine heisse Schoggi mag, wer lieber einen Kaffee. Ein Mann isst selbständig und mit grosser Freude sein kleingeschnittenes Marmeladebrot. Den anderen muss die Aktivierungsfachfrau das Essen eingeben – einen Bissen nach dem anderen. Alle Bewohnenden dieser Station leben mit einer demenziellen Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium.

Den Lebensabend unselbständig, fremdbestimmt und getaktet nach einem institutionellen Zeitplan zu verbringen, genau davor haben viele Angst. «Deswegen wünschen sich die meisten Menschen, bis zum Ende zu Hause zu bleiben. Weil sie denken, dort viel mehr mitentscheiden zu können», sagt die Sozialanthropologin und Pflegewissenschaftlerin Sandra Staudacher vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel.

Ihr Team untersucht derzeit in drei Pflegeheimen in Basel-Stadt und Baselland, was ältere Menschen brauchen, um ihr Leben und ihren Alltag aktiv mitbestimmen und gestalten zu können. Und was alle Beteiligten in diesem Umfeld unter einer solchen Partizipation verstehen. Die Studie umfasst zusätzlich auch Spitex-Organisationen und Betreutes Wohnen. Das Ziel ist, daraus Ansätze zu entwickeln, um Partizipation auf allen Ebenen zu verbessern: vom Pflegebett über die Institution bis hin zu kantonalen und nationalen Behörden.

Forschung durch Nähe

Darum sitzt die Doktorandin Séverine Soiron an diesem Morgen mit am Tisch. Sie plaudert mit dem Personal und den Bewohnenden, sie kennt alle mit Namen. Ab und zu hilft sie auch aus – führt einem Mann den Löffel zum Mund, fragt eine Frau, ob sie nicht noch etwas trinken möchte. Hin und wieder macht sie sich Notizen in ein Büchlein. Besuche wie diese sind ein wichtiger Teil der Studie «Epicentre-Participatio». Das Team verfolgt einen ethnografischen Ansatz: Statt beispielsweise Umfragen zum Thema Partizipation durchzuführen, beobachtet die Doktorandin vor Ort und redet mit allen Beteiligten. Einmal hat sie sogar mehrere Nächte im Pflegeheim verbracht, um ganz in den Alltag der Langzeitpflege einzutauchen.

«Die Menschen mit fortgeschrittener Demenz können sich oft verbal nicht mehr ausdrücken und waren deshalb bisher von der Forschung ausgeschlossen», so Staudacher. «Wir wollen sie aber explizit einschliessen und haben uns auch deshalb für diesen Ansatz entschieden.» Ergänzt wird diese Feldforschung durch formelle Interviews beispielsweise mit der Leitung des Pflegeheims, Mitarbeitenden, Bewohnenden und deren Angehörigen, aber auch ausserhalb der Pflegeheime mit Behörden, Verbänden und Interessenvertretungen älterer Menschen.

Nach dem letzten Schluck Kaffee verlässt einer der Bewohner den Tisch und tippelt in seinem Rollstuhl im Zeitlupentempo den Flur hinunter. Jeden Tag nach dem Frühstück besucht er Kollegen auf der benachbarten Station – sein Gesundheitszustand lässt diese Form der Teilhabe an der Gemeinschaft noch zu. Den meisten anderen Bewohnenden geht es wesentlich schlechter. Sie können weder sprechen noch sich ohne Hilfe fortbewegen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass sie trotz der sehr eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten noch aktiv über ihr Leben bestimmen können. Doch das Studienteam ist überzeugt, dass dies bis ganz zum Schluss möglich ist.

«Das beginnt bei der täglichen Pflege und Betreuung», so Staudacher. Auch wenn die Person sich nicht mehr selber anziehen kann, so kann sie doch aussuchen, welche Kleidungsstücke sie tragen möchte. Das lässt sich auch durch Beobachtungen und nichtverbale Kommunikation herausfinden. Die Fähigkeiten für diese interaktive Pflege in allen Lebensbereichen können Pflegende erlernen.

Das ganze System muss mitziehen

Damit sich Partizipation durchsetzt, brauche es jedoch eine Änderung des Bewusstseins auf allen Ebenen. Die Bedürfnisse der älteren Menschen müssen auch bei Pflege- und Heimleitungen und den Gesundheitsdepartementen ankommen. Diese sollten dann die nötigen Freiräume schaffen und Kommunikation auf Augenhöhe ermöglichen. «Viele Pflegende arbeiten nach Checklisten und haben Angst, etwas falsch zu machen.» Die Heimleitung kann dann zum Beispiel signalisieren, dass es auch ok ist, das Essen später zu servieren, wenn eine Bewohnerin das möchte.

Mit ihrem Projekt rennen die Forschenden vor allem beim Pflegepersonal offene Türen ein. «Viele haben ein grosses Bedürfnis, so zu arbeiten, dass die älteren Menschen mehr partizipieren können. Das bringt auch mehr Zufriedenheit im Job mit sich», so Staudacher. Schon bei den Interviews für die Studie sprudeln die Ideen und einiges wird sogar schon umgesetzt: Eine Institution hat beispielsweise das Vorgehen beim Übertritt vom Spital ins Pflegeheim angepasst.

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