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Universität Basel

Therapie zwischen Hühnerhof und Schweinestall.

Text: Yvonne Vahlensieck

In einer Basler Reha-Klinik helfen Schafe, Hühner und andere Tiere den Patienten bei der Rückkehr in den Alltag. Gleichzeitig findet dort auch praxisnahe Forschung zu tiergestützten Therapien statt. Zu Besuch bei den tierischen Fachkräften.

Patientin mit Huhn
Eine Ergotherapie mit Tieren fördert die neurologische Planung von Bewegungen, zum Beispiel den Einsatz der Hand. (Foto: Andreas Zimmermann)

Frederik hat heute keine Lust zu arbeiten. Es regnet und statt seine Besucher zu begrüssen, vergräbt er sich lieber in einem Berg von Stroh. «Schlechtes Wetter mag er gar nicht», lacht die Psychologin Karin Hediger. Es stört sie nicht, dass Frederik heute faulenzt. Denn das Minischwein muss nur arbeiten, wenn es will – wie alle Bewohner des Therapie-Tiergartens des REHAB Basel, einer Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie.

Die kleine Anlage ist im Jahr 2013 direkt gegenüber dem Eingang der Klinik entstanden und bietet Menschen mit Hirn- und Rückenmarksverletzungen die Möglichkeit, ihr Therapieprogramm gemeinsam mit Tieren durchzuführen. Hediger half beim Aufbau des Projekts und leitet nun eine Forschungsgruppe an der Universität Basel, die Studien zur Wirkung dieser tiergestützten Therapien durchführt.

Mit Tricks das Interesse wecken

Auf einem Rundgang durch die Stallungen begrüsst Hediger die Minischweine, Zwergziegen und Meerschweinchen mit Namen. Sie kennt offensichtlich alle – und alle kennen sie. Sie macht ein Gatter auf und eine Gruppe Hühner trippelt neugierig auf sie zu: «Die sind neu und noch bei den Tierpflegern in Ausbildung.» Dabei lernen sie nicht nur den Umgang mit Menschen, sondern beispielsweise auch verschiedene Farben zu unterscheiden. Diese Kunststücke werden dann in Form von Spielen in die Therapie eingebaut. Hediger öffnet einen Schrank, in dem dafür allerlei Spielsachen wie bunte Ringe und Schaumstoffwürfel untergebracht sind. «Das erstaunt manche schon sehr, dass unsere Schafe würfeln können.»

Die Therapie mit Tieren hat in den letzten Jahren einen grossen Aufschwung erlebt. Sie wird nicht nur in der Neurorehabilitation, sondern auch bei psychiatrischen Problemen wie Depressionen, Angststörungen, Autismus und posttraumatischer Belastungsstörung eingesetzt. Mit ihrer Forschung möchte Hediger genauer herausfinden, warum dies Erfolg hat, und die Therapien weiter verbessern. Ihre Studienergebnisse fliessen hier direkt in die Praxis ein.

Füttern trainiert die Feinmotorik

In einem der Therapieräume im Stallgebäude hat gerade eine Stunde begonnen. Die Patientin sitzt mit ihrer Ergotherapeutin vor einer grossen, mit Streu und Heu gefüllten Kiste, in der drei Meerschweinchen quicklebendig herumspringen. Immer wieder strecken sie den Kopf in Richtung der Patientin, die gerade einen Apfel und Salat rüstet. Sobald ein Tier etwas davon ergattert, flitzt es in einen Unterschlupf, um den Leckerbissen in Ruhe zu verspeisen. Die junge Frau, die zu Hause selbst Meersäuli hält, hat sichtlich Freude an den Kapriolen der Tiere.

Zum Schneiden und Füttern benutzt sie nur die rechte Hand, die linke kann sie aufgrund einer Hirnverletzung nur schlecht bewegen. Die Therapeutin schlägt vor, auch mal mit links zu füttern. Etwas ungelenk greift die Patientin mit der linken Hand nach einem Apfelschnitz und reicht ihn einem Meerschweinchen, das damit glücklich davonzieht.

Hediger berichtet, dass diese Form der Therapie sehr gefragt ist. «Wenn sie für ein Tier Futter zubereiten, sehen sie mehr Sinn dahinter, als wenn sie beispielsweise einfach einen Ball zusammendrücken müssen, um den Handeinsatz zu üben.» Und wenn etwas sinnvoll erscheint, ist auch der Therapieerfolg grösser.

Diesen Zusammenhang konnte Hediger in einer ihrer Studien nachweisen: Patienten mit Hirnverletzungen waren während einer Therapie mit Tieren motivierter, kommunikativer und zufriedener als während konventionellen Sitzungen. Hediger setzt die Führung nun im Freien fort. In den Aussengehegen kuscheln sich Kaninchen und Meerschweinchen ins Heu. In einem Auslauf geht Minischwein Frederik mit seinem Bruder Piggeldy spazieren. Die Aussicht auf das baldige Nachtessen hat ihn nun doch nach draussen gelockt. Durch ein niedriges Fenster im Nebengebäude lassen sich die (im Moment nicht würfelnden) Schafe beobachten. Hediger erklärt, dass alles gut mit dem Rollstuhl zugänglich ist.

Auch die Gehege der Meerschweinchen sind so erhöht, dass Menschen im Rollstuhl Augenkontakt aufnehmen können. «Aber die Tiere können sich auch jederzeit zurückziehen, das ist sehr wichtig.» Das Wohlergehen der Tiere liegt Hediger am Herzen; deshalb führt sie auch als eine der ersten Forschenden in diesem Fachgebiet Studien dazu durch. So ermittelte sie beispielsweise das Stressniveau von Meerschweinchen in verschiedenen Therapiesituationen. Als Zeichen für eine erhöhte Belastung diente dabei ein mit einem Infrarotthermometer gemessener Anstieg der Körpertemperatur. Klares Fazit dieser Untersuchung: Die Meerschweinchen sollten während der Therapie mit ihrer gewohnten Gruppe zusammen sein und brauchen immer einen Unterschlupf als Rückzugsort.

Jeder findet einen eigenen Zugang

Nebenan geht es laut zu: In einer grossen Voliere flattern Wellensittiche, Papageien und andere exotische Vögel durcheinander. In der hinteren Ecke des Geländes versorgt ein Pfleger derweil die Pferde. Warum gibt es im Tiergarten eine solche Vielfalt? «Wir wollen eine grosse Bandbreite an Tieren, die verschieden mit Menschen interagieren, verschiedene Persönlichkeiten haben und verschiedene Sinne ansprechen», erklärt Hediger. So gibt es für fast jeden eine passende Aktivität: Gewisse Therapieziele lassen sich besser mit Kaninchen umsetzen, für andere sind Ziegen besser geeignet. Manche macht es glücklich, ein Pferd zu striegeln, andere hören lieber dem Gezwitscher der Vögel zu. Und bei Patienten, die auf dem Bauernhof aufgewachsen sind, wecken Schweine und Schafe alte Erinnerungen.

«Wir sind auf psychologischer Ebene gewissermassen programmiert darauf, mit Tieren in Kontakt zu treten», sagt Hediger. So sei bekannt, dass das Streicheln eines Hundes das Ausschütten eines Glückshormons auslöst. Zurzeit untersucht sie, ob auch Menschen im Wachkoma davon profitieren, wenn sie – mit Unterstützung – mit einem Hund Kontakt aufnehmen und ihn streicheln. Nach ersten Erkenntnissen hat dies tatsächlich einen positiven Einfluss auf das Bewusstsein, wie Messungen der Herzfrequenz, Augenbewegungen und Mimik ergaben.

Für heute haben die tierischen und menschlichen Therapeuten Feierabend. Eine Tierpflegerin räumt die Schilder, die den Bereich während der Sitzungen sperren, beiseite. Jetzt steht der Tiergarten wieder jedem offen, der sich bei einem Spaziergang unter Tieren eine kleine Dosis Glück abholen will.

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