Forschen am Küchentisch.
Text: Lara Uebelhart
Alltagssituationen können die Forschung inspirieren und Ausgangslage für wissenschaftliche Erkenntnisse sein. Das veranschaulicht ein Projekt über das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft.
An Michelle Engelers Küchentisch ist immer etwas los. Wie bei vielen Menschen findet dort ein wichtiger Teil des Alltags statt. «Hier frühstücken meine Kinder, sie erzählen, basteln, schimpfen und lachen», berichtet die Sozialanthropologin. Für sie ist der Esstisch zudem auch ein Ausgangspunkt für Feldforschung.
So berichtete eine ihrer beiden Töchter einmal beim Zvieri an diesem Tisch von einer Begegnung vor dem Haus: Eine Passantin habe sie aufgefordert, leiser zu sein, und erklärte: «Hier bei uns ist man nicht so laut.» Die Wortwahl zeigt, dass die Frau Engelers Kind aufgrund seines Aussehens als «nicht von hier» eingeordnet hatte. Solche vermeintlich beiläufigen Erzählungen aus dem Alltag ihrer Töchter werden zu ethnografischen Momenten und somit zu wissenschaftlichen Daten, die in die Forschung der Sozialanthropologin einfliessen können. Sie zeigen, wie Kinder Zugehörigkeit zu einem Quartier erfahren und dass diese nicht immer selbstverständlich ist.
Aus Alltag wird Forschung
Diese Begebenheit ist ein Beispiel dafür, dass Aufwachsen in einer Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen, auch bedeutet, dass Kinder mit Grenzziehungen in Berührung kommen und sich derer bewusst werden. Aufwachsen in der postmigrantischen Stadt kann so auch ein erstes Aufwachen gegenüber sozialen Erwartungen sein.
Das untersucht Michelle Engeler in ihrer aktuellen Forschung. Für sie und ihre Familie ist die Stadt Basel das Zuhause und der Lebensmittelpunkt. Dass der eigene Wohnort ins Interesse der Forschung rückt, sei besonders in den Sozialwissenschaften nichts Aussergewöhnliches, so Engeler. «Themen aus dem privaten Alltag bieten nun mal viel Inspiration, um das Zusammenleben in dieser vielfältigen Stadt besser zu verstehen.»
Kinder haben oft einen anderen Bezug zum Schulalltag und zum Quartierleben als ihre Eltern. Diese erhalten situativ und begrenzt Einblick, zum Beispiel, wenn sie ihre Kinder beim Schulhof abholen, als Zuschauende beim Theaterabend oder im obligatorischen Elterngespräch. Das ist auch bei Michelle Engeler und ihren Kindern so. Die 7- und die 10-Jährige werden dadurch zu Personen, die durch ihr Erleben einen wertvollen Beitrag am Wissensgewinn leisten können. Dieser Umstand wird beim Forschungsansatz «Patchwork Ethnography» genutzt: Die Forschung findet dabei auch im Alltag oder zu Hause statt – und nicht nur in einem klar abgegrenzten universitären Kontext.
Jede Antwort zählt
Im Projekt «Aufwach(s)en im postmigrantischen Basel», das Michelle Engeler gemeinsam mit dem Bildungswissenschaftler Luca Preite und dem Soziologen Peter Streckeisen entwickelte und nun durchführt, kommt Patchwork Ethnography zum Einsatz. Die drei Forschenden kombinieren interdisziplinär unter anderem ethnografische und statistische Methoden, die Basel als postmigrantische Stadt untersuchen. «Postmigrantisch» beschreibt eine Gesellschaft, in der Migration nicht mehr als Ausnahme gilt, sondern als selbstverständlicher Teil der gemeinsamen Realität.
Der Begriff richtet den Blick darauf, wie Menschen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten zusammenleben und wie diese Vielfalt Kultur, Politik und Alltag dauerhaft prägt. Im Zentrum des Basler Projekts steht die Frage, wie es ist, hier aufzuwachsen, und wie im Quartier und an der Schule Identitäten, Zugehörigkeiten und Ungleichheiten geschaffen und ausgehandelt werden.
Für aussagekräftige Ergebnisse gehen die Forschenden bewusste Kooperationen mit unterschiedlichen Personen in der Gesellschaft ein. Diese werden zu Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt. Das nennt sich auch «Citizen Science». Neben der Familie werden zum Beispiel Schlüsselpersonen aus Quartier- und Freizeitorganisationen, Lehrpersonen und Mitarbeitende in der städtischen Verwaltung zu Informationsquellen. Zusätzlich können die Projektleitenden auf ihre eigene Wahrnehmung zurückgreifen: Alle leben mit ihren Familien in Basel, jedoch in unterschiedlichen Quartieren. Diese Vielfalt und ihre jeweiligen fachlichen Hintergründe bereichern die Datensammlung und Auswertung.
Spontaneität als Bonus
Für Michelle Engeler selbst war Patchwork Ethnography eine Art der Befreiung. Sie erklärt: «Als Mutter fühlte es sich an, als wäre mein Raum für Forschung neben der Zeit mit der Familie kleiner geworden.» Diese Art des Forschens schafft neue Flexibilität und verschiebt Grenzen, priorisiert Spontaneität gegenüber starren Strukturen. Und so gibt es für das Projekt auch noch kein fixes Publikationsdatum. Engeler verrät aber: «Wir planen die Publikation der Ergebnisse in verschiedenen Formaten. Toll wäre ein Sammelband mit vielfältigen Stimmen und Beiträgen.»
Das laufende Jahr nutzen die Forschenden noch für die Datensammlung, für die gemeinsame Analyse sowie die Interpretation der Ergebnisse. «Das darf dann auch am Küchentisch stattfinden, während meine Töchter daneben ihre Hausaufgaben machen, malen oder lesen», so Michelle Engeler.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (Mai 2026).

