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Universität Basel

«Mami, leg das Handy weg!»

Text: Eva Mell

Wie beeinflusst es die Entwicklung von Kindern, wenn die Eltern ständig am Smartphone kleben? Die Psychologin Eva Unternährer entwickelt Tipps für einen gesunden Umgang mit dem Handy.

Eva Mell und ihre Tochter
Die Autorin mit ihrer Tochter im Studienlabor, in dem Eva Unternährer elterlichen Smartphone-Konsum und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern untersucht. (Foto: Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel)

«Ma-mi-kannst-du-mal-kom-men?» Bei jeder Silbe klatscht eine Kinderhand gegen meinen Oberschenkel. «Hmm? Warte. Ich muss nur kurz was nachschauen.» – «Komm-end-lich!», ruft meine sechsjährige Tochter. Klatsch-klatsch-klatsch. Ihre Hand prallt sanft genug auf, um keine Schmerzen zu verursachen, aber hart genug, um zu unterstreichen: Es reicht, leg das Handy weg.

Was mein Kind erlebt hat, ist ein klassischer Fall von Phubbing, eine Wortneuschöpfung, zusammengesetzt aus «phone» und «snubbing», die den unangemessenen Gebrauch von Smartphones in sozialen Situationen bezeichnet. Ich konzentrierte mich aufs Handy, während mein Kind die Interaktion suchte. Und weshalb tat ich das? Um nachzuschauen, wo genau ich am nächsten Tag mit dem Kind sein soll.

Einen Tag später sind meine Tochter und ich pünktlich an den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel, um am Labor-Assessment von Eva Unternährer teilzunehmen. Die Psychologin ist Senior Researcher an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Forschungsabteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken. Ihr aktuelles Forschungsprojekt heisst «SMARTIES – Study on Mobile Device Attraction, Relationship Ties, Social Interactions, Emotion Regulation, and Stress». Darin untersucht sie, welchen Einfluss ein problematischer Smartphone-Gebrauch von Eltern auf die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern hat und welche Rolle die Eltern-Kind-Beziehung dabei spielt.

Suchtfaktor Social-Media-Apps

Um zu verstehen, was ein problematischer Smartphone-Gebrauch überhaupt ist und welche Risikofaktoren es dafür gibt, führte Eva Unternährer zunächst eine Vorstudie durch, für die sie von Mai bis November 2020 knapp über 200 Studierende aus der Schweiz per Onlineumfrage befragte. Sie bilanziert: «Das ist individuell. Wenn andere Aktivitäten und soziale Beziehungen vernachlässigt werden, wenn man das ständige Verlangen nach dem Smartphone spürt und es schwerfällt, nicht nachzugeben, dann kann man den Gebrauch als problematisch bezeichnen.»

Das Gerät an sich löse noch keinen problematischen Gebrauch aus, betont Eva Unternährer, sondern vor allem die Aktivitäten, die darauf möglich sind. «Wir haben herausgefunden, dass die Nutzung von sozialen Medien eine der Aktivitäten ist, die am stärksten mit einem problematischen Gebrauch zusammenhängen», sagt Eva Unternährer und erklärt: «Social-Media-Apps sind so designt, dass die Menschen damit mehr Zeit als geplant verbringen.»

Lange habe man gedacht, dass vor allem passive Nutzerinnen und Nutzer gefährdet seien, unter dem Konsum zu leiden. Sie scrollen durch soziale Medien und vergleichen sich dabei unweigerlich mit anderen. Mögliche Folgen seien Stress, Ängste und negative Auswirkungen auf das eigene Selbstwertgefühl. «Aber auch aktive User können Stress verspüren, weil sie im Gespräch bleiben, etwas Neues veröffentlichen, teilen oder liken wollen», sagt die Forscherin. Ihre Studie ergab, dass Achtsamkeit vor einem problematischen Gebrauch schütze. Wer hingegen psychisch labil und wenig achtsam ist, sei besonders gefährdet.

Die Ergebnisse der Vorstudie geben Eva Unternährer auch einen Hinweis darauf, welche Eltern ein besonders hohes Risiko für eine problematische Smartphone-Nutzung haben könnten. «Wir wollen die Resultate in der Hauptstudie bestätigen und künftig auch nutzen, um gezielte Massnahmen für gefährdete Eltern zu entwickeln», sagt sie.

Mehr Zeit am Handy als mit dem Kind

Gestartet hat die Psychologin mit einer Online-Befragung von Eltern aus der Schweiz, derzeit läuft das Labor-Assessment. Ihre Studie ergänzt die wenigen Untersuchungen, die es bisher zu diesem Thema gibt und die vor allem in Nordamerika und Asien durchgeführt wurden. Was die internationale Forschung bereits zeigen konnte: «Kinder, deren Eltern immer wieder vom Smartphone abgelenkt waren, die also Phubbing erlebten, hatten ein erhöhtes Risiko für unterschiedliche Verhaltensauffälligkeiten», sagt Eva Unternährer.

Aber weshalb eigentlich? Die Konzentration aufs Smartphone bewirke zum Beispiel, dass Eltern seltener und kürzer mit ihren Kindern sprechen und sich weniger mit ihnen beschäftigen, erklärt die Forscherin. Das sei vor allem bei problematischem Konsum fatal, denn damit sich das Kind emotional gesund entwickeln kann, brauche es die Interaktion mit den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen.

Eine erste Auswertung ihrer Onlineumfrage zeige, dass Kinder, die oft Phubbing erleben, in einem erhöhten Mass internalisiertes Verhalten zeigen, also zum Beispiel zurückgezogen, ängstlich und unsicher sind. Die SMARTIES-Studie ist laut Eva Unternährer eine der wenigen Studien, die das Thema darüber hinaus mithilfe eines Labor-Assessment untersucht.

Um davon einen Eindruck für diesen Artikel zu bekommen, hatte ich mich kurzerhand zusammen mit meiner Tochter angemeldet. Das Labor ist ein Spielzimmer mit Playmobilfiguren, Bausteinen, Büchern, Puzzeln und vielem mehr. Die Augen meiner Tochter leuchten, als sie ungestört und ganz ohne Phubbing mit mir am Tisch in der Raummitte spielt.

Sie beachtet den grossen Spiegel an der Wand gar nicht. Dahinter sitzt eine Masterstudentin von Eva Unternährer und beobachtet uns beim Spielen, um die Eltern-Kind-Interaktion auf Video aufzuzeichnen und diese später zu analysieren. Einige Minuten später wird sie meine Sechsjährige auf ihre sozioemotionale Entwicklung hin untersuchen, während ich Fragebögen rund um meinen Smartphone-Konsum und meine psychische Verfassung ausfülle.

Wenn Smartphone, dann mit dem Kind

Am Ende will das Forschungsteam mit den gesammelten Daten Empfehlungen für einen regulierten elterlichen Smartphone-Gebrauch zusammenstellen.

So viel kann Eva Unternährer bereits jetzt verraten: «Nur Inhalte und Nutzungsdauer zu beschränken, ist nicht die wirksamste Methode.» Was besser sei: «Wenn man das Smartphone nutzen will, dann gemeinsam mit dem Kind. Die Aktivitäten sollten kindgerecht sein und man sollte eine soziale Interaktion daraus machen.» Die ungeduldigen Klopfer auf den Oberschenkel hätte ich also wahrscheinlich vermeiden können, hätte ich die Universitären Psychiatrischen Kliniken gemeinsam mit meiner Tochter in der Navigationsapp gesucht und ihr erklärt, warum ich das nachschauen will. So hätte sie verstehen können, weshalb ich das Smartphone in dieser Situation benötigt habe.

Die Elterntipps sollen am Ende der Studie auf einer Website veröffentlicht werden. In den sozialen Medien wird Eva Unternährer sie voraussichtlich nicht teilen. Denn: «Ich will die Eltern vom Smartphone wegbringen und sie nicht noch stärker dorthin ziehen.» Ein Dilemma, wie sie zugibt. Denn genau dort halten sich Eltern auf, die sie eigentlich erreichen will.


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