x
Loading
+ -

Universität Basel

Schleichende Vorboten.

Text: Yvonne Vahlensieck

Je früher eine Demenz erkannt wird, desto besser lässt sich helfen. Das macht die Suche nach den allerersten Anzeichen so wichtig.

Testsituation an der Memory Clinic mit einer Zeichnung eines Hauses
Mithilfe von kognitiven Tests versuchen Forschende, frühe Anzeichen einer Demenz aufzuspüren. (Foto: Derek Li Wan Po)

Jeder vergisst ab und zu etwas. Auch Andreas Monsch, Leiter der Memory Clinic der Universitären Altersmedizin Felix Platter. «Solche Fehler sind mit einer gewissen Häufigkeit normal. Deshalb benutzen wir alle auch Hilfsmittel wie das hier», sagt er und hält das Smartphone hoch, auf dem sich seine Agenda befindet. Doch manchmal ist eine zunehmende Vergesslichkeit ein Anzeichen für den Beginn einer Demenz, beispielsweise aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung. Die Memory Clinic Felix Platter ist auf die Frühdiagnostik solcher Leiden spezialisiert: Sie führt jedes Jahr bei etwa 1000 Menschen eine Abklärung durch – mit speziell dafür entwickelten kognitiven Tests sowie einem Hirnscan mit Magnetresonanztomografie (MRT), der Veränderungen der Hirnstruktur aufzeigt und andere Ursachen, etwa einen Tumor, ausschliessen kann.

Das Team ist bemüht, eine Demenz zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu diagnostizieren, um auch möglichst früh helfen zu können. Zwar gibt es noch keine Therapie, die Alzheimer heilen oder stoppen kann, aber es gibt Medikamente, die noch intakte Hirnzellen schützen. Zudem hilft Klarheit den betroffenen Familien: «90 Prozent der Angehörigen sind durch die Diagnose erleichtert, weil sie nun wissen, mit was sie es zu tun haben, und besser damit umgehen können», so Monsch.

Diagnose noch vor den ersten Symptomen

Daher arbeiten die Forschenden in der Memory Clinic daran, die Frühdiagnostik noch weiter zu verbessern. Das Ziel: Tests zu entwickeln, die eine Demenz schon entdecken, bevor sich im Alltag deutliche Symptome zeigen. «Das Hirn kann sehr gut kompensieren. Man nimmt Einschränkungen lange nicht wahr, auch wenn die Krankheit schon Monate oder Jahre am Werk ist», sagt die Psychologin Sabine Krumm, die auf neurokognitive Prozesse spezialisiert ist.

Sie verfolgt bei ihrer Forschung einen innovativen Ansatz: Aus MRT-Scans ist bekannt, wo sich als Erstes die schädlichen Ansammlungen von Tau-Protein bilden, die für eine Alzheimer-Erkrankung typisch sind – nämlich in einem etwa fingernagelgrossen Bereich der Grosshirnrinde, dem perirhinalen Kortex. Diese Hirnregion ist unter anderem für das Erkennen von komplexen Bildern und Objekten verantwortlich. «Wir versuchen deshalb, kognitive Tests zu entwickeln, die genau diese Fähigkeit prüfen. Denn das früheste Zeichen muss nicht unbedingt eine Vergesslichkeit sein.»

Der perirhinale Kortex hilft beispielsweise beim Unterscheiden von Lebewesen. Weil diese oft sehr viele gemeinsame Eigenschaften haben, ist dies schwieriger als das Unterscheiden von Gegenständen wie etwa Werkzeugen. Deshalb liess Krumm Versuchspersonen in einem frühen Stadium der Alzheimer-Erkrankung eine Minute lang jeweils möglichst viele Tiere und Früchte oder Werkzeuge und Fahrzeuge aufzählen. Es zeigte sich, dass die Erkrankten bei den Tieren und Früchten signifikant schlechter abschnitten als eine gesunde Kontrollgruppe. Bei den Werkzeugen und Fahrzeugen gab es hingegen keinen Unterschied.

Krumm glaubt, dass solche Tests das Potenzial haben, eine Alzheimer-Demenz noch viel früher zu entdecken. Dies untersucht sie nun in einer von ihr geleiteten Studie, bei der 400 gesunde, im Schnitt 75 Jahre alte Versuchspersonen über mehrere Jahre hinweg eine Reihe von kognitiven Tests absolvieren und jeweils einen MRT-Scan erhalten. Voraussichtlich werden 25 bis 30 der Teilnehmenden in den nächsten Jahren eine Demenz entwickeln. Dann kann die Forscherin rückblickend die Testergebnisse analysieren und nach allerersten messbaren Unterschieden zwischen gesund Gebliebenen und Erkrankten suchen.

Klinikleiter Monsch glaubt, dass dieses Projekt wichtige Vorarbeit leistet: «Wenn es in Zukunft ein Medikament gegen Alzheimer gibt, dann wollen wir es schon einsetzen, bevor es zu Symptomen kommt.» Denn bereits zerstörte Hirnareale lassen sich nicht wiederherstellen. «Wenn wir diese schreckliche Krankheit besiegen wollen, dann müssen wir in der Lage sein, sie zu diagnostizieren, bevor es die Betroffenen merken.»


Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

nach oben