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Universität Basel

Kitsch trifft mitten ins Gemüt.

Text: Christoph Dieffenbacher

Seicht, süsslich und sentimental: Wer ein Musikstück als kitschig bezeichnet, wertet es in der Regel ab. Ein Basler Musikwissenschaftler untersucht, wie dieser strapazierte Begriff seit rund 150 Jahren die Runde macht – und findet Überraschendes.

Postkarte mit Liedtext von Ave Maria
Ausschnitt einer Postkarte mit Liedtext von Franz Schuberts «Ave Maria»; Bunte Reihe Nr. 234; um 1930. (Bild: Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Albert-Ludwigs- Universität Freiburg, LP 2887 and LP 2015)

Was Kitsch ist, glauben wir zu wissen: Das sind jene minderwertigen Kunsterzeugnisse, die durch einfache Mittel direkt auf unsere Gefühle zielen, um ihre grösstmögliche Wirkung zu entfachen. Wer von Kitsch redet, meint: Das ist schlechte Kunst.

Der 39-jährige Andreas Baumgartner vom Fachbereich Musikwissenschaft ist dem Kitsch seit Jahren auf der Spur – und hält den Begriff für schillernder denn je: «Er scheint sich einer klaren Bestimmung ständig zu entziehen. Und paradoxerweise bessert sich das bei eingehender Untersuchung kaum.» An eine Definition wagt sich der Forscher im Gespräch trotzdem: «Kitsch steht gemeinhin für schlechten Geschmack, für das Klischeehafte, falsches Pathos, Lüge. Er blufft, simuliert, heuchelt – der Vorwurf der Scheinkunst schwebt im Raum.»

Ein deutsches Wort geht um die Welt

Nicht einmal die Herkunft des «Schlagworts» Kitsch scheint klar. Wahrscheinlich leitet sich der Begriff – der Ende des 19. Jahrhunderts in süddeutschen Künstlerkreisen aufkam – vom Verb «kitschen» (schmieren) ab. Als «Kitsche» wurde der Schlamm bezeichnet, der im Strassenbau anfällt. Auch kommen das englische «sketch» (Skizze) oder das jiddische «verkitschen» (etwas billig verkaufen) als Ursprung infrage. Der Begriff wurde jedenfalls aus dem Deutschen gleich von mehreren Weltsprachen übernommen – bis zum Russischen – und ging so rasch um die Welt.

Was empfinden wir in der Musik als Kitsch? Baumgartner vermutet: «Beteiligt sind dabei sicher die Häufung bestimmter musikalischer Wendungen und Akkordfolgen, die wiederholte Auflösung einfacher Spannungsbögen und das Fehlen von Brüchen oder Reibungen.» Musikalischer Kitsch, so die landläufige Meinung, versetzt die Zuhörenden in eine andächtig-religiöse, gefühlvoll-schwärmerische Stimmung. Man ist gerührt – und ein bestimmtes Bild erscheint einem vor Augen, sei es ein Vollmond oder ein Sonnenuntergang. Es sei aber eine oberflächliche Schönheit, die lediglich Stimmung aufbauen und das Publikum berühren soll, lautet eine häufige Kritik.

Operettenschlager, Salongeklimper, Filmmusik: Aufgekommen waren die einfachen, eingängigen Stücke im Zug der massenhaften Verbreitung der Musik im 19. Jahrhundert, erzählt Baumgartner: «Das Wort ‹Kitsch› kam genau zu jener Zeit auf, als sich Vertreter der Hochkunst von einer Massenkunst abgrenzen wollten.» Auch in der bildenden Kunst, der Fotografie und der Literatur wurde damals für das aufsteigende Bürgertum in grossen Mengen produziert – immer mehr Menschen wollten sich Anteile an der Welt der Kunst und Kultur sichern.

Schlagerstar singt Schubert-Lied

Baumgartner zeigt in seiner Dissertation unter anderem, wie ein Schubert-Lied seinen Weg bis zum berühmten Popsong gefunden hat: Die Komposition mit dem ursprünglichen Titel «Ellens Gesang III» entstand 1825 als Teil eines Liederzyklus und wurde als «Hymne an die Jungfrau» und «Ave Maria» rasch populär. Bereits kurz nach seiner Entstehung erfuhr das Lied unüberblickbar viele Bearbeitungen. Später zum Welthit avanciert, dient es auch in Kirchen als Stimulanz für tiefe Gefühle – erstaunlicherweise an Hochzeiten ebenso wie an Beerdigungen. Zudem erklang es in zahlreichen Filmen wie Disneys «Fantasia » von 1940 und fand sich im Repertoire von Stars wie Romy Schneider, Roy Black und Céline Dion.

Eine der «Ave-Maria»-Bearbeitungen hat der Musikwissenschaftler Note für Note untersucht: jene der deutschen Schlagersängerin Helene Fischer. Während der Text abgeändert wurde, scheint die Musik fast dieselbe. Doch eine Reihe von gezielten Vereinfachungen, aber auch Ausschmückungen machen das Lied «zu einer sanft-melancholisch, sinnlich- charmanten Sehnsuchtsmusik», die ein Millionenpublikum zu berühren vermag, so Baumgartner. Nicht entscheiden mag er, ob der mit viel Pomp perfekt angerichtete Schubert-Song nun «im Olymp des Populären angekommen» oder aber «zum Sinnbild des Untergangs der deutschen Kultur geworden» sei.

«Süsser» und «saurer» Kitsch

Denn statt zu werten und zu urteilen, will der Wissenschaftler herausfinden, welche Musik wann, von wem und aus welchen Gründen als «Kitsch» bezeichnet wurde. Und wie es tönt, wenn ein Komponist bewusst kitschige Musik auf die Bühne bringt – so etwa im «Kitsch-Duett» in einer Oper von Paul Hindemith. Als Beispiel untersuchte er auch das bekannte «Adagietto» aus Mahlers 5. Sinfonie in cis-Moll – dem Stück war ebenso eine lange Karriere beschieden, etwa in Luchino Viscontis Verfilmung von «Der Tod in Venedig». Für viele sind heute auch Puccinis Opern, Johann Strauss’ Walzer und Tschaikowskis Sinfonien sehr nahe an der Kitschgrenze.

Der Forscher stiess auch auf den Begriff des «sauren Kitschs», der um 1920 für kurze Zeit in die kulturellen Debatten einging. Diesmal sollte mit dem Kitsch-Vorwurf nicht die gefällige Musik abgewertet, sondern umgekehrt die aufkommende Avantgarde diskreditiert werden: Kunstrichtungen wie Neoimpressionismus, Futurismus und abstrakte Malerei, Picasso inklusive. Dieser «saure» oder «futuristische» Kitsch entferne sich von guter Kunst und zerstöre gar ihre Gesetze, schrieb etwa der deutsche Kunsthistoriker und -kritiker Curt Glaser. Hier kann Baumgartner zeigen, dass bei der Auseinandersetzung mit «Kitsch» nicht nur dessen ästhetische Wirkung, sondern auch soziale und politische Dimensionen eine Rolle spielen.

Hirschgeweihe und Gartenzwerge

Persönlich ist Baumgartner, der Klarinette, Klavier und Orgel spielt und über den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone geforscht hat, vom Kitsch fasziniert – er nimmt ihn ernst. Nicht nur seien die Kriterien dafür äusserst vielfältig und variabel, man komme auch zunehmend von dessen Abwertung weg: «Heute hat sich das Phänomen Kitsch in der Gesellschaft weit verbreitet. Er gehört zum Lebensstil oder ist zum ironischen Statement geworden.» In einer Zeit, da Hirschgeweihe, Gartenzwerge und Schlagerstars salonfähig seien, müssten sowieso gewisse Vorstellungen von Kultur überdacht werden: «Kitsch lässt sich als etwas verstehen, das einen Teil von Kunst ausmacht.»

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